Was ist Kinderlähmung?
Die Kinderlähmung (Poliomyelitis) ist eine hochansteckende fieberhafte Viruserkrankung. Sie kann zu bleibenden Lähmungen, im schlimmsten Fall sogar zum Tode führen.
Wie bekommt man Kinderlähmung?
Verursacht wird die Erkrankung durch das Poliovirus, von dem es drei verschiedene Untertypen gibt. Die Viren werden mit dem Stuhl ausgeschieden. Die Übertragung erfolgt hauptsächlich durch Schmierinfektion bei engem körperlichen Kontakt mit einem Kranken oder durch verunreinigte Nahrungsmittel und Trinkwasser.
In der Frühphase der Erkrankung ist auch eine Ansteckung durch Tröpfcheninfektion, also über Speichelkontakt oder Sekrettröpfchen in der Atemluft möglich. Bei schlechten hygienischen Bedingungen kommt es leichter zur Übertragung von Polioviren.
Wann bricht die Krankheit aus?
Die Zeit zwischen dem Kontakt mit dem Virus und den ersten Krankheitszeichen beträgt drei bis 35 Tage (Inkubationszeit).
Wie häufig ist die Krankheit?
Die letzte in Deutschland erworbene Kinderlähmung wurde 1990 erfasst. 1992 wurden zuletzt zwei importierte Fälle registriert (aus Ägypten und Indien). Der flächendeckenden Impfung ist es zu verdanken, dass laut Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) Europa seit 2002 poliofrei ist. Allerdings traten 2010 in Russland und Kasachstan erneut einige Poliofälle auf, ausgehend von einem Ausbruch in Tadschikistan.
Betroffen sind gegenwärtig nur noch wenige Länder des außereuropäischen Auslands. Dies sind vor allem Nigeria, Somalia, Äthiopien und Niger in Afrika sowie Indien, Pakistan und Afghanistan in Asien.
Welche Beschwerden verursacht die Krankheit?
In über 95 Prozent der Fälle verläuft die Infektion ohne Krankheitszeichen. Bei vier bis acht Prozent der Infizierten äußert sich die Erkrankung durch Fieber, Halsschmerzen, Muskelschmerzen, Kopfschmerzen, Abgeschlagenheit und oft mit Durchfall und Erbrechen. Meist klingen diese Symptome rasch wieder ab, ohne bleibende Schäden zu hinterlassen.
Nur bei ein bis zwei Prozent der Betroffenen kommt es etwa drei bis sieben Tage nach den ersten Krankheitszeichen zu einer Hirnhautentzündung mit Fieberanstieg sowie Kopf-, Nacken-, Rückenschmerzen und Muskelkrämpfen.
Das Bild der klassischen Kinderlähmung
Bei etwa 0,1 bis einem Prozent der Infizierten kommt es zu einem schweren Krankheitsverlauf. Häufig gehen die Beschwerden zunächst zurück, nehmen aber nach etwa zwei bis drei Tagen wieder zu.
Da hier eine Nervenschädigung im Vordergrund steht, reichen die Beschwerden von einer leichten Beeinträchtigung der Beweglichkeit bis hin zu schmerzhaften Lähmungen, von denen am häufigsten die Muskulatur der Oberschenkel betroffen ist. Auch die Arm-, Bauch-, Brust- und Augenmuskulatur können betroffen sein.
Es können auch Harn- und Stuhlinkontinenz und in seltenen Fällen Atem- und Schluckstörungen auftreten. In diesen Fällen ist die Sterblichkeit sehr hoch.
Post-Polio-Syndrom
Bei 30 bis 64 Prozent der Polio-Patienten, die eine klassische Kinderlähmung hatten, nehmen die Lähmungen und ein gleichzeitiger Muskelschwund Jahre oder Jahrzehnte nach der Erkrankung wieder zu. Meistens tritt diese Verschlechterung im fünften Lebensjahrzehnt ein.
Die Betroffenen leiden unter Beschwerden wie rascher Ermüdbarkeit, verringerter Ausdauer, Gelenkschmerzen, Muskelschwäche. Auch die Atemmuskulatur kann beeinträchtigt sein, was zu Atemproblemen führen kann. Viele Patienten leiden auch unter depressiver Verstimmung.
