Musik und das Gehirn

Musik fordert und fördert unser Gehirn. Sie kann nicht nur ganze Erinnerungsstürme auslösen, sondern auch Hirnstrukturen verändern. Sie fördert die Sprachfähigkeit, die emotionale Kompetenz und kann uns mit einem wahren Cocktail von Glückshormonen entzücken.

 

Prof. Dr. Eckart Altenmüller

Musik machen und Musik hören zählen zu den wichtigsten Freizeitaktivitäten der Deutschen. Etwa sieben Millionen Deutsche musizieren regelmäßig in Ensembles und Chören. Der Umsatz der Deutschen Phonoindustrie lag 2011 trotz der wirtschaftlichen Flaute und der Raubkopien bei fast 1,7 Milliarden Euro.

 

Musikalische Aktivitäten sind schon lange nicht mehr auf das Kindes- und Jugendalter beschränkt. Heute wollen auch viele ältere Erwachsene erstmals ein Instrument erlernen. Es sind die Angehörigen der Nachkriegsgeneration, die auf Grund der damals schwierigen materiellen Lage trotz ihrer Musikbegeisterung nicht die Möglichkeiten hatten, ein Instrument zu lernen. Nachdem sich diese Generation über Jahrzehnte für Familie und Beruf eingesetzt hat, ist jetzt endlich Zeit, das geliebte Hobby in Angriff zu nehmen. Und dies hat positive Auswirkungen auf Gesundheit und Lebenszufriedenheit.

 

Musik fordert und fördert unser Gehirn

Auch wenn wir Musik hören und Musizieren meist als genussvolle Freizeitbeschäftigung betrachten, muss unser Nervensystem schwierige Aufgaben bewältigen. Aufmerksames Zuhören setzt nämlich Lernprozesse in Gang, die im Gehirn zu neuen Verschaltungen führen. Diese sorgen dafür, dass wir die ungeheuren Informationsmengen, die ein Musikstück enthält, einordnen können.

 

Musikbibliothek im Kopf

Beim Suchen eines Senders im Autoradio erkennen wir blitzschnell, ob es sich um klassische Musik oder um eine Rockgruppe handelt. Wir haben in unserem Gehirn durch unsere Vorerfahrung bereits Tausende akustischer Muster abgespeichert, die wir zum Vergleich heranziehen können. Diese private „Musikbibliothek“ im Kopf legen wir unbewusst beim Hören von Musik an und erweitern sie lebenslang. Hirnphysiologisch liegen die Speicherorte für Musik im Schläfenlappen und in benachbarten unteren Anteilen des Stirnhirns vor allem auf der rechten Hirnhälfte.

 

Emotionen und Musik

Das Musikgedächtnis weist noch eine Besonderheit auf, nämlich seine intensive emotionale Verankerung. Oft können bestimmte Melodien ganze Erinnerungsstürme auslösen – ähnlich wie es auch manche Gerüche tun. In der Musikpsychologie nennt man dies den "Play-it-again-Sam"-Effekt. Im Film „Casablanca“ bittet Ingrid Bergmann den Barpianisten Sam, das Lied „As time goes by“ zu spielen. Dies soll den Helden Humphrey Bogart an seine längst vergangene Liebe zu Ingrid Bergmann erinnern. Das enorm stabile emotionale musikalische Gedächtnis kann also die Gefühle vergangener Zeiten wieder auferstehen lassen. Dies wird in der Musiktherapie ganz bewusst eingesetzt, um Menschen mit schwerer Demenz positive Erlebnisse zu verschaffen, Lebensfreude zu bereiten und zu aktivieren.

 

Musizieren formt das Gehirn

Wenn wir selbst ein Instrument lernen, sind die Auswirkungen auf das Nervensystem noch deutlicher. Bereits die erste Flöten- oder Klavierstunde führt zu Vernetzungen der motorischen Zentren und der Hörzentren im Gehirn. Nach drei Wochen Unterricht sind diese Netzwerke stabil und bleiben jahrelang erhalten.

