Sexuelle Gewalt an Kindern

Es ist eines der dunkelsten Kapitel in deutschen Familien: sexuelle Gewalt an Kindern. Laut offizieller Statistik von 2011 wurden mehr als 12.000 Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern bei der Polizei registriert. Das ist ein erneuter Anstieg von fast fünf Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher sein.

 

Sexuelle Gewalt kommt in jeder sozialen Schicht vor, unabhängig von kultureller Herkunft, ethnischem Hintergrund oder Bildungsstand. Die Opfer sind überwiegend Mädchen, aber auch Jungen werden sexuell missbraucht. Nicht selten sind schon sehr kleine Kinder betroffen. Dabei reicht das Ausmaß der Gewalt von kleinen Grenzüberschreitungen bis hin zu massiver Gewaltausübung.

 

In jeder Kindergruppe ein missbrauchtes Kind

Für viele Mädchen und Jungen gehört sexuelle Gewalt zum Alltag. Sie kommt so häufig vor, dass man davon ausgehen kann, dass in jeder Kindergartengruppe, in jeder Schulklasse, in jeder Nachbarschaft oder Verwandtschaft Kinder zu finden sind, die sexuelle Gewalt erleben oder erlebt haben.

 

In etwas 70 bis 75 Prozent der Fälle sind es die leiblichen Väter und andere väterliche Bezugspersonen, die ihre Kinder missbrauchen. Die häufigsten Opfer sexuellen Missbrauchs sind Mädchen im Alter zwischen sieben und zwölf Jahren. Sexuelle Gewalt endet nur in seltenen Fällen mit dem Tod des Kindes.

 

Ein Albtraum, der nicht enden will

Sexuellen Missbrauch erleben Mädchen und Jungen als extremes, überflutendes Ereignis, dem sie nicht ausweichen können. Fachleute sprechen hier von einem Trauma, einer seelischen Verletzung. Es ist mit Gefühlen der Angst, der Erregung, Hilflosigkeit und eventuell auch mit heftigen körperlichen Schmerzen verbunden.

 

Häufig leiden die betroffenen Kinder unter einer Reihe von psychosomatischen Beschwerden, Ängsten und starken Stimmungsschwankungen. Von einem Augenblick auf den anderen sind sie ohne ersichtlichen Grund traurig, ängstlich, wütend oder schämen sich. Weitere Folgeerscheinungen können zum Beispiel Ein- und Durchschlafprobleme, chronische Erschöpfung, Schreckhaftigkeit, Reizbarkeit und Konzentrationsschwäche sein.

 

Schäden an Körper und Seele

Sexuell traumatische Erfahrungen in der Kindheit können zu schweren psychosomatischen Störungen sowohl im Kinder- und Jugend- als auch im Erwachsenenalter führen. Spezielle Symptome für den sexuellen Missbrauch gibt es nicht. In der Folge haben Betroffene sehr häufig mit schweren psychischen und körperlichen Problemen zu kämpfen, die sie ihr ganzes Leben lang verfolgen können.

 

Zahlreiche urologische Funktionsstörungen ohne organische Ursache können Folge eines sexuellen Missbrauchs sein. Hierzu zählen der chronische Beckenschmerz, die Enuresis (das In-die-Hose-Machen bei Kindern über drei Jahren), die Harninkontinenz sowie Störungen der sexuellen Funktion. Wie lange Menschen unter den Erfahrungen der Kindheit leiden, ist nicht bekannt. Bei manchen treten Probleme periodisch auf, bei anderen werden sie chronisch. Der Prozentsatz der Menschen mit Langzeitschäden ist nicht bekannt. Eine britische Untersuchung ergab, dass sich rund 13 Prozent der Missbrauchten als für immer geschädigt betrachten.

 

Die Täter

Man kann es einem Menschen nicht ansehen, ob er Kinder missbraucht. Oft ist der Täter ein Ehemann und Vater mit nach außen hin tadellosem Ruf. In 80 bis 90 Prozent der Fälle sind die Täter männlich, weitaus seltener üben Frauen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen aus. Nach neuesten Erkenntnissen gilt es als gesichert, dass der Anteil der Fälle mit Tatverdächtigen unter 21 Jahren beim sexuellen Missbrauch von Kindern bei 27 Prozent liegt.

