Es darf auch mal was schiefgehen

Gönnen Sie sich die Muße und Ruhe, Dinge hinzunehmen, die Sie ärgern oder bei denen Sie meinen, Ihr Recht einfordern zu müssen. Manchmal tut es gut, einen Schritt zurückzutreten und Situationen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Zweimal tief durchatmen und schon wird das Leben viel einfacher.

 

Das Race Across America konnte ich glücklich, zufrieden und ziemlich müde beenden. Zuhause angekommen hat mich die Müdigkeit noch lange im Griff gehabt. Aber durch mir im Leben wichtig gewordene Dinge, habe ich schnell zurückgefunden in das normale Leben. Kennen Sie das? Wenn man etwas gerne tut und dies TUN auch im Laufe der Zeit immer mehr Routine bekommt? Es kann die Beziehung zum Partner sein, die Arbeit oder ein liebgewonnenes Hobby. Oft höre ich, dass es doch langweilig ist, wenn sich Dinge über einen längeren Zeitraum immer und immer wiederholen. Für mich sind diese Dinge Rückzugsmöglichkeiten, in denen ich mich sicher fühle und auch unter Stresssituationen schnell in den gewohnten Rhythmus komme.

 

Eine sichere Sache

Eine für mich sichere Sache ist zum Beispiel mein Sport. Als Profisportler habe ich immer und immer wieder die gleichen Übungen oder Trainingseinheiten absolviert. Langweilig? Manchmal schon! Nur, wenn man bereit ist, ohne Unterlass etwas zu wiederholen (das man vom Gefühl her schon recht gut beherrscht), um es zu perfektionieren, hat man die Chance, es noch besser zu tun und sich dabei SICHER zu fühlen.

Triathlon-Challenge in Roth

Gerne nehme ich auch an Staffelwettbewerben teil. Das bedeutet, die Triathlondistanz auf drei Personen aufzuteilen. Ein Athlet schwimmt, einer fährt Rad und einer läuft. Am 18. Juli bin ich beim Challenge im Fränkischen Roth gestartet, in einer für mich ganz besonderen Staffel. Roth gehörte in meinen erfolgreichen Triathlonjahren zu einem der wichtigsten Wettkämpfe der Saison. Damals gehörte Roth noch offiziell zu den "Ironman"-Veranstaltungen und ich wurde dort dreimal Dritter und einmal Zweiter. Über 150.000 Zuschauer peitschen uns Triathleten dort Jahr für Jahr nach vorn und motivieren uns zu Höchstleistungen.

 

In unserer Staffel sollte Michael Prüfert, ein guter Freund, mit dem ich meine ersten Triathlon Veranstaltungen absolvierte, die 3,8 Kilometer im Wasser in Angriff nehmen. Mir gehörte die 180 km Radstrecke und ein junger Ungar sollte für uns die 42,195 km laufen. Ich konnte mit ziemlicher Sicherheit als einer der ersten auf die Radstrecke wechseln, denn Michael gehört zu den schnellsten Schwimmern im Triathlonzirkus.

 

Der Renntag ging schon gut los

Um 6 Uhr morgens am Renntag verabredete ich mich mit Michael zum Frühstück. Unser dritter Mann aus Ungarn war weder abends noch morgens zu entdecken. Aber da die Wechseltüte mit der Startnummer und den Wettkampfunterlagen an der Rezeption abgeholt wurde, waren wir zuversichtlich, dass unser Läufer in der Wechselzone bereit stehen würde, um nach meiner Radfahrt zum Laufen zu wechseln. Mein Gedanke war nur: Hoffentlich erkenne ich ihn.

 

Wir fuhren zum Schwimmstart und merkten, dass wir uns mit der Zeit gehörig verschätzt hatten. Es wurde immer hektischer und als wir unsere Autos abgestellt hatten, gingen wir zügig Richtung Startzone. Michael schaute in immer kürzeren Abständen auf seine Uhr und ich merkte, dass er nervös wurde.

 

Wir kamen pünktlich zum Start, aber eine gute Wettkampfvorbereitung beinhaltet ein "Warmmachen", ein Vordehnen und vielleicht auch noch einmal einen Gang auf die Toilette. Michael konnte nur noch eines, den Neoprenanzug anziehen und zügig zum Start gehen. Er war gerade im Wasser als auch schon der Startschuss fiel. Ich schaute mir noch an, wie die Schwimmer immer mehr in der Ferne verschwanden und atmete tief durch. Michael war kurz nach dem Startschuss schon vorne mit dabei und ich wusste, dass ich etwa 43 Minuten Zeit hatte.

Nur ein Radschuh?!? - Das war`s

Jetzt fühlte ich mich ruhig und sicher. Ich wusste genau welche Handgriffe jetzt zu tun waren und wie in den Jahren zuvor, konnte ich das Abrufen, was ich immer und immer wieder trainiert hatte. Ich ging erst einmal auf die Toilette, aß eine Kleinigkeit und ging in aller Ruhe zu meinem Rad, das ich schon einen Tag zuvor eingecheckt hatte.