 

Aber nicht nur Hören und Bewegen werden verschaltet, auch die Sehzentren im Hinterhauptslappen und die Planungszentren im seitlichen Anteil des Stirnhirns sind beteiligt: Wir sehen ja unsere Hände sich bewegen und wir entziffern den Notentext. Musik machen ist auch immer mit dem Planen von Bewegungen verbunden, denn wir müssen ja mit den richtigen Fingern zum Beispiel bestimmte Tonlöcher abdecken oder Tasten anschlagen. Und natürlich sind auch die Emotionen mit dabei, die dann die Gefühlszentren tief im Innern des Gehirns aktivieren, in den Mandelkernen, im Akkumbenskern und im Mittelhirn.

 

Schon nach etwa einem Jahr Instrumentalunterricht lassen sich bei Schulkindern auch Veränderungen der Hirnstruktur nachweisen. Die Hirnforscherin Dr. Krista Hyde aus Boston zeigte, dass Kinder, die in der Woche circa zwei Stunden Klavier spielten, gegenüber nicht Klavier spielenden Kindern nach 15 Monaten eine größere Nervenzelldichte in den sensomotorischen Zentren der linken Hand und in den Hörregionen besaßen. Dies zeigte sich auch darin, dass diese Kinder feinmotorisch geschickter waren und ein präziseres Gehör hatten. Außerdem war die Nervenfaserverbindung zwischen beiden Hirnhälften, der sogenannte Balken, bei den Klavierkindern größer. Das heißt, dass beide Hirnhälften besser miteinander kooperieren.

 

Berufsmusiker haben andere Gehirne

Betrachtet man erwachsene Berufsmusiker, sind diese Veränderungen noch viel dramatischer: nicht nur die Hör- und Bewegungszentren sind größer, sondern auch die Koordinationszentren im Kleinhirn und überraschenderweise auch die Sprachzentren in der linken Stirnhirnregion, der sogenannten Broca-Region.

 

Erstaunlicherweise kann man heute sogar bei verschiedenen Instrumentalisten Unterschiede der Hirnstruktur feststellen: Geiger besitzen eine größere motorische Handregion in der rechten Hirnhälfte, die für die feinmotorische Kontrolle der linken Hand zuständig ist. Bei Pianisten ist es umgekehrt, dort ist die Handregion für die rechte Hand vergrößert. Das bedeutet, dass unser Gehirn vor allem auf zeitlich präzise, schnelle Fingerbewegungen mit "Wachstum" reagiert, während die für das Musizieren genauso wichtigen Bogenbewegungen des rechten Armes beim Geigen keinen entsprechenden Wachstumsreiz darstellen.

 

Musik und Sprache

Dass bei den Berufsmusikern auch die Sprachzentren in der linken Stirnhirnregion vergrößert sind, deutet auf einen Zusammenhang zwischen Musik und Sprachfertigkeiten hin. Heute gehen wir nämlich davon aus, dass beim Musizieren ähnliche neuronale Netzwerke benutzt werden wie beim Sprechen. Allerdings ist das Netzwerk für Musik ausgedehnter und bezieht stärker die rechte Hirnhälfte mit ein. Die Verwandtschaft zwischen Sprache und Musik ist wichtig für Therapien, denn musikalisches Training fördert schon bei Kleinkindern Sprachfertigkeiten und verbessert das Wortgedächtnis sowie die Fähigkeit, Sprache bei lauten Störgeräuschen zu verstehen. Vielleicht noch bedeutsamer ist, dass gemeinsames Musizieren bei Kindern die emotionale Kompetenz verbessert. In Gruppen musizierende Kinder sind nämlich hilfsbereiter und kooperationsfähiger und erkennen leichter die Gefühle der anderen.

 

Musik als Glückscocktail

Wahrscheinlich kennen die meisten Leser Gänsehautgefühle beim Hören bestimmter Musikstücke, manchmal kommt es auch unwillkürlich zu Tränen oder zu einem Kloßgefühl im Hals. Derartig starke Emotionen beruhen auf einem sehr wirksamen Hormoncocktail, der im Gehirn ausgeschüttet wird.

