Die Bestimmung evozierter Potenziale ist eine diagnostische Methode, bei der die durch einen bestimmten Reiz ausgelösten (evozierten) Hirnströme gemessen werden.
Ähnlich einem Computer funktioniert die Informationsübertragung und -verarbeitung im Gehirn und an den Nervenzellen mithilfe elektrischer Signale. Wenn eine Nervenzelle einen Impuls weiterleitet, fließt ein Strom zwischen Außen- und Innenseite der Zellmembran.
Ähnlich wie die Herzströme beim EKG lassen sich auch diese Hirnströme mithilfe von auf dem Kopf aufgeklebten Metallelektroden messen. Die kurzen Spannungswechsel bezeichnet man als Potenziale. Am häufigsten kommt diese Technik beim EEG (Elektroenzephalogramm) zum Einsatz, mit dem die Grundaktivität des gesamten Gehirns beobachtet wird.
Die evozierten Potenziale dienen der Untersuchung von bestimmten Signalen und deren Verarbeitung. Wenn wir etwas sehen, hören, riechen oder spüren kommt es zu einem Potenzial in der Hirnrinde (Kortex). Die einzelnen Sinnessysteme sind in verschiedenen Bereichen der Hirnrinde lokalisiert.
Von dem Sinnesorgan, zum Beispiel dem Auge wird ein Reiz über Nervenbahnen zum Gehirn geleitet. Mit den evozierten Potenzialen kann der Arzt beispielsweise die elektrische Aktivität der einzelnen Abschnitte der Sehbahn untersuchen. Reizt man etwa das Ohr mit einem Geräusch oder das Auge mit einem Bild, zeigen sich die evozierten (gezielt hervorgerufenen) Potenziale als zusätzliche Wellenmuster im EEG.
Die an sich konstanten evozierten Potenziale verändern sich, sobald an den Nervenzellen oder in deren direkter Umgebung eine krankhafte Veränderung auftritt. Bei einer Entzündung des Sehnervs ist zum Beispiel die Weiterleitung der elektrischen Signale verzögert, das Wellenmuster der evozierten Potenziale sieht dadurch verändert aus.
Der Arzt kann festzustellen, ob sich Funktionsstörungen der einzelnen Sinnessysteme auf eine Nervenschädigung zurückführen lassen und wo diese lokalisiert ist.
Die Untersuchung ist einfach durchzuführen, dauert nur etwa eine halbe Stunde und verursacht keinerlei Schmerzen.
- Seite 1: Was versteht man unter evozierten Potenzialen?
- Seite 2: Visuell evozierte Potenziale
Autor: Ulrich Kraft; Dr. med. Dirk Nonhoff, erstellt am 25.10.05; zuletzt aktualisiert von Dr. med. Anne-Kristin Schulze am 13.07.10
Quelle: Poeck/Hacke: Lehrbuch Neurologie. Springer (2001); Rowland: Merritt's Neurology (10. Auflage 2000); Poeck, K.; Hacke, W.: Neurologie. 12. Aufl. Heidelberg: Springer, 2006.

