Drogen am Arbeitsplatz

Fünf bis acht Prozent aller deutschen Beschäftigten haben ein behandlungswürdiges Problem mit Alkohol oder Medikamenten, so schätzen Experten. Hier erfahren Sie, wie man Suchtgefährdete frühzeitig erkennt und welche Maßnahmen man ergreifen sollte.

 

Die Anforderungen in der Berufswelt werden stetig größer, das Tempo schneller. Vorgesetzte verlangen mehr Leistung in kürzerer Zeit. Manche Beschäftigte können dem Druck nicht widerstehen und flüchten in eine Medikamenten- oder Drogensucht. Als Vorgesetzter hat man hier nicht nur eine moralische Verantwortung, einzuschreiten. Auch der Gesetzgeber schreibt dem Chef dies vor. So darf der Vorgesetzte laut Unfallverhütungsvorschrift einen Mitarbeiter, der unter Einfluss von Alkohol oder anderen Drogen steht und seine Arbeit nicht mehr "ohne Gefahr für sich oder andere ausführen kann", nicht mit Arbeit betrauen.


Die ärztliche Schweigepflicht und die Tatsache, dass nicht alle Beschäftigten mit Suchtproblemen auch als Abhängige erkannt werden, machen es schwer, genau zu sagen, wie viele Beschäftigte betroffen sind. "Wir gehen davon aus, dass fünf bis acht Prozent der Beschäftigten in einem Unternehmen ein behandlungsbedürftiges Problem mit Alkohol oder Medikamenten haben", sagt Angelika Nette, Referentin im Büro für Suchtprävention der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen e.V. Nach Angaben von Nette haben 8,9 Millionen Menschen in Deutschland beim Alkohol ein "riskantes Konsummuster". Sie trinken so viel, dass es zu einer Abhängigkeit führen könnte. Darüber hinaus sind insgesamt 1,2 Millionen Bundesbürger alkoholabhängig.

 

Alkohol - Droge Nummer eins

Alkohol ist ein psychoaktives Rauschmittel, das auf das zentrale Nervensystem wirkt. Zunächst setzt eine anregende Wirkung ein, später eine betäubende. Laut Nette sollten Frauen nicht mehr als 20 Gramm Alkohol am Tag zu sich nehmen und Männer nicht mehr als 30 bis 40 Gramm. Eine Menge von 0,4 Liter Wein entspricht rund 20 Gramm Alkohol, so die Expertin. Keinesfalls jedoch sollte man jeden Tag Alkohol trinken.


Bei Alkohol handelt es sich um ein Zellgift. Übermäßiger Alkoholkonsum kann im schlimmsten Fall zum direkten Tod durch eine Alkoholvergiftung führen. Außerdem kann es zu einer starken körperlichen Abhängigkeit kommen. Alkoholkranke Menschen brauchen nach einer Zeit der Abhängigkeit oft einen gewissen Pegel, um überhaupt zu funktionieren, und fangen daher meist morgens mit dem Trinken an.

 

Vorgesetzte können die Anzeichen für eine Alkoholkrankheit oft leichter erkennen als Anzeichen für eine Medikamentensucht oder eine Abhängigkeit von illegalen Drogen. Ein Mensch im Alkoholvollrausch kann sich zum Beispiel nicht mehr sicher bewegen. Die Betroffenen torkeln und das Reden fällt ihnen schwerer. Bei sehr geübten Trinkern kann es vorkommen, dass diese Anzeichen ausbleiben. Eine Fahne, also der Geruch nach Alkohol, ist aber so gut wie immer vorhanden. Darüber hinaus fehlen alkoholkranke Menschen überdurchschnittlich oft aus Krankheitsgründen am Arbeitsplatz.

 

Illegale Drogen

Es gibt viele verschiedene, unterschiedlich wirkende illegale Drogen. Insgesamt geht man in Deutschland bei illegalen Drogen von 300.000 Abhängigen und weiteren 150.000 Gelegenheitskonsumenten aus. Einige illegale Drogen sind in der Arbeitswelt relativ selten in Gebrauch. Komplexe Tätigkeiten kann jemand, der regelmäßig Heroin oder Crack konsumiert, nicht erledigen. Halluzinogene Drogen wie LSD oder bestimmte Pilze machen den Konsumenten ebenfalls nahezu arbeitsunfähig.

 

Die am häufigsten konsumierte illegale Droge in Deutschland ist nach Expertenmeinung Cannabis. Auch hier ist jedoch die Wirkung auf den Berufsalltag gänzlich kontraproduktiv. Der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) wirkt beruhigend und schränkt die Konzentrationsfähigkeit ein. Cannabis wird meist nach der Arbeitszeit konsumiert. Oft haben die so genannten "Kiffer" am nächsten Tag noch Restwerte im Blutkreislauf.

 

Meist sind es andere illegalen Drogen, die direkt bei der Arbeit eingenommen werden. "Es ist zu vermuten, dass unter den illegalen Drogen leistungssteigernde Mittel wie Kokain und Amphetamine ein große Rolle spielen", sagt Nette. Im Kokainrausch steigert sich nach Expertenangaben die Leistungsfähigkeit und Ausdauer eines Menschen. Die Müdigkeit wird ebenfalls unterdrückt und der Schlaf kann so sehr lange hinausgezögert werden. Herzfrequenz und Blutdruck steigen an. Die Wirkung von Amphetaminen und Metamphetaminen ist sehr ähnlich. Mitarbeiter, die unter starkem Stress oder Leistungsdruck stehen, greifen zu diesen Mitteln, um ihre Anspannung zu kompensieren. Der Missbrauch solcher Drogen ist im Gegensatz zum Alkoholmissbrauch für Vorgesetzte sehr schwer zu erkennen. Optisch verändern sich meist lediglich die Pupillen.

