Tumorschmerzen - was ist das?
Tumorerkrankungen gehen nicht zwangsläufig mit Schmerzen einher, doch können in jedem Stadium der Erkrankung Schmerzen auftreten. Eine adäquate Schmerztherapie kann die Beschwerden lindern.
Im Rahmen einer Tumorerkrankung auftretende Schmerzen lassen sich nach ihren Ursachen in vier große Gruppen unterteilen:
- Direkt durch den Tumor verursachte Schmerzen: Der Tumor drückt auf Nerven oder wächst in das umgebende Gewebe ein. Er löst zudem Entzündungsreaktionen im Gewebe aus, die zu einer Reizung von Schmerznerven und Schmerzrezeptoren führen.
- Indirekt durch den Tumor verursachte Schmerzen: Dazu zählen Schmerzen, deren Ursache begleitende Infektionen wie eine Gürtelrose sind, durch Wundliegen oder Muskelverspannungen bei Bettlägerigkeit. Außerdem kann Angst Schmerzen hervorrufen und verstärken. Angst kann auch zu krampfhaften, dauerhaft bestehenden, schmerzhaften Muskelverspannungen führen.
- Durch die Krebsbehandlung hervorgerufene Schmerzen: Dazu gehören Operationsschmerzen (Wundschmerzen), Nebenwirkungen von Medikamenten, Entzündungen und Nervenschmerzen nach einer Chemotherapie oder einer Bestrahlungsbehandlung sowie Phantom- oder Stumpfschmerzen nach Amputationen.
- Unabhängig von der Tumorerkrankung auftretende Schmerzen: Zusätzliche Erkrankungen wie zum Beispiel Rheuma oder Osteoporose (Knochenschwund) können ebenfalls Schmerzen verursachen.
Wie wird die Schmerzintensität abgeschätzt?
Die Schmerzempfindlichkeit jedes einzelnen Menschen ist ebenso unterschiedlich wie das Ausmaß der Schmerzen, die jemand ertragen kann.
Eine Möglichkeit der Schmerzeinschätzung bietet die visuelle Analogskala (VAS). Auf einer Art Rechenschieber gibt der Patient seine Schmerzintensität an. Die Skala reicht von "kein Schmerz" bis hin zu "größter vorstellbarer Schmerz". Der Arzt liest einen entsprechenden Zahlenwert ab und trägt diesen in ein Schmerz-Tagebuch ein. Anhand dieses Schmerz-Tagebuches kann er eine Schmerzdiagnose stellen und entscheiden, welche Therapie für den jeweiligen Patienten passend ist.
Prinzipien der medikamentösen Schmerztherapie - das WHO-Stufenschema
Behandlungsziel ist im besten Fall die Schmerzfreiheit, zumindest aber die Reduktion von Schmerzen auf ein erträgliches Maß. In mehreren kleinen Schritten wird versucht, Schmerzlinderung während der Nacht, in Ruhe und schließlich am Tag zu erzielen.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für die Krebsschmerztherapie ein Schema entwickelt, das sich auch auf die medikamentöse Behandlung anderer Schmerzformen übertragen lässt. Das Schema empfiehlt ein stufenweises Vorgehen mit verschiedenen Schmerzmitteln oder Schmerzmittel-Kombinationen, das sich an der Stärke der Schmerzen orientiert.
Je nach Schmerzintensität wählt der Arzt die therapeutische Stufe, die er bei seinem Patienten für notwendig und Erfolg versprechend hält:
- Stufe 1: Nichtopioid-Analgetikum (Schmerzmittel, das nicht vom Morphin abgeleitet ist)
- Stufe 2: Nichtopioid-Analgetikum kombiniert mit schwach wirksamem Opioid-Analgetikum
- Stufe 3: Nichtopioid-Analgetikum kombiniert mit stark wirksamem Opioid-Analgetikum
Für jeden Patienten wird ein individueller Therapieplan erstellt, der oft eine Kombination von verschiedenen Medikamenten vorsieht. Denn meist ist die Kombination mehrerer Medikamente für den Patienten schonender als die Einnahme eines einzelnen Medikaments. Da Nichtopioid-Analgetika und Opioid-Analgetika über verschiedene Mechanismen den Schmerz unterdrücken, ist eine Kombination dieser beiden Gruppen sehr sinnvoll. Aufgrund des verstärkenden Effekts (Synergieeffekt) ist es möglich, die einzelnen Medikamente niedriger zu dosieren. Das vermindert die Gefahr unerwünschter Nebenwirkungen.
