Was ist das Aufmerksamkeits-Defizit-Hyperaktivitäts-Syndrom (ADHS)?

Kinder mit ADHS leiden unter einer ausgeprägten Bewegungsunruhe mit starkem Aktivitätsdrang, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie impulsivem und unüberlegtem Verhalten. Das Syndrom kann auch ohne Hyperaktivität vorkommen (ADS).

 

Wie oft kommt das ADHS vor?

Die Angaben zur Häufigkeit von ADHS schwanken zum Teil erheblich. In Deutschland schätzen Experten, dass ein bis sieben Prozent der Kinder und Jugendlichen zwischen vier und 17 Jahren Merkmale einer Aufmerksamkeitsstörung zeigen. Jungen sind etwa drei- bis achtmal häufiger betroffen als Mädchen. Bei Letzten fehlt oft die Hyperaktivität. Symptome des ADHS können auch bei Erwachsenen vorkommen.

 

Wodurch wird ADHS verursacht?

Nach heutiger Auffassung ist das ADHS Resultat einer Funktionsstörung im Bereich der Informationsverarbeitung zwischen einzelnen Hirnabschnitten. In speziellen Gehirnabschnitten, die für Aufmerksamkeit, Konzentration und Wahrnehmung verantwortlich sind, ist der Stoffwechsel herabgesetzt.

 

Da häufig auch andere Familienmitglieder ähnliche Auffälligkeiten zeigen, ist eine erbliche Veranlagung wahrscheinlich. Risikofaktoren sind darüber hinaus zum Beispiel Komplikationen während Schwangerschaft und Geburt, zu niedriges Geburtsgewicht oder Erkrankungen von Gehirn und Rückenmark. In manchen Fällen spielen auch Nikotin-, Alkohol- oder Drogenmissbrauch der Mutter während der Schwangerschaft eine Rolle.

 

ADHS - nicht nur für die Kinder eine Belastung

Die Erkrankung ist nicht, wie früher oft behauptet, Folge falscher Erziehungsmethoden. Allerdings kann das Verhalten des Umfelds den Verlauf der Erkrankung beeinflussen: Symptome wie starke Bewegungsunruhe und Ablenkbarkeit sind für das soziale Umfeld - insbesondere für die Eltern - oft sehr belastend und führen häufig zu Überforderung. Zunehmend fordern Forscher besonders für betroffene Kinder eine konsequente Erziehung mit Belohnung von erwünschtem Verhalten und Sanktionierung von negativen Verhaltensweisen. Einige Forscher vermuten, dass auf diese Art bei manchen Kindern Medikamente verzichtbar wären.

 

Appelle an das Kind, sich zusammenzureißen und in der Schule bessere Leistungen zu erbringen, setzen die Kinder meist noch mehr unter Druck. Da die Symptomatik in Stress- und Belastungssituationen verstärkt auftritt, kann es so zu weiteren Schul- und Verhaltensproblemen kommen. Ein Teufelskreis entsteht, der für die betroffenen Kinder und ihr Umfeld nur schwer zu durchbrechen ist.

 

Wie äußert sich die Erkrankung?

Folgende Symptome (Hauptsymptome) können beim ADHS auftreten:

 

  • Unaufmerksamkeit: Die Konzentrationsfähigkeit ist stark vermindert; Tätigkeiten werden früh abgebrochen und oft gewechselt; Einzelheiten nicht beachtet, Anweisungen nicht vollständig ausgeführt. Das Kind hat Mühe, Aufgaben und Tätigkeiten planvoll abzuwickeln, wird leicht durch unwesentliche Reize abgelenkt. Selbst Fernsehen ist nicht möglich.
  • Hyperaktivität: Das Kind ist immer in Bewegung, zappelt mit Händen oder Füßen, windet sich auf dem Stuhl, rennt herum und redet übermäßig viel.
  • Impulsivität: Das Kind platzt mit Antworten heraus, ehe Fragen komplett gestellt sind. Es unterbricht und stört andere beim Reden. 

 

Weitere typische Symptome sind:

 

  • Unruhe
  • Ungeduld
  • Exzessives Sprechen und häufiges Unterbrechen anderer
  • Spezifische Lern- und Leistungsstörungen

 

Oft finden sich auch:

 

  • Ausgeprägte Störungen des Sozialverhaltens
  • Angst
  • Depressivität
  • Früher Konsum von Suchtmitteln

 

Andererseits sind die betroffenen Kinder auch besonders hilfsbereit, kreativ und begeisterungsfähig. Die Hauptsymptome können in den einzelnen Altersstufen unterschiedlich ausgeprägt sein und bestehen teilweise im Erwachsenenalter fort.

 

Wie lässt sich die Erkrankung feststellen?

Eltern sollten auffällige Kinder einem Arzt vorstellen. Er befragt die Eltern über Vorerkrankungen und die Entwicklung des Kindes. An eine gründliche körperliche und neurologische Untersuchung schließen sich psychologische Tests an, welche die Konzentrationsfähigkeit und das Lernvermögen des Kindes prüfen sollen. Daneben werden auch Beobachtungsbögen eingesetzt, anhand derer die Eltern zu Hause dokumentieren, wann und in welcher Art und Weise ADHS-Symptome im Alltag vorkommen.

