Was ist die Ahornsirupkrankheit?

Die Ahornsirupkrankheit ist eine Stoffwechselerkrankung, die auf die verminderte Aktivität eines Enzyms zurückgeht. Enzyme sind Moleküle, die chemische Umsetzungen im Körper erleichtern und beschleunigen.

 

Das bei der Ahornsirupkrankheit betroffene Enzym fördert den Abbau bestimmter Aminosäuren (Grundbausteine von Eiweißen). Dabei handelt es sich um die sogenannten verzweigtkettigen Aminosäuren Leuzin, Isoleuzin und Valin. Als Folge des Enzymdefekts reichern sich diese Aminosäuren im Blut und im Gewebe stark an. Inzwischen werden fünf Erscheinungsformen der Erkrankung unterschieden. Sie verlaufen unterschiedlich schwer.

 

Die Ahornsirupkrankheit ist auch unter den Bezeichnungen MSUD (maple syrup urine disease) und Leuzinose bekannt. Sie kommt mit einer Häufigkeit von etwa einem Betroffenen pro 140.000 bis 200.000 Neugeborene selten vor.

 

Die Erkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt. Autosomal bedeutet, dass sie über die Chromosomen vererbt wird, die keine Geschlechtschromosomen (Gonosomen) sind. Der Mensch besitzt 22 paarweise vorkommende Autosomen und zwei Gonosomen (die Frau XX, der Mann XY). Ein Kind erhält jeweils die Hälfte seines Erbguts von der Mutter beziehungsweise dem Vater. Rezessiv heißt in diesem Zusammenhang, dass ein Gen nur dann wirksam wird, wenn es in gleicher Form sowohl im mütterlichen als auch im väterlichen Anteil des Erbguts vorliegt.

 

Für die Ahornsirupkrankheit bedeutet dies, dass eine erkrankte Person von beiden Elternteilen ein verändertes Gen erhalten haben muss. Beide Elternteile besitzen also die veränderte Erbanlage für die Erkrankung. Sie leiden jedoch nicht an der Ahornsirupkrankheit, da eine gesunde Variante des Gens die Wirkung des veränderten aufhebt. Ob Eltern die gesunde oder die veränderte Gen-Form an ein Kind weitergeben, entscheidet der Zufall und ist weder von den Eltern noch durch medizinische oder sonstige Maßnahmen zu beeinflussen.

 

Bei den Mennoniten, einer Religionsgemeinschaft im Osten Pennsylvanias in den USA, tritt die Ahornsirupkrankheit aufgrund der hohen Rate an Blutsverwandtschaften bei etwa einem von 760 Lebendgeborenen auf.

 

Was sind die Symptome der Ahornsirupkrankheit?

Abhängig von der genetischen Veränderung der Enzymaktivität gibt es neben der häufiger auftretenden klassischen Verlaufsform auch leichtere Verläufe.

 

Bei der klassischen Verlaufsform wird das zunächst unauffällige Neugeborene etwa ab dem vierten Lebenstag zunehmend schläfrig, apathisch und lethargisch. Es zeigt eine auffällige Trinkschwäche, neigt zum Erbrechen, seine Muskelspannung nimmt ab und seine Reflexe sind abgeschwächt. Im weiteren Verlauf kommt es zu Krampfanfällen, Bewusstseinseintrübungen bis hin zum Koma und Störungen des Atemantriebs (metabolische Enzephalopathie).

 

Urin und Atemluft riechen würzig-süßlich. Der Geruch erinnert an Ahornsirup, woher der Name der Krankheit stammt. Ohne rechtzeitige Behandlung besteht die Gefahr, dass das betroffene Kind an einem Atemstillstand verstirbt.

 

Bei den leichteren Formen der Ahornsirupkrankheit treten die oben genannten Symptome erst zu einem späteren Zeitpunkt, meist im Säuglings- oder Kleinkindalter, auf. Ausgelöst werden sie in vielen Fällen durch übermäßige Eiweißzufuhr mit der Nahrung oder durch Erkrankungen, die mit Fieber, Erbrechen oder Durchfällen einhergehen.

 

Eine Entwicklungsverzögerung des Kindes und leichtere neurologische Störungen können den Verdacht auch bereits vor einer akuten Stoffwechselentgleisung auf die Ahornsirupkrankheit lenken.

 

Wie wird die Erkrankung diagnostiziert?

Entscheidend ist, dass die Krankheit frühzeitig erkannt wird. Dies ist durch die Feststellung einer deutlichen Erhöhung der verzweigtkettigen Aminosäuren Leuzin, Isoleuzin und Valin im Blut möglich. Sogenanntes Allo-Isoleuzin tritt im Blut ausschließlich bei der Ahornsirupkrankheit auf. Kann es nachgewiesen werden, ist die Krankheit zweifelsfrei diagnostiziert.

Im Urin lassen sich in erhöhtem Maße bestimmte Abbauprodukte der verzweigtkettigen Aminosäuren (Ketosäuren und andere) nachweisen.