 

In der Vorfreude auf ein starkes Musik-Erlebnis wird das Motivationshormon Dopamin im Akkumbenskern gebildet. Wenn man dann die Musik hört, werden Glückshormone (Endorphine) an mehreren Stellen in den Basalganglien ausgeschüttet, tief im Inneren des Gehirns. Das "Kuschel"-Hormon Oxytocin begleitet das wohlige Gefühl des Geborgenseins in solchen Momenten. Dieser Hormoncocktail ist in der Neurobiologie wohlbekannt, denn es wird auch bei intensiven Liebeserlebnissen gefunden, ebenso bei Drogenabhängigen, die ihre Sucht befriedigen. Offensichtlich war Musik schon seit Urzeiten ein Mittel, uns das harte Leben zu versüßen.

 

Eine Besonderheit der Gänsehautmusik ist, dass jeder Mensch gewissermaßen seine eigenen Hits hat, abhängig von der musikalischen Vorerfahrung. Die einzige Gemeinsamkeit der Gänsehautstellen ist, dass die Musik eine unvorhergesehene, interessante Wendung nimmt, wobei dies eine plötzliche Änderung der Lautstärke, der Klangfarbe, des Rhythmus oder auch der Harmonik sein kann. Besonders häufig werden die Gänsehaut-Erlebnisse übrigens durch die menschliche Stimme ausgelöst. Neben dem Erzeugen von Wohlbefinden prägen sich Gänsehautmomente auch besonders tief im Gedächtnis ein.

 

Mit Musik gegen die Demenz?

Wir haben gesehen, dass aktives Musizieren dazu beitragen kann, Wahrnehmung und motorische Fertigkeiten zu üben und positive Emotionen zu erzeugen. Auf diese Weise können neuronale Abbauvorgänge verlangsamt und sogar wieder rückgängig gemacht werden.

 

Musizieren stimuliert und regt das Gehirn an. Wie das Gehirn durch eine stimulierende Umgebung positiv beeinflusst wird, ist an Tieren bereits sehr gut untersucht worden. Beispielsweise hat man ältere Tiere, die in Käfigen ohne Spielgeräte und Klettermöglichkeiten lebten, in eine angereicherte Umgebung mit zahlreichen Klettermöglichkeiten versetzt. Daraufhin wurde das Netz der Nervenzellverbindungen - der sogenannten Synapsen - dichter. Es bildeten sich mehr Nervenzellfortsätze und Faktoren, die das Nervenwachstum fördern. Auch das Gewicht des Gehirns nahm zu. Musizieren stimuliert das Gehirn auch älterer Menschen in ähnlicher Weise.

 

Kann Musizieren also einer Demenz vorbeugen? Eine Langzeitstudie konnte überzeugend nachweisen, dass gemeinsames Musizieren die kognitive Leistungsfähigkeit von Menschen über 75 Jahren fördert. Dazu untersuchte die Forschergruppe um den Altersforscher Joe Verghese in New York 469 Menschen, die älter als 75 Jahre waren, und begleitete sie durchschnittlich fünf Jahre lang. In dieser Zeit entwickelten 27 Prozent der Studienteilnehmer Demenz. Aber von denen, die mehrfach wöchentlich Musik machten, erkrankten nur 19 Prozent an einer Demenz.

 

Das Hören von Musik und das Musizieren führen nicht nur zu Vernetzungen und sogar Größenzunahmen von Hirnregionen, sondern es werden Feinmotorik, Spracherwerb und die emotionale Kompetenz nachhaltig positiv beeinflusst. Aber Musik ist nicht nur anstrengendes "Hirnjogging" – es kann auch intensive Glücksgefühle auslösen und über Jahrzehnte stabile Gedächtnisspuren anlegen, die wir dann im Alter beim Nachlassen unsere geistigen Funktionen nutzen können.

 

Zum Autor

Professor Eckart Altenmüller, Univ. Prof. Dr. med., Hannover

 

Direktor des Institutes für Musikphysiologie und Musikermedizin der Hochschule für Musik und Theater Hannover. Medizinstudium in Tübingen, Paris und Freiburg/Breisgau und zeitgleich Musikstudium (Hauptfach Querflöte). Facharzt für Neurologie, Habilitation. Über 200 Arbeiten zum auditiven und sensomotorischen Lernen, zur Störung der Musikverarbeitung nach Schlaganfällen und zur emotionalen Verarbeitung von Musik. Mitglied der Göttinger Akademie der Wissenschaften.

 

Korrespondenzadresse:

Prof. Dr. Eckart Altenmüller

Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin, Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover

 

Emmichplatz 1 , 30175 Hannover.

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