Weiterhin empfiehlt die WHO, die Schmerzmedikamente immer zu einem festgelegten Zeitpunkt und bevorzugt Medikamente zum Schlucken (Tabletten oder Tropfen), alternativ Zäpfchen oder Pflaster einzusetzen.
Welche Medikamente zur Schmerzbehandlung gibt es?
Man unterscheidet zwei große Gruppen von Schmerzmitteln.
Nichtopioidhaltige Analgetika
Diese auch nichtsteroidale Antirheumatika (NSAR) genannten Schmerzmittel entfalten ihre schmerzstillende Wirkung über die Hemmung des Enzyms Cyclooxygenase, das zur Bildung von Prostaglandinen führt. sind Botenstoffe, die das Gefühl des Schmerzes vermitteln. Viele NSAR unterdrücken zudem Entzündungsreaktionen und verstärken so den schmerzlindernden Effekt.
Die bekanntesten Vertreter dieser Stoffgruppe sind , Paracetamol, Ibuprofen und Diclofenac. Leichte bis mittelstarke Schmerzen lassen sich mit diesen Mitteln meist gut behandeln. Obwohl der Wirkmechanismus weitgehend derselbe ist, unterscheiden sich die NSAR in ihren chemischen Eigenschaften und damit in ihrer Wirkdauer, Wirkstärke und auch dem Anwendungsgebiet.
Bei langfristiger Anwendung steigt die Gefahr von Nebenwirkungen wie Magen- und Zwölffingerdarmgeschwüren sowie Nierenschäden. Außerdem kann es zu allergischen Reaktionen, Blutbildveränderungen und Störungen der Leberfunktion kommen. Außerdem steigern NSAR das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Die Einnahme dieser Medikamente sollte deshalb so niedrig dosiert wie möglich und so kurz wie möglich erfolgen.
Opioidhaltige Analgetika
Opiate und ihre synthetisch hergestellten Abkömmlinge, die Opioide, sind in ihrer schmerzlindernden Wirkung wesentlich effektiver als Nichtopioid-Analgetika. Es gibt leicht und stark wirksame Opioide. Der bekannteste Vertreter ist das Morphin.
Opioide binden an spezielle Rezeptoren des Nervensystems und unterdrücken die Weiterleitung des Schmerzreizes so wirksam, dass sich fast jeder Schmerz durch Opioid-Analgetika lindern lässt. Die Medikamente sind potenziell suchterzeugend und werden deswegen von vielen Patienten mit Skepsis betrachtet. Doch ist die Gefahr der Abhängigkeit beim Einsatz gegen Schmerzen verschwindend gering. Typische Nebenwirkungen wie Verstopfung, Übelkeit und Erbrechen legen sich mit der Zeit oder lassen sich durch zusätzliche Medikamente wie Abführmittel beherrschen. Weitere Nebenwirkungen sind Juckreiz, Wassereinlagerungen und Mundtrockenheit.
Ergänzende Medikamente
Da Opioide Übelkeit, Erbrechen und Verstopfung hervorrufen können, rät die WHO zusätzlich zu Medikamenten, die diese Nebenwirkungen lindern. Neben reinen Schmerzmitteln sind weitere Medikamente hilfreich, die die Wirkung der Schmerzbehandlung steigern oder ergänzen. Diese Medikamente werden Ko-Analgetika genannt, da sie nicht zur Gruppe der Schmerzmittel gehören, aber deren Wirksamkeit unterstützen. Dazu zählen:
- Krampflösende und muskelentspannende Medikamente
- Abschwellende Medikamente (zum Beispiel Kortikosteroide)
- Knochenstärkende Medikamente (Bisphosphonate)
- Antidepressiva (Medikamente aus dem Bereich der Depressionsbehandlung)
Antiepileptika (Mittel, die sonst gegen epileptische Krampfanfälle eingesetzt werden)
Wie werden die Medikamente verabreicht?
