Bei Husten, Schnupfen, Kopfschmerzen und anderen leichten Beschwerden greifen immer mehr Patienten zu pflanzlichen Heilmitteln, sogenannten Phytopharmaka.
Diese haben nach wie vor den Ruf der sanften Alternative zur Behandlung mit chemischen Wirkstoffen. Allerdings sind diese Wirkstoffe nicht, nur weil sie aus der Natur kommen, als "harmlos" einzustufen. Zum Beispiel können pflanzliche Abführmittel genauso wie chemische zur Gewöhnung und damit zur Abhängigkeit führen.
In einigen Fällen konnte bestimmten Phytopharmaka eine gute Wirksamkeit nachgewiesen werden, so zum Beispiel bei der Behandlung der Nasennebenhöhlenentzündung (Sinusitis).
Eine Überdosierung oder nicht sachgerechte Anwendung stellt auch bei pflanzlichen Wirkstoffen eine Gefährdung für die Gesundheit dar.
Es gibt noch eine Menge zu entdecken
Krankheiten mit Hilfe von Heilpflanzen zu behandeln, ist eine der ältesten Errungenschaften der Menschheit. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war die Phytotherapie die wichtigste Medizinlehre überhaupt. Im 16. Jahrhundert hatte Paracelsus damit begonnen, die bei uns heimischen Heilkräuter systematisch zusammenzufassen. Er entwickelte Methoden, wie die gewünschten Wirkstoffe am besten aus den Pflanzen extrahiert werden können. Damit machte er die Phytotherapie zu einer Erfahrungswissenschaft, die danach mehr und mehr naturwissenschaftlichen Grundsätzen folgte.
Viele der Arzneimittel, die heute chemisch hergestellt werden, stammen ursprünglich aus der Pflanzenheilkunde. So entstand zum Beispiel der Wirkstoff Acetylsalicylsäure
(ASS) aus der Rinde des Weidenbaumes. Stark schmerzlindernde Substanzen wie die Opiate wurden aus dem Milchsaft des Schlafmohnes gewonnen und im Schneeglöckchen findet man den Wirkstoff Galantamin, der gegen Alzheimer eingesetzt wird. Experten wie Jürgen Drevs von der Klinik für Tumorbiologie der Universität Freiburg schätzen, dass nur zwischen ein bis fünf Prozent aller rund 250.000 bekannten höheren Pflanzen auf ihre medizinische Wirksamkeit untersucht sind. Pflanzen sind sicherlich eine viel versprechende Quelle für neue und hochwirksame Reinsubstanzen
, ist sich Drevs sicher.
Nicht mehr zu überblickendes Angebot und Schwarze Schafe
An Phytopharmaka werden heute die gleichen hohen Anforderungen gestellt wie an chemisch produzierte Arzneimittel. Was Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit betrifft, müssen sie die gleichen gesetzlichen Bestimmungen erfüllen. Außerdem dürfen nur Wirkstoffe verordnet werden, deren Nutzen größer ist als das Risiko. Und doch bleiben viele Mediziner skeptisch.
Der Markt ist nicht mehr zu überblicken und es gibt eine Menge "Schwarzer Schafe" in der Branche. Die Grenze zwischen naivem Versprechen von Heilwirkungen und bewusst irreführender Werbung ist nur schwer zu ziehen. Hinzukommt, dass Menschen inzwischen durch das Internet praktisch uneingeschränkten Zugang zum Weltmarkt der pflanzlichen Heilmittel haben. Und damit auch zu einem leichten Opfer für rücksichtslose Geschäftemacher. Im virtuellen Raum des World Wide Web greifen die Kontrollmöglichkeiten der nationalen Gesundheitsbehörden kaum.
Der Fall Ephedra
Beispiel für die Gefahr aus dem Internet: Im April 2002 warnte das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) vor dem unkontrollierten Verzehr von Produkten, die Ephedra-Kraut enthalten. Sie sind weder als Arzneimittel zugelassen, noch dürfen sie als Lebensmittel vertrieben werden. Über das Internet wurden Ephedra haltige Produkte als Nahrungsergänzungsmittel oder Tee angeboten. EU-rechtlich bedürfen diese Produkte einer Zulassung als Arzneimittel. Das BfArM warnte:
Es kann zu unerwünschten Wirkungen kommen, wie etwa Pupillenerweiterung, Nervosität, Zittern, Schweißausbrüchen, Herzrhythmusstörungen, erhöhtem Blutdruck und bei hoher Dosierung zu Krampfanfällen und psychischen Veränderungen.
In den USA waren bereits mehrere hundert Menschen durch die unkontrollierte Einnahme solcher Produkte erkrankt, mehr als zehn starben an den Folgen.
Ephedra, auch als Meerträubel bekannt, ist ein chinesisches Heilmittel. Es wird unter dem chinesischen Namen Ma-huang oder als Mormonen-, Brigham- und Mexikanischer Tee gehandelt. Die natürlicherweise enthaltenen Ephedra-Alkaloide, die in Form und Charakter Amphetaminen ähneln, besitzen pharmakologische Eigenschaften: Ephedra-Kraut wirkt gefäßverengend, kreislaufstimulierend, blutdrucksteigernd, zentral erregend, appetitdämpfend und krampflösend auf die Bronchien.
Ein Beispiel für solch ein Internetangebot ist der Ephedra-Tee. Er wird als Appetitzügler beworben, der - angeblich - überschüssiges Fett verschwinden und Muskeln wachsen lassen soll. Heuschnupfen-Patienten - so die Werbung - würden von ihrer Allergie befreit. Mit derartigen medizinischen Aussagen dürfen in Deutschland aber nur rezeptfreie Arzneimittel beworben werden, für die Qualität, Wirksamkeit und Unbedenklichkeit in einem Zulassungsverfahren nachgewiesen wurden. Das BfArM sieht die Entwicklung mit Sorge: Mit dem Internethandel werden diese Zulassungsbeschränkungen umgangen - weder Qualität noch Wirksamkeit und Unbedenklichkeit der Produkte sind gewährleistet.
Gesundheitsschädigende Wirkungen können nicht ausgeschlossen werden.
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Autor: Marcus Anhäuser, erstellt am 29.03.04; zuletzt aktualisiert von Annette Mende am 30.08.11
Quelle: DGK/Bundesgesundheitsblatt/BfArM