 

Das Bild, das die breite Öffentlichkeit von sexueller Gewalt hat, ist in mancherlei Hinsicht verzerrt: Sexueller Missbrauch durch Fremde kommt eher selten vor, obwohl darüber in den Medien am häufigsten berichtet wird. Das Risiko im Verwandten- oder Freundeskreis ist weitaus höher. Sexuelle Übergriffe durch Familienangehörige beginnen oft sehr früh, häufig bereits im Säuglings- und Kleinkindalter. Die Übergriffe sind oft im Spiel oder in der Körperpflege versteckt.

 

Täter gehen planvoll vor

Viele Täter stammen aus dem sozialen Nahbereich der Familie, verbringen in sozialen, medizinischen oder kirchlichen Einrichtungen viel Zeit mit Kindern und haben daher bei Opfern und Eltern einen "Vertrauensvorschuss". Sie suchen gezielt die Nähe zu Kindern und versuchen, auf vielfältigen Wegen (Geschenke, Bevorzugung, kleine Geheimnisse und Ähnliches) Abhängigkeiten zu schaffen.

 

Dabei gehen sie zumeist planvoll, gut vorbereitet und bewusst vor. Sexuelle Gewalt passiert selten einmalig, sondern wiederholt sich fast immer. Sie ist sicher kein Versehen oder Ausrutscher. Sexuelle Gewalt fängt mit kleinen "Tests" an, mit denen die Kinder, manchmal über Jahre, desensibilisiert und sexualisiert werden.

 

Nach und nach werden die Kinder in ein Netz von Schuldgefühlen und Abhängigkeiten verstrickt: Erpressungen ("Wenn Mama das erfährt, hat sie Dich nicht mehr lieb und Du musst ins Heim) oder Drohungen (Wenn Du etwas sagst, bringe ich Dein Haustier um) und Schuldzuweisungen (Dir hat es doch auch Spaß gemacht) können die Kinder und Jugendlichen ebenso schädigen wie die sexuelle Gewalt.

 

Grenzüberschreitungen sind alltäglich

Viele Mädchen und Jungen erleben regelmäßig sexuelle Gewalt. Zahllose Fälle kommen nie zur Anzeige. Hierunter fallen auch Grenzüberschreitungen im täglichen Leben, bei denen die Intimsphäre von Kindern und Jugendlichen durch grobe Takt- und Geschmacklosigkeiten wiederholt verletzt wird.

 

Als Grenzfälle gelten zum Beispiel das kurze Betasten der Brust oder ein massives Anfassen des Körpers über der Kleidung, der flüchtige Griff unter den Rock oder das Streicheln des nackten Knies. Eine Grenzüberschreitung mit sexuellem Hintergrund liegt auch vor, wenn beispielsweise ein Sportlehrer immer dann seine Ansagen macht, während die Schüler unter der Dusche stehen.

 

Solche Handlungen gefährden zwar generell noch nicht die ungestörte sexuelle Entwicklung des Kindes und werden daher auch nicht strafrechtlich geahndet. Kinder und Jugendliche spüren allerdings, dass solche Handlungen unangebracht sind. Für ihr Unbehagen müssen Erwachsene sensibel sein, denn es zeigt genau jene Grenzen auf, die respektiert werden müssen.

 

Wo ist die Grenze?

Sexuelle Gewalt lässt sich von zärtlichem Körperkontakt zwischen Kindern und Erwachsenen klar unterscheiden. In jedem Fall gilt, dass Kinder einen liebevollen, jedoch die persönlichen Grenzen achtenden Körperkontakt brauchen.

 

Manche Eltern sind unsicher, wo sie die Grenzen im Umgang mit ihren Kindern ziehen sollen. Darf ich als Vater mein Kind baden, als Mutter mein Kind küssen? Natürlich dürfen Eltern das. Kinder brauchen einen liebevollen, jedoch die persönlichen Grenzen achtenden Körperkontakt, so die Experten des Familienministeriums. Diese Grenzen darf immer das Kind ziehen. Wichtig sei es deshalb, sensibel darauf zu achten, welche Bedürfnisse das Kind hat (oder auch nicht hat) und diese zu respektieren.

 

Schutz für Kinder und Jugendliche

Der beste Schutz der Kinder ist die sachliche Aufklärung. Wenn im Zusammenleben mit Mädchen und Jungen offen miteinander gesprochen wird, die Kinder Fragen - auch zur Sexualität - stellen können und nicht abgewiesen werden, ist schon sehr viel gewonnen. Kinder fühlen sich dann ernst genommen. Selbstbewusste Kinder werden seltener Opfer. Der Rat der Experten: "Kinder sollten darin bestärkt werden, den eigenen Gefühlen zu vertrauen und deutlich Nein sagen zu können.

 

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