Schnelles Lesen
Praktisch jeder klagt über die tägliche Informationsflut. Wie Sie Ihre Lesegeschwindigkeit und -effektivität steigern können und was Sie bei der Auswahl von Seminaranbietern beachten sollten, lesen Sie hier.
Ob im Beruf oder im Privatleben - wir müssen immer mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten. Dies geschieht zum überwiegenden Teil über das Lesen von E-Mails, Memos, Protokollen, Nachrichten und Fachartikeln. Wer seine Lesegeschwindigkeit steigert, kann schneller und effizienter arbeiten und gewinnt somit Freizeit hinzu. Während es rund ein Dutzend verschiedene Schnelllesetechniken gibt, ist es wissenschaftlich keineswegs erwiesen, ob diese auch zum Erfolg führen. Doch lohnt es sich auf jeden Fall, einfache Grundregeln einzuhalten und das Lesen zu trainieren.
Ein durchschnittlicher Leser kann in der Minute 200 bis 240 Wörter lesen und den Inhalt auch im Wesentlichen verstehen. Wer pro Tag eine Stunde liest, könnte bei einer Steigerung seiner Lesegeschwindigkeit um 25 Prozent im Monat sechs Stunden sparen. Bei einer Verdoppelung der Geschwindigkeit wären es sogar 15 Stunden. Mit solchen und ähnlichen Rechnungen werben Seminaranbieter für Lesetechniken.
"Meiner Erfahrung nach ist es tatsächlich möglich, die Lesegeschwindigkeit zu verdoppeln,“ sagt Peter Rösler, der sich intensiv mit dem Thema beschäftigt, inzwischen selbst Schnellleser mit 2.400 Wörtern pro Minute ist und entsprechende Seminare anbietet. Gemeinsam mit fünf weiteren Mitstreitern gründete er die Deutsche Gesellschaft für Schnell-Lesen (DGfSL). Ziel ist es, das Schnelllesen zu fördern und zu erforschen.
Methoden des Schnelllesens
Grundsätzlich unterscheidet man das sogenannte normale Schnelllesen und das optische Schnelllesen. Beim normalen Schnelllesen wird mit verschiedenen Tricks und Methoden versucht, die Geschwindigkeit zu steigern. Dabei ist eine Verdoppelung der Leseleistung auf rund 400 Wörter pro Minute für einen durchschnittlichen Leser bereits eine große Leistung.
Fraglich ist jedoch, ob diese Leistung, wenn das intensive Training nicht weiterverfolgt wird, mit der Zeit nicht wieder zurückgeht. Das optische Schnelllesen lässt sich nur mit einem Einzeltraining erlernen, das schnell 15.000 Euro kosten kann und mehrere Monate dauert. Dabei soll ein Wert zwischen 2.000 und 3.000 Wörtern pro Minute erreicht werden. Umstritten ist, welche Rolle die natürliche Begabung beim Lesen spielt. So haben Tests ergeben, dass die Fähigkeit zum schnelleren Lesen vom Intelligenzquotienten abhängt. Gesichert ist aber auch, dass Vielleser automatisch über eine über dem Durchschnitt liegende Lesegeschwindigkeit verfügen.
Tipps und Tricks zum Schnelllesen
Wer große Textmengen zügig bewältigen will, kann mit einfachen Methoden bereits viel erreichen. "Gönnen Sie sich beim Erlernen der Schnelllesetechniken Zeit“, rät Buchautorin und Seminaranbieterin Brigitta Ernst. Sie vergleicht das Schnelllesen mit dem Autofahren: In den ersten Fahrstunden geht es um das Schalten und Kuppeln. Schnell fühlt sich der Fahrschüler überfordert. Wer jedoch Routine hat, kann neben dem Fahren sogar noch die Umgebung bewundern.
Wichtig ist es, sich vor Beginn des Lesens klarzumachen, welche Informationen man benötigt. Dann kann man den Text überfliegen und nach Schlüsselwörtern suchen. Hat man eines gefunden, steigt man tiefer in den Text ein. Bei der Entscheidung, welches Kapitel, welche Seite und welchen Abschnitt man lesen will, helfen auch Überschriften, Bilder und Grafiken.
Sinnvoll ist es auch, mehrere Wörter auf einmal zu betrachten und so Informationszusammenhänge herstellen zu können. Man sollte trainieren, ein- bis zweimal pro Zeile die Augen anzuhalten, empfiehlt die Expertin. Damit die Augen nicht wie gewohnt zurückspringen, empfiehlt sie, den Blick mithilfe eines Stifts in der Mitte der Zeile nach unten zu führen.
Ähnlich funktioniert der Zwei-Zeilen-Sprung. Hierbei versucht man, zwei Zeilen auf einmal zu erfassen, indem man den Stift unterhalb der zweiten Zeile nach unten führt. Eine Erweiterung ist das diagonale Lesen über das ganze Blatt.
Schnelllesetechniken in Seminaren
Im deutschsprachigen Raum gibt es derzeit rund 50 Anbieter von Lesetechnik-Seminaren. In diesen werden rund ein Dutzend verschiedene Methoden vermittelt, wie sich die Lesegeschwindigkeit steigern lässt. Manche Autoren lehren Basistechniken wie Vermeidung von Rücksprüngen, den Einsatz von Zeilenschwüngen, und die Blickspannenerweiterung.
Häufig zielen die Seminare darauf ab, das gewohnte innere Mitsprechen, die sogenannte Subvokalisation, zu unterdrücken. Dieser Ansatz ist umstritten: Während Gegner der Schnelllesetechniken dies für unmöglich halten, ist es für die Verfechter dieser Methode der Schlüssel zur Effizienzsteigerung. Manche Ratgeber warnen sogar ausdrücklich vor Lesestörungen durch den Einsatz solcher Techniken.
"Das Thema ist wissenschaftlich kaum untersucht. Es gibt aber Hinweise darauf, dass positive Effekte während eines Seminars und in der Zeit danach, vor allem durch das Üben überhaupt entstehen“, so Rösler. Keinesfalls jedoch kann man innerhalb eines zweitätigen Seminars seine Lesegeschwindigkeit verdoppeln, so seine Erfahrung. Wer behauptet, 1.000 oder mehr Wörter pro Minute ließen sich mit diesen Methoden erreichen, sei unseriös, betont der Diplom-Informatiker, der sein Geld hauptberuflich mit der Qualitätssicherung von Software verdient. Dabei kommt es auf die schnelle Kontrolle von unzähligen, in nicht normal lesbarem Computer-Code geschriebenen Text an.