Wie wird Polio diagnostiziert?
Besteht aufgrund der typischen Krankheitssymptome und des Krankheitsverlaufs der Verdacht auf eine Kinderlähmung, kann der Arzt die Diagnose durch den Nachweis von Viren im Stuhl, anfangs auch im Rachenspülwasser stellen.
Bei Lähmungserscheinungen sind auch im Gehirnwasser (Liquor) Viren nachweisbar.
Von einem Post-Polio-Syndrom ist auszugehen, wenn andere Ursachen für die Beschwerden ausgeschlossen sind und der Patient früher eine Polio hatte.
Wie lässt sich Kinderlähmung behandeln?
Die Behandlung der Polio erfolgt symptomatisch, also durch Bekämpfen der Beschwerden. Die Betroffenen müssen strengste Bettruhe einhalten, sorgfältige Pflege und korrekte Lagerung müssen sichergestellt sein. Es werden Schmerzmittel eingesetzt, die gleichzeitig das Fieber senken. Sobald die Krankheit abklingt, wird mit intensiver Krankengymnastik begonnen, die Muskelschwächen und Lähmungen abmildern oder sogar verhindern kann. Bei Bedarf erhält der Patient Gehhilfen und andere orthopädische Hilfsmittel.
Bei Verdacht auf einen bedrohlichen Krankheitsverlauf mit Atem- und Schluckstörungen sollte der Betroffene rechtzeitig in ein Krankenhaus eingewiesen und auf einer Intensivstation überwacht werden.
Auch bei Patienten mit Post-Polio-Syndrom sind Krankengymnastik und die Versorgung mit Gehhilfen und orthopädischen Hilfsmitteln sinnvoll. Patienten mit schweren Atemproblemen erhalten ein Heimbeatmungsgerät. Bei Bedarf kommen auch psychotherapeutische Maßnahmen zum Einsatz, die den Betroffenen den Umgang mit der Erkrankung erleichtern sollen. Wichtig ist außerdem, dass die Patienten Überlastung vermeiden.
Wie sind die Heilungsaussichten?
Die ersten sechs Monate nach der Infektion sind für die Prognose entscheidend. In dieser Zeit verbessert eine intensive krankengymnastische Therapie die Heilungsaussichten deutlich. Aber auch bis zu zwei Jahre nach der Infektion können sich Lähmungen noch durch Krankengymnastik zurückbilden. Bei der Hälfte der Patienten mit schweren Krankheitsverläufen bleiben dauerhafte Schäden wie Muskelschwäche oder Lähmungserscheinungen zurück.
Wie kann man Polio vorbeugen?
Vollständigen Schutz gegen alle drei Polio-Virus-Gruppen bietet nur die Impfung. Mit Einführung der Schluckimpfung gingen die Erkrankungszahlen rasch zurück. Seit 1998 gilt die Schluckimpfung allerdings als überholt, da sie sehr selten selbst zu einer Kinderlähmung führte. Seither gibt es einen neuen Impfstoff, der in den Muskel gespritzt wird. Eine Ansteckung ist mit dieser Impfung nicht mehr möglich.
Wann wird geimpft?
Nach den Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) des Robert-Koch-Instituts sollte jedes Kind im Alter von zwei Monaten das erste Mal geimpft werden. Dann folgen zwei bis drei weitere Injektionen bis zum Alter von 14 Monaten. Die Auffrischung der Impfung sollte im Alter von neun bis 17 Jahren erfolgen.
Bei Menschen, die nie oder nicht alle notwendigen Impfungen gegen Polio erhalten haben, rät die STIKO, die Grundimmunisierung unabhängig vom Alter nachzuholen. Menschen ohne Auffrischimpfung sollten zudem eine einmalige Auffrischimpfung erhalten.
Auf die routinemäßige Auffrischung bei Erwachsenen, die nach der vollständigen Grundimmunisierung eine Auffrischimpfung bekommen haben, kann nach Auskunft der Behörde verzichtet werden. Vor Reisen in Poliogebiete ist die Auffrischimpfung allerdings empfehlenswert.