Ein spezielles labortechnisches Untersuchungsverfahren ist die Tandem-Massenspektrometrie. Mit dieser Methode kann die Ahornsirupkrankheit schon wenige Tage nach der Geburt des Kindes im Rahmen des sogenannten Neugeborenen-Screenings festgestellt werden.

 

Wie wird die Ahornsirupkrankheit behandelt?

Für die Ahornsirupkrankheit existieren theoretisch drei Behandlungsmöglichkeiten: Diät, Lebertransplantation und die Gabe von Vitamin B1 (Thiamin). Von diesen spielen jedoch nur die Diät und die Gabe von Vitamin B1 praktisch eine Rolle.

 

Eine Lebertransplantation wurde bisher nur bei sehr wenigen Patienten und in keinem Fall allein aufgrund der Ahornsirupkrankheit durchgeführt. In den bekannten Fällen normalisierten sich die Blutkonzentrationen der verzweigtkettigen Aminosäuren im Anschluss an die Transplantation. Eine Lebertransplantation ist jedoch ein so schwerer und risikoreicher Eingriff, dass sie aufgrund einer Ahornsirupkrankheit allein nicht als gerechtfertigt angesehen wird.

 

Ein Teil der Patienten mit Ahornsirupkrankheit spricht auf die Gabe von Vitamin B1(Thiamin) an. Durch lebenslange Einnahme des Vitamins können bei diesen Patienten die Krankheitssymptome dauerhaft unterdrückt werden. Allerdings hilft diese Therapie nur Betroffenen mit einer speziellen Form der Enzymveränderung. Sie eignet sich deshalb nicht für alle Erkrankten.

 

Wer an der Ahornsirupkrankheit leidet, muss aus diesem Grund in der Regel eine lebenslange Diät einhalten. Das Wichtigste ist, dabei möglichst auf die verzweigtkettigen Aminosäuren zu verzichten. Dies führt allerdings auch zu einem insgesamt reduzierten Eiweißgehalt der Nahrung, weswegen die lebenslange Zufuhr eines Leuzin-, Valin- und Isoleuzinfreien Gemischs aus essenziellen (lebensnotwendigen) Aminosäuren erforderlich ist. Für die Still- und Flaschenphase existieren diätetische Fertigprodukte, die nur mit abgekochtem Wasser angerührt werden müssen.

 

Die Blutwerte sollten in den ersten sechs Monaten einmal pro Woche kontrolliert werden, danach können die Kontrollen in etwas größeren Abständen erfolgen. Die Strenge der Diät richtet sich nach dem Blutwert der Aminosäure Leuzin.

Infekte, Operationen und andere Belastungssituationen können den Aminosäure-Stoffwechsel durcheinander bringen. Für Betroffene ist es deshalb erforderlich, in solchen Situationen engen Kontakt zu dem die Ahornsirupkrankheit behandelnden Arzt zu halten. Er wird die Therapiemaßnahmen gegebenenfalls anpassen.

 

Sollten plötzlich Zeichen einer krankhaften Hirnveränderung (akute Enzephalopathie) auftreten, muss der Betroffene sofort intensivmedizinisch behandelt werden. Abhängig von den Konzentrationen der schädigenden Abbauprodukte der Aminosäuren im Blut ist vor allem bei Neugeborenen oft eine künstliche Blutwäsche (Dialyse) erforderlich, um den Körper von diesen Stoffen zu befreien. Gleichzeitig werden energiereiche (hochkalorische) Nährlösungen über die Vene verabreicht, vor allem Glukose. Wenn sich der Zustand wieder normalisiert hat, sollte die diätetische Therapie baldmöglichst fortgesetzt werden.

Die Dauerbehandlung erfolgt durch den Kinderarzt und die örtliche Kinderklinik in enger Absprache mit einem speziellen Stoffwechselzentrum. Jeder Patient muss einen Notfallausweis bei sich tragen, der die ersten Maßnahmen beschreibt, die bei einer drohenden Stoffwechselentgleisung durchzuführen sind. Außerdem sollte der Ausweis Ansprechpartner nennen, mit denen im Notfall telefonisch Kontakt aufgenommen werden kann.

 

Wie ist die Prognose einer Ahornsirupkrankheit?

Wenn die Diagnose frühzeitig gestellt und die Therapie rechtzeitig eingeleitet wird, ist nach neueren Erkenntnissen eine annähernd normale Entwicklung des Kindes möglich.

 

Dies setzt allerdings weitgehend normalisierte Leuzin-Werte im Blut und damit eine effiziente Behandlung voraus. Die lebenslange Diät darf nicht unterbrochen oder gar abgebrochen werden. Intensive regelmäßige Schulungen der Erkrankten beziehungsweise ihrer Angehörigen fördern den verantwortungsbewussten Umgang mit der Krankheit und ermöglichen die selbstständige Durchführung der Therapie.