Tabletten/Tropfen: Diese Medikamente werden oral, das heißt über den Mund aufgenommen. Bei der oralen Schmerzbehandlung kommen meist sogenannte Retard-Präparate zum Einsatz, die den Wirkstoff verzögert freisetzen. Der Patient muss die Medikamente in diesem Fall nur zwei- bis dreimal täglich einnehmen und kann somit auch die Nacht überbrücken.
Zäpfchen: Diese Medikamente werden in den After eingeführt.
- Wirkstoffhaltige Pflaster: Der schmerzlindernde Wirkstoff befindet sich in einem Depot im Pflaster. Er gelangt über die Haut direkt ins Blut. Ein Wechsel des Pflasters ist erst nach mehreren Tagen erforderlich. Mit solchen therapeutischen Pflastern lassen sich sehr gleichmäßige Wirkstoffspiegel erreichen.
- Spritzen unter die Haut: Wenn die Behandlung mit Tabletten, Tropfen, Zäpfchen oder Pflastern nicht geeignet ist, kann der Arzt die Schmerzmittel unter die Haut spritzen.
- Infusionen über die Vene: Bei sehr starken Schmerzen und wenn das Medikament schnell wirken soll, kann der Arzt ein Schmerzmittel auch über die Vene verabreichen. Bei einem stationären Krankenhausaufenthalt geschieht dies meist über eine Infusion (Schmerztropf).
- Katheter/Pumpen: Außerdem besteht die Möglichkeit, Katheter in die Nähe des Rückenmarks einzulegen, die opioidhaltige Medikamente über kleine Pumpen abgeben.
Die Weltgesundheitsorganisation WHO empfiehlt, Schmerzmittel und Ko-Analgetika wenn möglich oral oder als Pflaster einzusetzen. So ist der Patient in der Medikamenteneinnahme weitgehend unabhängig von seinem Arzt.
Welche anderen Verfahren können Schmerzen lindern?
Nervenblockaden
Über eine Kanüle kann der Arzt ein örtliches Betäubungsmittel (Lokalanästhetikum) möglichst nahe an den schmerzleitenden Nerven verabreichen. Dieses unterbricht die Weiterleitung der Schmerzimpulse. Durch Nervenblockaden lassen sich auch Muskelverspannungen beseitigen.
Wenn der schmerzleitende Nerv nicht direkt zu erreichen ist, setzt der Arzt die Injektionen nahe an das Rückenmark, denn dort fließen alle schmerzleitenden Nerven zusammen. Dabei können sehr geringe Schmerzmitteldosierungen sehr gut schmerzhemmend wirken.
Strahlentherapie/Chemotherapie
Chemo- und Strahlentherapie dienen meist der Behandlung von Tumorleiden. Diese Verfahren können jedoch auch symptomatisch, das heißt, direkt auf den Schmerz gerichtet, eingesetzt werden. Eine Schmerzlinderung kann hiermit über Monate anhalten.
Physikalische Therapien
Massagen, Krankengymnastik, Kälte- und Wärmeanwendungen können ebenfalls zur Linderung der Schmerzen beitragen, zum Beispiel indem sie schmerzhafte Verspannungen lösen.
Psychotherapie
Psychologische und psychotherapeutische Maßnahmen können die Schmerzwahrnehmung und das Schmerzerleben beeinflussen und auf diese Weise den Patienten wieder zu einer besseren Lebensqualität verhelfen. Zum Einsatz kommen zum Beispiel Entspannungsmethoden.