 

Andreas Niedrig mit nur einem RadschuhSuper Andreas! Ich habe am Start nur einen Radschuh dabei.Jetzt musste ich nur noch meine Radflaschen aus dem Wechselbeutel herausholen und an meinem Rad verstauen. Reifen überprüfen, Bremsen testen, Lenker noch einmal auf festen Sitz prüfen. Dinge, die einfach zur Routine gehörten. 23 Minuten noch bis zum Wechsel. Ich holte meinen Helm aus dem Wechselbeutel, meine Sonnenbrille und zu guter Letzt noch meine Radschuhe.

 

Radschuhe?? Die Ruhe, die Sicherheit, die ich noch vor wenigen Augenblicken hatte, gab es nicht mehr. Ich hatte kurzzeitig das Gefühl, als ob mir die Luft wegblieb. Ich wühlte mit meinen Händen in einem leeren Wechselbeutel. Einen Schuh hatte ich gefunden, den zweiten suchte ich vergeblich. Ich konnte keinen klaren Gedanken mehr fassen, und in diesem Moment gab ich auf.

 

Ich wollte nur noch weg

Wir wurden von einem Kamerateam begleitet und was machte der Regisseur? Er hielt die ganze Zeit die Kamera voll auf mich gerichtet. Er filmt, wie ich - ein Ex-Profi-Triathlet - aus unerklärlichen Gründen zum Radfahren mit nur einem Radschuh ankomme. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt meine Fassung verloren habe, in diesem Moment war es soweit. Ich wollte nur noch weg, ich wollte, dass die Kamera ausgemacht wird, denn ich wusste ich habe es vermasselt. Wie sollte ich innerhalb von 23 Minuten ein passendes Paar Radschuhe bekommen? Unmöglich!

 

In dem Moment habe ich entschieden, der Wettkampf ist vorbei. Mein Kamerateam und mein Regisseur redeten auf mich ein. Ich sollte eine Durchsage machen lassen, aber ich fand den Sprecher nicht. In diesem Augenblick kam mir eine Idee. Etwa 800 m vom Schwimmstart entfernt gibt es ein Radgeschäft und vielleicht war ja am Tag des Wettkampfes jemand dort. Ich rannte los, schaute auf die Uhr, vielleicht noch 20 Minuten bis zum Wechsel. Am Radgeschäft angekommen, rüttelte ich an der verschlossenen Tür. Ich schaute durch die Glastür und hoffte, dass ich jemanden im Laden entdecken konnte. Aber es war niemand da.

 

Ich konnte nichts mehr denken

Hinter mir bemerkte ein Zuschauer, der das Rennen verfolgte, meine Verzweiflung und fragte mich, ob er mir helfen könnte. Ich erklärte ihm meine Situation, und ohne zu zögern griff er zu seinem Rad und rief nur: "Ich wohne hier in der Nähe, in 5 Minuten hast Du Deine Schuhe!" Er kam zurück mit einem Paar Schuhe, aber einem anderen Pedalsystem. In diesem Moment rief mich mein Produzent an und erklärte, dass er ein Paar Radschuhe hätte. Ich rannte zurück, denken konnte ich in diesem Moment eigentlich nichts. Ich konnte nur noch handeln.

 

Am Rad angekommen, wurde mir ein Paar Radschuhe in die Hand gedrückt mit der Aussage: "Hier, die sind von einem Schotten, der ein großer Fan von Dir ist". Ich zog die Schuhe an, die leider etwas zu klein waren, aber genau in dem Moment kam auch schon Michael zum Wechsel und ohne irgendeinen Gedanken an die Radschuhe, ging ich auf die Radstrecke.

Das immer wieder Trainierte sicher und in Ruhe abrufen

Gutes Zeitmanagement könnte man dies nennen. Ich war aber erst einmal bedient. Auf dem Rad begriff ich erst nach und nach, was für ein Glück ich gehabt hatte und vor allem, dass ich durch meine Schusseligkeit fast ein ganzes Team gesprengt hätte. Nach und nach kam die Ruhe zurück und ich konnte wieder das abrufen, was ich immer und immer wieder trainiert hatte. In der ersten Radrunde hatte ich einen richtig guten Lauf. Ich überholte ziemlich schnell zwei vor mir liegende Radfahrer, wusste aber, dass von hinten einige Profiradfahrer kommen würden und ich ganz bestimmt keine Chance hätte, mit ihnen mitzufahren.