 

Rausch auf Rezept

Sehr weit verbreitet ist auch der Missbrauch von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Experten schätzen, dass rund 1,4 Millionen Deutsche von Medikamenten abhängig sind. Darunter bilden Schmerz-, Schlaf- und Beruhigungsmittel wie etwa Valium die größte Gruppe. Sie machen etwa zwei Drittel aus, schätzt Dr. Jörg Busam, Leitender Betriebsarzt bei aktiv.net, einem Dienstleister für betriebliche Gesundheitsförderung.


Neben Schmerzmitteln werden auch häufig Aufputschmittel missbraucht. "Besonders in Berufsgruppen, deren Schlafrhythmus gestört ist, werden Schlafmittel und Wachmacher missbraucht", sagt Suchtexpertin Nette. Hierzu zählen alle Gewerbe, in denen Mitarbeiter Nachtschichten verrichten müssen oder besonders lange sowie unregelmäßige Arbeitszeiten haben.

 

Ungefähr 70 Prozent der Medikamentenabhängigen sind weiblich. Für sie spielen Beruhigungsmittel und insbesondere amphetaminhaltige Medikamente eine wichtige Rolle. Mit letztgenannten Mitteln werden normalerweise Krankheiten wie etwa das Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) behandelt. Aber manche Arbeitnehmer missbrauchen diese Substanzen zur Steigerung der Leistungsfähigkeit. "Amphetaminhaltige Medikamente erhöhen den Wachheitsgrad, die so genannte Vigilanz", sagt Busam.

 

Suchtkranke Mitarbeiter erkennen

Vorgesetzte werden in der Regel nicht eindeutig erkennen können, ob ein Mitarbeiter suchtkrank ist oder nicht. Sie können jedoch auf die Anzeichen achten, die auf eine solche Erkrankung hindeuten. Zum Beispiel, wenn der Mitarbeiter Körperhygiene und Erscheinungsbild vernachlässigt, sich Auftreten und Persönlichkeit rasch wandeln, seine Stimmung stark schwankt oder er sich besonders häufig für ein bis zwei Tage krank meldet.


Drogentests bei Mitarbeiten gibt es in der Regel nur in einigen Risikobranchen, etwa im Transportgewerbe, bei Piloten oder Arbeitern an schweren Maschinen. Solche Tests setzen allerdings eine innerbetriebliche Vereinbarung oder das individuelle Einverständnis des Mitarbeiters voraus. "Das ist aber keinesfalls gang und gäbe", erklärt Experte Busam. Besser sei es, wenn Vorgesetzte im Rahmen ihrer Möglichkeiten aufmerksam sind, so Busam.

 

Als Chef oder Chefin bewegt man sich dabei auf einem schmalen Grat. Auf der einen Seite sollen Vorgesetzte die Suchtproblematik eines Mitarbeiters unter keinen Umständen bagatellisieren. Denn Suchtkrankheiten sind ernst zu nehmen. Je früher man sie erkennt, desto besser sind die Hilfs- und Heilungschancen für den Betroffenen. Mit Vermutungen oder gar Anschuldigungen sollten Vorgesetzte allerdings sehr vorsichtig sein. Denn Sucht ist ein heikles Thema, und die genannten Symptome können auch andere Gründe haben.


 

Sucht-Warnsignale im eigenen Verhalten erkennen

Einige Anzeichen für eine Abhängigkeit kann nur der Suchtkranke selbst erkennen. Die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen (DHS) nennt insgesamt sechs Warnzeichen, die auf eine Sucht hindeuten können:

 

  1. Der starke Wunsch oder Zwang, eine Substanz zu konsumieren.
  2. Der Kontrollverlust bezüglich Häufigkeit des Konsums.
  3. Die Abstinenzunfähigkeit, selbst bei bereits auftretenden schweren Folgeschäden.
  4. Die Toleranzbildung, also das Steigern der Dosis.
  5. Entzugserscheinungen wie Zittern, Schweißausbrüche und Kreislaufstörungen.
  6. Rückzug aus dem Sozialleben, die Droge wird zum Lebensmittelpunkt.

 

Bei Medikamentenmissbrauch gibt es darüber hinaus ein weiteres Verhaltensmuster, das stark auf eine Abhängigkeit hindeutet. Nimmt jemand ein Mittel bereits vorrauschauend ein, ist oft eine Sucht vorhanden oder bahnt sich gerade an. Wer etwa vor einer wichtigen Besprechung präventiv Schmerzmittel nimmt, um eventuellen Kopfschmerzen vorzubeugen, gilt als akut gefährdet.

 

Konstruktiver Druck und Unterstützung

Hat man im Vieraugengespräch mit dem Mitarbeiter erörtert, dass ein Suchtproblem vorliegt, sollte der Chef den Mitarbeiter unterstützen. "Das Richtige ist konstruktiver Druck", sagt Betriebsarzt Busam. Einerseits solle man Hilfe und Unterstützung anbieten, auf der anderen Seite sollten aber auch Konsequenzen folgen, wenn sich der suchtkranke Mitarbeiter nicht an Absprachen hält. "Eine ganz klare Ansprache der Auffälligkeit und ein Stufenplanen mit Sanktionen und Hilfe gleichzeitig", hält Suchtexpertin Nette für den richtigen Weg.