Polyneuropathien sind Erkrankungen der peripheren Nerven, also jener Teile des Nervensystems, die außerhalb von Gehirn und Rückenmark (dem zentralen Nervensystem) liegen. Bei der Polyneuropathie sind mehrere Nerven betroffen.
Die peripheren Nerven sind zum einen für die sensible Wahrnehmung zuständig, also für Empfindungen wie Schmerz, Kälte, Wärme und Berührungen. Zum andern steuern die motorischen Nerven Bewegungen der Muskeln. Vegetative Nervenfasern regulieren die Funktion von Organen oder die Gefäßweite. Wegen dieser mannigfaltigen Aufgaben der Nerven können Polyneuropathien sehr unterschiedliche Symptome verursachen.
Zuverlässige Zahlen zur Häufigkeit gibt es nicht, aber Experten schätzen, dass einer von 2.000 bis 2.500 Menschen unter einer Form der Polyneuropathie leidet. Wann und in welcher Ausprägung die Nervenschädigung auftritt, hängt von der Ursache ab.
Welche Ursachen hat die Krankheit?
Bis heute hat die Wissenschaft mehr als 200 verschiedene Ursachen für Polyneuropathien gefunden, dennoch ist bei schätzungsweise 20 Prozent der Betroffenen die Ursache der Nervenschädigung nicht bekannt. Polyneuropathien können zum Beispiel als Folge von angeborenen Erkrankungen auftreten.
Sehr viel häufiger sind jedoch die erworbenen Polyneuropathien. Bei ihnen besteht keine erbliche Komponente, sie entstehen im Rahmen von Stoffwechselstörungen (beispielsweise Diabetes), Vitaminmangel, Alkoholmissbrauch, Tumoren, Infektionskrankheiten, bei Einnahme bestimmter Medikamente oder aus anderen Ursachen. In unseren Breiten sind die Zuckerkrankheit und der Alkoholmissbrauch häufige Auslöser für eine Polyneuropathie.
Diabetische Polyneuropathie
Wenigstens ein Drittel der Diabetiker entwickelt Schätzungen zufolge eine diabetische Polyneuropathie. Nicht selten weisen Betroffene bereits Krankheitszeichen auf, wenn die Zuckerkrankheit diagnostiziert wird.
Die Polyneuropathie entsteht zum einen vermutlich durch eine Schädigung der kleinsten, die Nerven versorgenden Blutgefäße. Eine andere Ursache scheint die direkte beeinträchtigende Wirkung des überreichlich vorhandenen Blutzuckers auf die Nerven zu sein.
Polyneuropathie bei Alkoholmissbrauch
Alkohol hat anscheinend eine direkte toxische Wirkung auf Nervenfasern. Daneben besteht bei Alkoholismus häufig zusätzlich ein Vitaminmangel, der ebenfalls die peripheren Nerven in ihrer Funktion beeinträchtigen kann.
Urämische Polyneuropathie
Diese Form betrifft Patienten mit lang bestehender Niereninsuffizienz und dabei insbesondere diejenigen, die regelmäßig eine Dialyse
(Blutwäsche) benötigen. Dabei stauen sich Substanzen im Blut an, die normalerweise mit dem Urin ausgeschieden werden. Wie es daraufhin zu einer Polyneuropathie kommt, ist nicht bekannt. Vermutlich schädigt ein bestimmter Stoff die Nerven. Etwa ein Viertel der Dialysepatienten erkrankt an einer urämischen Polyneuropathie.
Infektiös bedingte Polyneuropathien
Hierbei entsteht der Schaden an den Nervenfasern direkt durch die Entzündung mit einem Keim, zum Beispiel bei Herpes zoster, Lepra, Borreliose oder Botulismus (Lebensmittelvergiftung).
Polyneuropathie infolge von Autoimmunerkrankungen
Eine weitere Möglichkeit der Nervenschädigung sind Autoimmunreaktionen. Dabei richtet sich das Abwehrsystem fälschlicherweise gegen körpereigenes Gewebe. Dies kann zum Beispiel bei Autoimmunerkrankungen wie dem Guillain-Barré-Syndrom, bei Kollagenosen und Vaskulitiden der Fall sein.
Polyneuropathien durch Schadstoffe, Gifte und Medikamente
Schadstoffe wie Gifte oder Schwermetalle (Arsen, Blei, Thallium), Lösungsmittel oder auch bestimmte Medikamente - zum Beispiel Zytostatika
(Zellgifte, die vor allem in der Krebstherapie eingesetzt werden) und einige Antidepressiva - können eine Polyneuropathie auslösen.
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- Seite 2: Welche Beschwerden verursacht die Krankheit?
- Seite 3: Wie werden Polyneuropathien behandelt?
Autor: Ulrich Kraft, erstellt am 24.04.05; zuletzt aktualisiert von Dr. Judith Neumaier am 26.09.11
Quelle: Harrison, T. R.: Harrisons Principles of Internal Medicine. McGraw-Hill (2002); Poeck, K.: Lehrbuch Neurologie. Springer (2001); Neurologen & Psychiater im Netz (2007): Polyneuropathie. www.neurologen-und-psychiater-im-netz.de/npin/npinkrankheit/show.php3?id=44&nodeid=23 (Stand 29.10.2007); Poeck, K.; Hacke, W.: Neurologie. 12. Aufl. Heidelberg: Springer Medizin Verlag, 2006; Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Diagnostik bei Polyneuropathien, Stand: Oktober 2008 (www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-067_S1_Polyneuropathien__Diagnostik_10-2008_10-2013.pdf); Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Therapie neuropathischer Schmerzen, Stand: Oktober 2008 (www.dgn.org/images/stories/dgn/leitlinien/LL2008/ll08kap_064.pdf); Nationale Versorgungsleitlinie Neuropathie bei Diabetes im Erwachsenenalter, Stand: August 2011 (www.versorgungsleitlinien.de/themen/diabetes2/dm2_neuro/pdf/nvl-t2d-neuro-lang.pdf).