 

Durch weitere Untersuchungen des Stoffwechsels (zum Beispiel Schilddrüsen-, Nieren-, Leberwerte, Blutzucker), der Gehirnstrukturen und Gehirnströme werden mögliche andere Krankheitsursachen geprüft. Eine Fehlsichtigkeit oder eine Hörstörung, die Aufmerksamkeitsstörungen bedingen können, sind ebenfalls auszuschließen.

 

Was kann man gegen ADHS tun?

Um das Verständnis für das Kind und die Krankheit zu erhöhen, ist es wichtig, Eltern, Erzieher und Lehrer über die Erkrankung ausführlich zu informieren. Die Aufklärung soll ebenso dazu dienen, Kinder und Eltern von möglichen Schuldgefühlen zu entlasten.

 

In Beratung und Therapie sind neben den behandelnden Ärzten unter anderem auch Psychologen, sozialpädiatrische Zentren sowie Kinderpsychiater involviert. Mit ihrer Hilfe können auch spezielle Fördermaßnahmen, ein regelmäßiger Tagesablauf und Verhaltensregeln geplant werden.

 

Ratsam ist, dass die Eltern gemeinsam mit dem Kind feste Regeln aufstellen und konsequent darauf achten, dass es diese einhält. Die Regeln sollten das Kind nicht überfordern, sodass es Erfolgserlebnisse haben kann. Übermäßiger Bewegungsdrang lässt sich mitunter durch intensive sportliche Betätigung und den Wechsel von aktiven und Ruhephasen regulieren.

 

Je nach Alter des Kindes und Ausprägung der Krankheitszeichen sind weitere Maßnahmen erforderlich, um die Aufmerksamkeit und Unruhe der Kinder und damit ihre soziale Integration zu verbessern. Möglich sind hier Elterntraining und Spieltherapie bei Vorschulkindern, Familientherapie und soziales Kompetenztraining im Schulalter.

 

Eltern lernen in Schulungen, das Kind gezielt zu belohnen, wenn es sich richtig verhält - zum Beispiel, wenn es sich auf die Hausaufgaben konzentriert hat. Durch die Belohnung stellen sie das richtige Verhalten in den Mittelpunkt, nicht mehr das problematische. So unterbrechen sie einen Teufelskreis. Er entsteht, wenn Eltern von ihrem Kind verlangen, sich mehr anzustrengen, wenn es sich problematisch verhält. Dieser Druck verstärkt oft das Problemverhalten, statt es zu verringern. In einem speziellen Training erlernen die Kinder, wie sie ihre Aufmerksamkeit erhöhen und ihr eigenes Verhalten sowie Alltagssituationen besser einschätzen können, um angemessen zu reagieren.

 

Leidet das Kind unter starker Ängstlichkeit oder Depressionen, beeinflusst dies möglicherweise die psychische Entwicklung des Kindes oder das familiäre Zusammenleben nachhaltig. In diesem Fall ist eine zusätzliche Therapie durch den Kinder- und Jugendpsychiater beziehungsweise -psychotherapeuten anzuraten. Liegen Wahrnehmungsstörungen oder Schwächen in der Feinmotorik vor, ist eine Ergotherapie sinnvoll.

 

Mitunter empfiehlt sich eine medikamentöse Therapie, meist mit sogenannten Stimulanzien wie Methylphenidat, die eine Steigerung der Konzentrationsfähigkeit und eine bessere Kontrolle des übermäßigen Bewegungsdrangs bewirken. Diese Medikamente haben aber Nebenwirkungen und ihre Wirkzeit ist begrenzt. Daher sollen Stimulanzien nur eine Unterstützung zu weiteren therapeutischen Maßnahmen darstellen. Seit einiger Zeit gibt es auch Langzeitpräparate, die nur einmal täglich eingenommen werden müssen.

 

Wie ist die Prognose des Hyperaktivitäts-Syndroms?

Der behandelnde Arzt und Therapeuten passen das geschilderte Therapieregime im Rahmen regelmäßiger Kontrolluntersuchungen der Entwicklung und dem Verhalten des Patienten an. Häufig ist eine Behandlung nur über wenige Jahre, bei einigen Menschen aber auch lebenslang erforderlich. Auf diese Weise lassen sich bei fast allen Kindern normale soziale Kontakte, eine qualifizierte Ausbildung und somit eine gute Lebensqualität erreichen.

 

Was bedeutet ADHS für junge Menschen in der Pubertät?

In der Pubertät kommt es zu Veränderungen, die der junge Mensch mit ADHS bewältigen muss. Die hormonelle Wandlung, die eigene und die Akzeptanz durch andere hat existenzielle Bedeutung. Diese Situation ist für einen Jugendlichen mit ADHS noch schwieriger als für andere Gleichaltrige. Erlernt der Betroffene keine Strategien, um diese schwierige Lebensphase mit den eigenen Bedürfnissen und Problemen in Einklang zu bringen, können sich Persönlichkeitsveränderungen und -störungen entwickeln, die die weitere Entwicklung negativ beeinflussen. Ist die Pubertät aber erst einmal überwunden, kommt es meist zu einer Besserung der Symptome. Dennoch haben viele Betroffene auch noch im Erwachsenenalter Probleme, sich zu konzentrieren.