Das Ministerium für Gesundheit und Soziales des Landes Sachsen-Anhalt und die Techniker Krankenkasse (TK) haben einen Leitfaden mit dem Titel "Gewalt gegen Kinder und Jugendliche" zur Prävention und Früherkennung von Kindesvernachlässigung und Misshandlung veröffentlicht.
Der Ratgeber wendet sich an Ärztinnen und Ärzte. Er soll helfen, Symptome von Gewalt und Vernachlässigung schneller zweifelsfrei zu identifizieren. Zugleich werden rechtliche Hinweise und Tipps gegeben, was und vor allem mit welchen Kooperationspartnern zu tun ist, wenn es einen begründeten Verdacht auf Kindesmisshandlung gibt.
Die im November 2007 erschienene Broschüre ist die grundlegend überarbeitete Nachauflage einer erstmals 1999 veröffentlichten Publikation. Sie enthält auf rund 120 Seiten u.a. Grundlagen für das Fallmanagement in der Arztpraxis wie beispielsweise Hinweise zu rechtlichen Bestimmungen, Diagnostik und Befunderhebung sowie Dokumentationsbögen. Ein weiterer wesentlicher Bestandteil dieses Leitfadens ist der unter Berücksichtigung der neuen Kreisstruktur überarbeitete Serviceteil mit nahezu 300 Adressen, Telefonnummern und Ansprechpartnern verschiedenster örtlicher Institutionen und Einrichtungen. Enthalten sind sowohl einzelne Landkreise und kreisfreie Städte Sachsen-Anhalts, aber auch überregionale Hilfeangebote.
Wie Jens Hennicke, Leiter der TK-Landesvertretung Sachsen-Anhalt bei der Präsentation des Leitfadens unterstrich, trägt dieser dazu bei, die teilweise bei Fachleuten bestehenden Informationsdefizite abzubauen und sie für das Thema weiter zu sensibilisieren. Hennicke: "Es geht darum, Gewalt gegen Kinder schnell und zweifelsfrei zu identifizieren, um dann sachgerecht reagieren zu können". Hennicke sieht eine große Diskrepanz zwischen Gesetzeslage, die ein gewaltfreies Aufwachsen von Kindern garantiert, und der Lebenswirklichkeit. Untersuchungen belegten, dass viele Kinder gelegentlich oder regelmäßig geschlagen werden. Hennicke: "Ohrfeigen und Schläge sind dabei nur eine Form der Gewalt. Nicht selten müssen Heranwachsende auch seelische Verletzungen in Form von beleidigenden Beschimpfungen, Demütigungen, Missachtung und Vernachlässigung erdulden".
Die damalige Gesundheits- und Sozialministerin Frau Dr. Gerlinde Kuppe rief gleichzeitig zu einem engen gesellschaftlichen Schulterschluss gegen Kindesvernachlässigung und Gewalt gegen Kinder auf. Kuppe: "Der Staat und die gesamte Gesellschaft, also jeder Bürger und jede Bürgerin von Sachsen-Anhalt sind gefordert, Kinder und Jugendliche vor Gewalt, Vernachlässigung und Misshandlung zu schützen. Niemand darf wegsehen oder weghören, wenn Kindern und Jugendlichen Unrecht geschieht". Kuppe betonte: "Kinder sind unsere Zukunft. Wir tragen eine große Verantwortung, um ihnen die bestmögliche Entwicklung zu gewährleisten. Kein Kind darf benachteiligt werden. Kinder und Jugendliche haben das Recht, ohne Gewalt aufzuwachsen".
Prof. Dr. Dieter Körholz, Direktor der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und Vorsitzender des vom Sozialministerium berufenen Expertenrates gegen Kindervernachlässigung, lobte den Ratgeber als Bereicherung und Baustein der Allianz zum Schutz des Kindeswohls in Sachsen-Anhalt. Körholz sagte: "Sachsen-Anhalt ist auf dem richtigen Weg, sein Frühwarnsystem weiter auszubauen. Es ist konsequent, medizinischen, psychologischen und sozialpädagogischen Fachverstand weitestgehend zu vernetzen und dabei frühzeitig auch die Jugend- und Familienhilfe einzubeziehen".
Frau Dr. Kuppe dankte der Techniker Krankenkasse und allen an der Erstellung des Leitfadens Beteiligten. Zugleich betonte sie die Bedeutung des engen Miteinanders im Ringen gegen Kindesvernachlässigung und Gewalt gegen Kinder. Sie sagte: "Wir wollen die Kooperationen in den Regionen noch enger schmieden. Ärzteschaft, Gesundheitsämter, örtliche Jugendhilfe, Polizei und Justiz gehören an einen Tisch gemeinsam mit den Projekten und Angeboten der Beratung. Die Zeit des strikt voneinander abgegrenzten Nebeneinanders muss ein für allemal vorbei sein."
Laut Untersuchungen des Kinderschutzbundes erfährt etwa jedes dritte Kind in unterschiedlichem Ausmaß Gewalt in der Erziehung. Dies beginnt bei einer Ohrfeige und reicht über eine Tracht Prügel bis hin zur sexuellen Misshandlung. Aber auch psychische Gewalteinwirkungen wie elterliche Ablehnung und Vernachlässigung werden im Leitfaden thematisiert.
Der aktuelle Leitfaden "Gewalt gegen Kinder" ist im Internet auf der Seite des Ministeriums abrufbar.
| Medizin & Gesundheit | Linktipps |
|---|---|
| Kindesmisshandlung: Hinsehen und helfen | Ministerium für Gesundheit und Soziales Sachsen-Anhalt |
| Kinderschutz Sachsen-Anhalt |
- Seite 1: Gewalt gegen Kinder - Leitfaden für Arztpraxen
- Seite 2: Gewalt gegen Kinder - Leitfaden für Lehrer und Erzieher
Autor: TK Landesvertretung Sachsen-Anhalt, erstellt am 13.06.08; zuletzt aktualisiert am 02.11.11

