Glück im Unglück: Bruno Kollhorst bekam nach einer schweren Herzmuskelentzündung ein neues Herz. Das rettete ihm das Leben.
Am Anfang war eine Rötelinfektion. Die Kinderkrankheit brachte Bruno Kollhorst eine zunächst unerkannte Herzmuskelentzündung ein. Kurze Zeit später brach der damals 31-Jährige in seinem Büro zusammen. Sein Herz brachte nur noch zwölf Prozent seiner Leistung. Nach längerem Klinikaufenthalt und anscheinender Reha-Maßnahme schien es wieder aufwärts zu gehen. Doch schon ein Jahr später kommt der Rückschlag: Nach einem Schlaganfall, weiteren Klinikaufenthalten und dem Einsatz eines Herzschrittmachers ist klar, dass Bruno Kollhorsts Herz nicht mehr geheilt werden kann. Im September 2006 bekommt er ein Spenderherz transplantiert.
Heute lebt der 39-Jährige in Hamburg und arbeitet wieder in seinem Job als Marketingfachmann. Von der Einstufung als "Schwerbehinderter", die er von Gesetz wegen erhalten hat, will er eigentlich gar nichts wissen. Und überhaupt findet er, dass sich sein Leben mit dem Secondhand-Herz gar nicht so sehr von dem anderer Leute unterscheidet.
Wertvolles Geschenk
"Natürlich ist ein Spenderherz ein wertvolles Geschenk, ohne das ich nicht mehr leben würde. Über 800 Menschen in Deutschland warten derzeit auf ein neues Herz, nur 382 haben im letzten Jahr ein Spenderorgan bekommen. Viele Patienten auf der Warteliste sterben. Ich hatte großes Glück und fühle mich verpflichtet, mit dem guten Stück sorgfältig umzugehen", erklärt Bruno Kollhorst. Deshalb lebt er nun viel bewusster als vor der Transplantation und kümmert sich mehr um seine Gesundheit.
Sorgsam mit dem neuen Herzen umgehen
Transplantationspatienten sind sehr viel anfälliger für Infektionskrankheiten. Um zu verhindern, dass der Körper das Spenderorgan abstößt, müssen sie täglich Medikamente einnehmen, die Immunsuppressiva. Diese Medikamente sorgen dafür, dass das Immunsystem permanent heruntergefahren ist. Die Medikamente werden heute so niedrig wie möglich dosiert, damit sie ganz spezifisch möglichst nur die Transplantatabwehr unterdrücken. Die Abwehrfähigkeit insgesamt wird deshalb nur wenig gestört. Transplantationsmediziner wissen, dass die Abstoßungsreaktion heute so erfolgreich verhindert werden kann, dass sie nur noch bei etwa einem von zehn Patienten auftritt.
Gefährlichen Keimen geht Bruno Kollhorst trotzdem aus dem Weg: "Lebensmittel mit rohen Eiern, Mett und leider auch Sushi sind für mich jetzt tabu. Ich vermeide auch Essen, das schon längere Zeit offen stand wie zum Beispiel Mittagsbuffets. Obst und Gemüse putze ich jetzt gründlicher. Das gilt übrigens auch für das Bad", fügt er hinzu.
Auch mit dem Sport hat er nach seiner Operation sehr schnell wieder angefangen. "Natürlich muss man die Belastung langsam steigern. Ausdauersport bietet sich schon deshalb an, weil das Herz-Kreislauf-System wieder auf Touren gebracht werden muss. Mit dem Brustkorb sollte man nach so einer Operation auch vorsichtig sein. Deshalb sind Kontaktsportarten erst mal nicht so ratsam."
Studien zeigen, dass Transplantations-Patienten, die ihre Medikamente täglich zur gleichen Zeit einnehmen, eine höhere Lebenserwartung haben, deshalb achtet Bruno Kollhorst akribisch darauf, rechtzeitig an die Pillen zu denken. Überhaupt laufe man schnell Gefahr zu vergessen, dass man Patient ist. "Durch das Spenderorgan geht es einem einfach so schnell so viel besser, dass man bei der Freude über das neu gewonnene Leben auch schnell übermütig werden könnte. Man muss sich dann bewusst machen, dass diese zweite Chance auch verpflichtet, sorgsam damit umzugehen."
Eine neue Zukunft
Und welche Auswirkungen hat das Spenderherz auf die Liebe? "Das sehe ich eigentlich eher pragmatisch", so der 38-Jährige. "Für viele Patienten hat das Herz ja einen besonderen Symbolwert, weil man es verschenkt hat, es geliebt hat und es auch mal gebrochen wurde. Für mich ist es in erster Linie ein Muskel, der seinen Job nicht mehr gemacht hat und deshalb ausgewechselt werden musste. Und mit einem gesunden Herzen liebt es sich jetzt auch wieder besser", fügt er lächelnd hinzu.
Im April 2009 kam Brunos Sohn Mika Leon zur Welt. Der Gedanke, dass der Junge nur deshalb im Garten spielen kann, weil jemand anderes seinem Vater ein Herz geschenkt hat, stimmt Bruno Kollhorst noch immer nachdenklich. Aber es hilft auch, den Blick wieder nach vorn zu richten. "Nachdem wir lange Zeit nur von Tag zu Tag planen konnten, denken wir nun auch wieder an die Zukunft", erklärt er. "Als Transplantierter ist es natürlich schwierig, eine Lebensversicherung zu finden. Und da die Mediziner derzeit von einer Lebenserwartung von etwa 15 Jahren ausgehen, setze ich bei der Vorsorge lieber auf ein Eigenheim, das wir jetzt schon nutzen können, als auf eine Riester-Rente, von der ich nicht weiß, ob ich sie er-leben werde."
Weniger begeistert ist Bruno Kollhorst davon, dass der Gesetzgeber ihn als schwerbehindert einstuft, was ihm zwar einen besseren Kündigungsschutz, mehr Urlaubstage und einen höheren Steuerfreibetrag einbringt, aber "wenn einem nach langer Zeit der Krankheit endlich wieder nach Bäume ausreißen ist, will man natürlich nicht als 100 Prozent schwerbehindert gelten", erklärt er. "Aber allein aufgrund der vielen Medikamente, die ich für den Rest meines Lebens nehmen muss, ist die Einstufung schon sinnvoll."
Reisen mit einem transplantierten Herzen
Die sind übrigens auch der Grund dafür, dass bei Familie Kollhorst auch die Auswahl der Urlaubsziele inzwischen etwas weniger exotisch ausfällt. "Wenn man weiß, dass man auf eine gute medizinische Versorgung angewiesen ist, dann reist man doch eher nach Norwegen als nach Nepal", so der Hamburger über seine Reisepläne. "Und natürlich müssen die Reisen vernünftig organisiert werden. Grundsätzlich spricht zwar nichts dagegen, mit dem Rucksack wochenlang durch die Wüste zu laufen, ich fühle mich aber sicherer, wenn ich weiß, dass eine medizinische Betreuung im Bedarfsfall in der Nähe ist."
Autor: TK, erstellt am 14.11.06; zuletzt aktualisiert am 10.02.12
Quelle: TK 2011