Musik als Lärm
Experten warnen: Zu laute Musik kann Hörschäden verursachen. Schon ein einziger Besuch eines Konzerts kann das Ohr schädigen. Denn in einem Rock- oder Orchesterkonzert kann es durchaus einmal fast so laut werden wie beim Start eines Flugzeugs.
Im Innenohr nehmen die Haarsinneszellen den Schall vom Trommelfell und den Gehörknöchelchen auf und leiten sie an das Gehirn weiter. Sind sie erst einmal unwiderruflich beschädigt, ist das ein Schaden fürs Leben. Denn der Körper kann die Haarsinneszellen nicht ersetzen. Ohrenschmerzen, Pfeifen, Rauschen oder dumpfe Gefühle im Ohr nach einem Konzert sind also ein Fall für den Arzt und ein klares Warnsignal.
Hörforscher Professor Birger Kollmeier von der Universität Oldenburg meint jedoch: "Die Auswirkung von lautem Musikgenuss wird oft überschätzt, insbesondere in Relation zu Risiken wie Nikotin, Alkohol und Drogen. Denn bei Freizeitlärm kann man sich dem Lärm entziehen, besonders wenn man lärmempfindlich ist. Bisher wurde kein statistisch signifikanter Effekt von Freizeitlärm auf die mittlere Hörfähigkeit junger Erwachsener gefunden."
Wie laut darf's denn sein?
Die Stärke des Schalls wird in Dezibel gemessen, abgekürzt dB (A). Ab etwa 85 Dezibel während mehrerer Stunden am Tag wird es für die Ohren gefährlich. Im Job darf deshalb kein Arbeitnehmer mehr als acht Stunden pro Tag einem Lärm von über 85 Dezibel ausgesetzt sein. Das ist so laut, dass man sich nur noch schreiend verständigen kann, etwa an einer stark befahrenen Stadtautobahn. Musste man längere Zeit solchen Lärm ertragen, brauchen die Ohren eine Pause von mehreren Stunden, damit sie sich wieder regenerieren können. Nach einem lauten Konzert sollte man deshalb den Ohren mindestens zehn Stunden Ruhe gönnen.
Rockkonzerte und Diskos können deutlich lauter als 100 Dezibel sein, vor den Lautsprechern kann es auch mal zu 120 Dezibel und mehr kommen. Das ist eindeutig zu viel für die Ohren. Wer aber nur ab und zu ein Rockkonzert mit einer Lautstärke von etwa 100 Dezibel besucht, muss nach Ansicht des Bundesumweltamts keine dauerhaften Gehörschäden befürchten. Sehr häufige Konzert- oder Diskobesuche mit einem solchen Geräuschpegel erhöhen das Risiko für einen dauerhaften Hörverlust allerdings beträchtlich, meinen die Experten.
Auch wer die Lautstärke seines MP3-Players ständig bis zum Anschlag aufdreht, läuft Gefahr, dass seine Haarsinneszellen im Innenohr Schaden nehmen und zum Beispiel einfach abreißen. Die Geräte sind bis zu 115 Dezibel stark und damit sehr nah an der Schmerzgrenze.
Lärm im Orchester
Sinfonie- und Opernorchester erreichen im Durchschnitt Lautstärken von 80 bis 100 Dezibel. 80 Dezibel entsprechen zum Beispiel dem Geräusch, das ein vorbeifahrendes Auto im Stadtverkehr macht. 100 Dezibel gibt eine Kreissäge beim Durchsägen eines Baumstamms von sich. An fortissimo-Stellen vor allem in romantischer Musik, etwa bei Wagner-Opern, wurden im Orchestergraben sogar schon 130 Dezibel gemessen. Das ist so laut wie eine Trillerpfeife direkt am Ohr und klar über der Schmerzgrenze.
