Um das Leben schwer verletzter oder schwer kranker Patienten zu retten, müssen Ärzte manchmal Gliedmaßen chirurgisch entfernen. Nach der Amputation leiden die Betroffenen häufig unter Stumpf- und Phantomschmerzen.
Stumpfschmerzen
Unter Stumpfschmerzen versteht man lokalisierte Schmerzen im Bereich des Amputationsstumpfes. Sie können spontan oder nach dem Anpassen einer Prothese auftreten. Der Schmerzcharakter kann zunächst dumpf bohrend oder punktförmig stechend, später auch brennend oder attackenförmig einschießend sein. Überwiegend handelt es sich jedoch um einen Dauerschmerz. Er tritt mit einer Häufigkeit von etwa 60 Prozent nach Amputationen auf.
Phantomschmerzen
Von Phantomschmerzen spricht man, wenn die Schmerzen und Missempfindungen scheinbar aus dem Körperteil kommen, das amputiert wurde. Unter Phantomschmerzen leiden bis zu 75 Prozent aller Patienten, denen eine Gliedmaße entfernt wurde. Wie diese Empfindungen entstehen, lässt sich auch heute noch nicht mit Sicherheit beantworten.
Man nimmt an, dass die Schmerzen mit der Reorganisation des Gehirns nach einer Amputation zusammenhängen. Die Schmerzen können einen brennenden, stechenden oder elektrisch einschießenden Charakter besitzen. Häufig sind sie nachts stärker als am Tage. Da Außenstehende sich nicht vorstellen können, dass Gliedmaßen schmerzen, die nicht mehr vorhanden sind, stoßen Betroffene in ihrer Umgebung oft auf Unverständnis. Häufig verheimlichen sie deshalb die Beschwerden.
Phantomsensationen
Phantomsensationen sind in der Regel nicht schmerzhafte Empfindungen im nicht mehr vorhandenen Körperteil. Sie können ein Gefühl wie bei einer Berührung, Hitze- oder Kälteempfindungen, ein Druckgefühl oder auch Juckreiz sein.
Phantomschmerzen oder -sensationen sind häufig nach Amputationen von Gliedmaßen, können aber auch in anderen Körperregionen empfunden werden, zum Beispiel nach der Entfernung einer Brust oder nach Enddarm-Operationen. Auch nach dem Ziehen von Zähnen treten mitunter Phantomschmerzen auf.
Wie entstehen Stumpf- und Phantomschmerzen?
Stumpfschmerzen lassen sich zumeist auf krankhafte Prozesse direkt im Stumpf zurückführen. Dies können Entzündungen, Druckstellen, Narben, Splitter und Durchblutungsstörungen sein. Bei zwei von zehn Patienten entwickeln sich nach der Amputation gutartige Wucherungen der durchtrennten Nerven (Neurinome), die ebenfalls Schmerzen auslösen können.
Die Entstehung eines Phantomschmerzes ist noch nicht endgültig geklärt. Neben der Schädigung der Nerven durch das Durchtrennen bei der Operation macht man Veränderungen in der Verarbeitung der (Schmerz-)Reize im Gehirn dafür verantwortlich. Das amputierte Körperteil wird im Gehirn nach wie vor wahrgenommen.
Typisch ist das Empfinden von Schmerzen, die bereits vor der Amputation vorlagen, zum Beispiel aufgrund von Durchblutungsstörungen, Tumoren, Entzündungen oder Unfallverletzungen. Deshalb geht man davon aus, dass der Schmerz in einem Schmerzgedächtnis in bestimmten Gehirn- und Rückenmarkregionen abgespeichert ist.
Auch das vegetative Nervensystem kann an Schmerzen beteiligt sein. Darunter versteht man den Teil des Nervensystems, der ohne unser Wissen und ohne unseren willentlichen Einfluss automatische Körperfunktionen wie Kreislauf, Atmung und Verdauung steuert. Nach einer Durchtrennung von schmerzleitenden Nerven bei einer Amputation kann dieses vegetative Nervensystem die Rolle der Schmerzvermittlung übernehmen und sowohl bei Stumpf- als auch bei Phantomschmerzen eine schmerzverstärkende Rolle spielen.
Bei etwa der Hälfte der Patienten lassen sich Phantomschmerzen durch äußere Einflussfaktoren wie einen Wetterwechsel oder Aufregung und Stress auslösen. Unbestritten ist auch, dass Intensität und Häufigkeit der Schmerzempfindung mit der psychischen Verfassung des Patienten in Verbindung stehen.
Auch Erkrankungen, die nicht mit der Amputation in Verbindung stehen, können Phantomschmerzen hervorrufen. In diesem Fall spricht man von sekundären Phantomschmerzen.
- Seite 1: Was versteht man unter Stumpf- und Phantomschmerzen?
- Seite 2: Welche Untersuchungen werden durchgeführt?
- Seite 3: Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es?
- Seite 4: Wie wirksam sind operative Therapieversuche?
Autor: Dr. med. Vera Wittenberg; Ulrich Kraft, erstellt am 14.07.05; zuletzt aktualisiert von Dr. Judith Neumaier am 13.06.11
Quelle: Diener, H.C.: Das Schmerztherapiebuch. Urban & Schwarzenberg (1997); Schockenhoff, B.: Spezielle Schmerztherapie: Nach den Richtlinien der Bundesärztekammer. Urban & Fischer (1999); Informationen für Ärzte der Ambulanz für Schmerztherapie und Palliativmedizin der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Stumpf- und Phantomschmerzen: Ein Überblick; Niesert W., Zenz M.: Prophylaxe chronischer Schmerzen. Deutsches Ärzteblatt 102, Ausgabe 22 vom 03.06.2005; Chahine L., Kanazi G.: Phantom limb syndrome: A review. Middle East J Anesthesiol. 2007; 19: 345-55; Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) und des Berufsverbandes der Ärzte für Orthopädie (BVO): Rehabilitation nach Majoramputation an der unteren Extremität (proximal des Fußes), November 2009 (www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/033-044_S1_Rehabilitation_nach_Majoramputation_an_der_unteren_Extremitaet__proximal_des_Fusses__09-2009_09-2013.pdf); Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Neurologie: Therapie neuropathischer Schmerzen, Oktober 2008 (www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/030-114_S1_Schmerzen__Therapie_neuropathischer_03-2007_12-2010.pdf).

