Der Bericht, den die 14-köpfige Fachkommission Integrationsfähigkeit am 20. Januar 2021 präsentierte, räumt mit zwei großen Vorurteilen gegen Migranten auf: Weder belasten Zugewanderte den Sozialstaat übermäßig, noch nehmen sie heimischen Erwerbstätigen die Arbeitsplätze weg. Stattdessen stellt sich bei zunehmender Migration für heimische Geringqualifizierte ein Fahrstuhleffekt ein - sie spezialisieren sich auf andere Tätigkeiten, die häufig besser bezahlt werden. 

Deutschland ist Einwanderungsland

Auch anderweitig profitiert Deutschland laut der Expertenkommission von der Zuwanderung. Sie deckt einen Teil des Fachkräftemangels, scheint ein Treiber für Innovation zu sein, und die migrantische Ökonomie trägt wesentlich zur Wirtschaft und Integration bei. 

Das sieht auch Bundesarbeitsminister Hubertus Heil auf der Seite des BMAS so: "Deutschland ist ein Einwanderungsland. Ohne die vielen Fachkräfte mit ausländischen Wurzeln wäre unsere Wirtschaft nicht so stark, wie sie es heute ist." Zudem bescheinigt der Bericht, dass die Arbeitsmarktreform von 2004 die Arbeitsmarktintegration positiv beeinflusst habe. 

Trotz der aktuell guten Lage prophezeit die Kommission für die kommenden Jahre einen Rückgang der Erwerbsmigration aus EU-Staaten. Zudem seien die Westbalkanregel und das neue Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG) nicht Anreiz genug für qualifizierte Arbeitskräfte, nach Deutschland zu kommen. Um dem entgegenzuwirken, empfehlen die Experten strategische Änderungen in den folgenden Bereichen: 

In Weiterbildung investieren

Die berufliche Bildung ist entscheidend für die Beschäftigungschancen und Integration. Die Kommission rät, die Hürden für die Investition in Bildung herunterzusetzen, um weitere Potenziale auszuschöpfen - beispielsweise, indem das Nachholen von Schul- und Berufsabschlüssen gefördert und die Beratungsangebote zu (Weiter-) Bildungsmöglichkeiten aufgestockt werden.

Auszubildende und Studierende anwerben

Bildungszuwanderer, die für ein Studium oder eine Ausbildung nach Deutschland kommen, integrieren sich oft erfolgreich in den Arbeitsmarkt und sind motiviert, dauerhaft in Deutschland zu bleiben. Dementsprechend sollten Azubis und Studierende gezielt angeworben werden.

Anerkennung von Berufsabschlüssen erleichtern

Sie ist "das entscheidende Nadelöhr" - die Anerkennung des Berufsabschlusses. Der aktuelle Prozess ist laut Kommission zu kompliziert und die Anerkennungsrate zu niedrig. Gangbar wären Modelle anderer europäischer Staaten, die zum Beispiel informell erworbene Qualifikationen bei der Bewertung des Abschlusses berücksichtigen. 

Fokus auf Migrantinnen

Aus Sicht der Kommission unterstützt Deutschland Migrantinnen und ihre Familien zu wenig bei der Integration. Sie empfiehlt, spezielle Integrationsprogramme für Frauen zu entwickeln, die auch Maßnahmen für Familien mit Kindern unter drei Jahren beinhalten.

Geflüchtete sind gut integriert

Bis März 2020 verlief die Integration von Menschen mit Fluchthistorie positiv, resümieren die Experten. Der gesamtgesellschaftliche Einsatz habe sich gelohnt. Damit sich der Trend fortsetzt, rät die Fachkommission dazu, den Zugang zum Arbeitsmarkt früher zu erlauben sowie umfassend über Bildungsmöglichkeiten - insbesondere Sprachkurse - zu informieren. Denn geringe Deutschkenntnisse seien das größte Integrationshemmnis. Weiterhin sollte möglichst früh mit der rechtlichen Beratung sowie der gesundheitlichen Betreuung begonnen werden. Die Trauma-Belastung durch die Fluchterfahrung dürfe nicht unterschätzt werden. Eine umfassende medizinische Versorgung erhöht die Arbeitsmarktchancen.