Für Paul Glaser, dem stellvertretenden Leiter des English Theatre in Hamburg, war die Sache schon länger zu riskant. "Wir mussten sichergehen, dass der Brexit uns nicht in die Quere kommt", sagte Glaser dem Hamburger Abendblatt. Das Problem: Bei einem harten Brexit, der weiterhin beim Scheitern der Verhandlungen zum Austrittsabkommen droht, endet die Arbeitnehmerfreizügigkeit für britische Staatsbürger in der EU. Die Schauspieler für die laufende Spielzeit im English Theatre habe er deshalb in Irland rekrutiert. 

Sollte doch noch das Austrittsabkommen im britischen Parlament verabschiedet werden, hätten Arbeitgeber wie Glaser zumindest für die nahe Zukunft Planungssicherheit: Denn laut Abkommen bleibt die Freizügigkeit bis Ende 2020 uneingeschränkt bestehen. Britische Bürger, die in der EU arbeiten und sich dort niedergelassen haben, sollen außerdem nach fünf Jahren die Möglichkeit zu einer Daueraufenthaltserlaubnis erhalten. Dies soll umgekehrt auch für EU-Bürger in Großbritannien gelten.

Ausnahmen zum Aufenthalt nur zeitlich befristet

Das EU-Parlament hat sich für den Fall eines ungeordneten Brexits für eine Visa-Freiheit für britische Bürger ausgesprochen, die sich bis zu 90 Tage lang - in einer Spanne von 180 Tagen - in einem EU-Staat aufhalten. Die Voraussetzung sei aber, dass die Visa-Freiheit im Gegenzug auch für EU-Bürger in Großbritannien gilt, heißt es in der Mitteilung aus Brüssel.

Die Entscheidung, ob britische Bürger nach dem Brexit in einem EU-Land arbeiten dürfen oder nicht, liegt im Falle eines ungeordneten Austritts in der Verantwortung des jeweiligen Mitgliedstaates. Deutschland hat bereits Vorbereitungen getroffen: Britische Bürger, die freizügigkeitsberechtigt sind, dürfen per Ministerverordnung zunächst für weitere drei Monate ohne Aufenthaltstitel in Deutschland leben und arbeiten wie bisher. Mit Zustimmung des Bundesrats kann diese Frist verlängert werden.

"Keine Lösung für dauerhafte Beschäftigung" 

"Diese Regelungen taugen nichts für eine dauerhafte Beschäftigung britischer Arbeitnehmer", bewertet Rechtsanwalt Dr. Hans-Hermann Aldenhoff, Partner bei Simmons & Simmons in Düsseldorf, laut Handelsblatt-Blog die geplanten Regelungen. Im Fall eines harten Brexits würden Arbeitskräfte aus dem Vereinigten Königreich langfristig wieder einen Aufenthaltstitel benötigen. Zuständig für die Erteilung von Aufenthaltstiteln für Mitarbeiter aus Drittstaaten sei die Ausländerbehörde, die wiederum nach derzeitiger Rechtslage eine Genehmigung der Bundesagentur für Arbeit einholen muss.

Es liege in der Verantwortung der Personalabteilung, bei bestehenden und künftigen Beschäftigungsverhältnissen die erforderlichen Aufenthaltstitel zu prüfen, erklärt Aldenhoff. "Das Fehlen von Aufenthaltstiteln führt zu einem absoluten Beschäftigungsverbot, wobei der Vergütungsanspruch des Mitarbeiters gegebenenfalls unberührt bleibt - also ohne Arbeit gezahlt werden muss."

Xing: Mehr Bewerber aus Großbritannien 

Laut dem Karriereportal Xing schauen sich britische Bewerber verstärkt auch auf dem deutschen Arbeitsmarkt um. Jobsuchmaschinen registrieren laut Xing-Beitrag  stark wachsende Zugriffszahlen aus dem Vereinigten Königreich. "Neben Stellenangeboten in Irland sind für Engländer offensichtlich vor allem Jobs in Deutschland interessant", heißt es. Hierzulande seien die Jobchancen für englische Muttersprachler derzeit gut, vor allem in technischen Berufen wie etwa bei Ingenieuren in der Automobil- oder Flugzeugindustrie, ebenso Data-Experten, Webdeveloper oder Software-Spezialisten.

Das Netzwerk macht aber ebenfalls auf Unsicherheiten im Fall eines harten Brexits aufmerksam, etwa die möglicherweise notwendige Beantragung eines Aufenthaltstitels. Als Alternative wird die deutsche Staatsbürgerschaft empfohlen, wenn die rechtlichen Voraussetzungen erfüllt sind. Dabei ist allerdings Eile angesagt: "Solange Großbritannien noch EU-Mitglied ist, können die Antragsteller ihren britischen Pass neben dem deutschen Pass noch behalten", heißt es.

Britische Bewerber spüren Vorurteile 

"Das Schlimmste ist die Unsicherheit", kommentiert Matthew, 30, die aktuelle Lage. Der Sprachlehrer und Übersetzer ist kurz nach dem Referendum mit seiner deutschen Freundin aus Großbritannien nach NRW gezogen und ist derzeit auf der Suche nach einer Festanstellung. "Das Brexit-Chaos sorgt auf allen Seiten für Verunsicherung. Und man spürt auch die Vorurteile und Skepsis gegenüber uns Briten - im Alltag, aber auch bei Bewerbungen", so Matthew. Dass vor allem junge, gut ausgebildete Briten wie er für einen Verbleib gestimmt haben, sei vielen nicht bewusst. "Es wird zunehmend deutlich, welche realen negativen Auswirkungen das Ganze auf das Wohlergehen der britischen Arbeitnehmer sowohl im Vereinigten Königreich als auch in der EU hat. Wir können nur hoffen, dass Unternehmen und Arbeitgeber Verständnis für unsere Situation haben."

Im TK-Service Ausland beantworten wir alle wichtigen Fragen rund um die Beschäftigung von Bewerbern aus Drittstaaten  sowie zum Brexit .