Keine Musik wird ständig in dieser Lautstärke gespielt, und die meisten Stücke sind deutlich leiser. Aber insgesamt gesehen sind viele Orchestermusiker einer Geräuschkulisse ausgesetzt, die Gehörschäden begünstigen kann. Das meinen die Experten von der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin. Denn anders als die Zuhörer hören die Musiker die Musik nicht nur während des Konzerts, sondern auch in den Proben. Zwischendurch üben sie oder unterrichten, dadurch fehlen die nötigen Ruhezeiten. Gerade Opernorchester müssen außerdem oft in engen Räumen wie dem Orchestergraben spielen. Das kann den Geräuschpegel noch einmal erhöhen.
Schlagzeuger und Bläser besonders belastet
Besonders laut in klassischen Orchestern ist es für die Schlagzeuger, die Blechbläser, die meisten Holzbläser - und für die Musiker, die vor ihnen sitzen. Streicher sind dagegen besser dran.
Die größte Lautstärke entsteht laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin durch das eigene Instrument, auch wenn die meisten Musiker glauben, der benachbarte Kollege sei die Hauptquelle des Lärms.
Rock- und Popmusik
Rock- und Popmusiker sind oft noch stärker lärmbelastet. Musikermediziner empfehlen den Musikstudenten aus diesen Fächern daher ebenso wie den Schlagzeugern und Bläsern, Gehörschutz zu tragen.
Auch für Zuhörer bei Rock- und Popkonzerten kann es sinnvoll sein, Gehörschutz zu tragen. Denn nach einem solchen Konzert - vor allem, wenn man nahe beim Lautsprecher steht und Schall bis zu 120 Dezibel ausgesetzt ist - kann es durchaus zu Ohrensausen, Tinnitus oder Schmerzen kommen.
So schützen Sie Ihr Gehör
Wer häufig laute Musik hört, sollte regelmäßig Pausen für das Ohr einlegen und sich bewusst mehrere Stunden Ruhe gönnen. Das gilt für Musikerinnen und Musiker ebenso wie für diejenigen, die ein lautes Konzert besucht haben. Wer ein besonders lautes Instrument spielt, sollte seinen Gehörschutz immer dabei haben und ihn bei lauter Musik einsetzen. Er muss dann vorübergehend in Kauf nehmen, dass er auch die Ansagen des Dirigenten oder Bandleaders nicht mehr so gut hört. Bläser müssen sich außerdem daran gewöhnen, dass sie ihr Instrument anders hören, wenn sie einen Gehörschutz tragen. Denn dann wird der Schall vor allem über die Knochen übertragen und klingt dumpfer als ohne Gehörschutz.
Schallschutz durch Umbauten
Bei Orchestern können auch bauliche Veränderungen die Lärmbelastung vermindern. Dazu gehören zum Beispiel ausreichend große Proberäume und Schallschutzschirme, die den Schall ableiten. Laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin wirkt es auch schallmindernd, wenn die Plätze im Orchester auf ausreichend breiten und hohen Stufen angeordnet werden.
Das Gehirn hilft beim Gehörschutz
Professor Eckart Altenmüller vom Institut für Musikphysiologie und Musikermedizin in Hannover hält die Musik, die heute in großen Orchestern gespielt wird, nicht generell für gesundheitsgefährdend. Denn er sagt: "Es gibt eine ganze Reihe von Schutzfaktoren." Wird zum Beispiel eine Saite auf der Geige angestrichen, braucht sie etwa 40 Millisekunden Zeit, bis sie den Ton entfaltet. Das nennt man die Einschwingzeit. "Das Ohr hat also etwa 40 Millisekunden Zeit, um sich an die Intensität zu gewöhnen", sagt der Experte. Er erklärt, dass ein mächtiges Nervenbündel, das vom Hirnstamm bis zur Hörschnecke im Innenohr führt, die Geräuschwirkung verstärken oder abschwächen kann. Das funktioniert allerdings nur, wenn der Hörer den Klang erwartet. Kommt der Klang dagegen unerwartet und plötzlich, kann dieser Schutzmechanismus nicht greifen.