Noch immer wird Dauerpräsenz am Arbeitsplatz in einigen deutschen Unternehmen als ehrenwertes Verhalten der Beschäftigten ausgelegt. Dies ist jedoch brisant, da Dauerpräsenz aus Sicht von Experten mit Präsentismus einhergehen kann, also der Tatsache, dass Beschäftigte krank oder zumindest stark leistungseingeschränkt zur Arbeit gehen. Die möglichen Folgen: Ein erhöhtes Fehler- und Unfallrisiko, eine zunehmende Ansteckungsgefahr oder die Verschleppung von Krankheiten. 

Das wiederum führt laut Berechnungen von amerikanischen Wissenschaftlern zu Folgekosten, die deutlich höher sein können als jene, die durch das Fernbleiben vom Arbeitsplatz entstehen (Absentismus). 

Das Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) mit Sitz in Konstanz hat rund 16.000 Beschäftigte verschiedener Unternehmen zum Phänomen Präsentismus befragt. Die Ergebnisse sind bemerkenswert: Etwa 76 Prozent der Befragten gaben an, mindestens einmal im Jahr trotz Krankheit zur Arbeit gegangen zu sein. Darüber hinaus sind 22 Prozent der Befragten sogar entgegen dem ärztlichen Rat bei der Arbeit erschienen. 

Besonders betroffen: Frauen und Beschäftigte unter 40

Vertiefende Analysen des IFBG mit einer kleineren Stichprobe im Rahmen des BGM-Beschäftigtenbarometers - einem Gemeinschaftsprojekt mit der Techniker Krankenkasse - zeigen zudem signifikante Unterschiede bei den Geschlechtern und Altersgruppen. Insbesondere weibliche Beschäftigte (85 Prozent) und Beschäftigte unter 40 Jahre (85 Prozent) neigen demnach dazu, trotz Krankheit zur Arbeit zu gehen. 

Als Gründe für das Präsentismusverhalten nennen weibliche Beschäftigte insbesondere dringende Arbeiten oder Termine, angehäufte Arbeit sowie den Wunsch, den Kollegen nicht zur Last zu fallen. Bei den unter 40-jährigen Beschäftigten sind die zwei Hauptgründe ebenfalls dringende Arbeiten oder Termine sowie angehäufte Arbeit. Als dritthäufigster Grund wird hier jedoch eine fehlende Vertretung angegeben. 

Präsentismus im Gesundheitsmanagement

Das Fazit: Präsentismusverhalten ist für Unternehmen ein wichtiges und nicht zu vernachlässigendes Handlungsfeld im Gesundheitsmanagement. Eine Aufklärung über die Risiken von Präsentismus für die Beschäftigten selbst, aber auch für die Unternehmen - etwa durch eine Kommunikationskampagne oder Mitarbeitergespräche - kann hier ein wichtiger Schritt sein. Weibliche sowie jüngere Beschäftigte sind eine besonders relevante Zielgruppe. 

Allerdings sind solche Maßnahmen nur dann erfolgreich, wenn auch das Top-Management mitzieht und das eigene Verhalten im Krankheitsfall hinterfragt.

Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung

Das Institut für Betriebliche Gesundheitsberatung (IFBG) ist eine Ausgründung von Wissenschaftlern der Universitäten Konstanz, München (TU) und Karlsruhe (KIT). Seit 2013 ist es unter der Leitung von Prof. Dr. Filip Mess und Dr. Utz Niklas Walter auf Befragungen von Beschäftigten und Unternehmensverantwortlichen spezialisiert. Mehr zum Institut finden Sie auf der Seite des IFBG.

Update zum 7. November 2019

Angeregt durch Ihre Feedbacks haben wir vertiefende Informationen zum Thema für Sie zusammengestellt.