 

Andreas Niedrig auf seiner RennmaschineLangsam aber sicher forderte das zu hohe Tempo seinen Tribut.20 Kilometer später war es dann soweit, Robert Wagner, ein begnadeter Zeitfahrer, überholte mich mit einem Lächeln. Ich versuchte dran zu bleiben und wider Erwarten, schaffte ich es sogar. Nach einigen Kilometern kam Frank zu mir und fragte mich: "Sag mal bist Du der Andreas?" Ich bejahte seine Frage und bekam zur Antwort: "Cool, ich habe dein Buch gelesen. Aber sag mal, wie schnell willst Du denn fahren?" Meine Traumvorstellung war 4 Stunden 30 Min, was ein 40 km/h Schnitt gewesen wäre. Er lächelte wieder und meinte: "Knapp vorbei, wir haben zurzeit einen 45,9 km/h Schnitt." "Ohhh Gott, dann wirst Du gleich einen lauten Knall hören wenn ich platze", sagte ich und genau so kam es. Nach 90 Kilometern - Robert Wagner war schon zuvor davon gezogen - hatte ich ziemlich zu kämpfen. Das zu hohe Tempo verlangte nun seinen Tribut.

 

Würde ich meinen Ungarischen Läuferkollegen erkennen?

Die 180 Kilometer schaffte ich dann doch noch in einer ganz ordentlichen Zeit und freute mich auf den Wechsel. Kurz vor dem Ziel wurde mir wieder etwas mulmig. Würde ich meinen Ungarischen Läuferkollegen erkennen? Ich stieg vom Rad, lief in die Wechselzone und siehe da, mein Läufer stand schon dort und wartete. Ich gab ihm meinen Zeitchip und er lief los. In diesem Moment sah ich rot, eine mir fremde Stimme rief: "Sie sind raus! Ich habe es Ihnen gesagt und wenn Sie sich nicht daran halten, sind Sie raus!"

Die guten Momente bewahren

Wieder rot vor meinen Augen. Eine etwas zu motivierte Wettkampfrichterin disqualifizierte mich. Aber warum? Ich verstand die Welt nicht mehr. Was hatte ich getan? Nichts! Aber wirklich, gar nichts! Ich suchte das Gespräch, aber die Wettkampfrichterin war nicht mehr zu sehen. Auch ein anderer Wettkampfrichter ließ sich auf kein Gespräch ein und drohte mir sogar mit einer weiteren roten Karte, wenn ich nicht langsam Ruhe geben würde. Wie Ruhe? Ich mache doch gar nichts. Aber vor allem: Was ist hier los? Andere Sportler klärten mich auf, dass unser Ungarischer Läufer weder Deutsch noch Englisch spricht und zuvor aufgefordert wurde, in seinem Wechselbereich zu bleiben. Da er aber nicht verstanden hatte, worum es ging, lief er immer wieder auf und ab. Als ich in die Wechselzone kam, lief er mir entgegen. Was er laut Reglement nicht durfte. So kam es zur roten Karte.

 

Andreas Niedrig bekommt die rote Karte gezeigtWie, rote Karte? Für mich doch nicht. Ich hab ' doch nichts getan.

Den Spaß nicht verderben lassen

Niemand, aber auch wirklich niemand, hat es verstanden. Ich wurde sogar gefragt, warum ich so ruhig bliebe. Die Antwort ist ganz einfach, es ging bei diesem Staffelwettbewerb nur um eines - um den Spaß. Wir haben ganz bestimmt keine rote Karte verdient, aber jeder von uns konnte innerhalb des Staffelwettbewerbes das tun, was er wollte. Unser Schwimmer konnte seine 3,8 km schwimmen, ich konnte die 180 km auf dem Rad mal mehr mal weniger genießen und unser Läufer konnte die unglaubliche Atmosphäre des Wettkampfes in Roth erleben. Genau das, was wir wollten, durften wir tun.

 

Wenn ich mich in diesem Moment über die Wettkampfrichterin geärgert hätte, wäre der Tag, der alles andere als gut begonnen hatte, innerhalb weniger Momente kaputt gewesen.

 

Zweimal tief durchatmen und einen Schritt zurückgehen

Diese Momente, in denen es uns gut geht, sind die Momente, die wir uns bewahren und an denen wir festhalten müssen. Es sind die Momente, die unser Leben bereichern und die weniger gute Situationen in den Hintergrund schieben sollten. Ich weiß, dass es nicht immer einfach ist, ich weiß aber auch, dass wir Menschen gerne dazu neigen, unser Recht auf Biegen und Brechen einfordern zu wollen. Heute bin ich froh, dass ich unser Recht beim Wettkampf in Roth nicht eingefordert habe, denn es wäre ein Tag geworden, der uns unsere Freude und den Spaß an dem Erlebten genommen hätte.

 

Auch Ihnen wünsche ich dann und wann die Muße und Ruhe, Dinge hinzunehmen, die uns ärgern oder bei denen wir meinen, unser Recht einfordern zu müssen. Manchmal tut es gut, einen Schritt zurück zu treten und Situationen aus einem neuen Blickwinkel zu betrachten. Zweimal tief durchatmen und schon wird unser Leben um vieles einfacher…

 

Ihr Andreas Niedrig

 

Weitere Artikel aus "Mit Andreas Niedrig durchs Jahr"