Die in den Niederlanden lebende Britin Sharon Clarke erhielt kürzlich Post von ihrer Bank aus London. "Sie teilte mir mit, dass mein Konto geschlossen wird und ich alle ausstehenden Kredite schnellstmöglich zurückzahlen müsse, wenn ich keine britische Adresse angeben kann", berichtete Clarke dem englischen Nachrichtensender BBC

Die Lloyds Bank, bei der auch Clarke Kundin ist, hat nach Angaben der BBC über 13.000 Privat- und Geschäftskunden angeschrieben - auch in Deutschland. Nach Ablauf der Brexit-Übergangsfrist am 31. Dezember könne sie keine Bankdienstleistungen mehr anbieten, habe die Bank mitgeteilt. Auch die Häuser Barclays und Coutts sollen nach Recherchen des Senders ähnliche Maßnahmen ergriffen haben. 

Bei den betroffenen Kunden handelt es sich um jene, die ein Bankkonto in Großbritannien halten, obwohl sie inzwischen in der EU wohnen. Dieses wird zum Beispiel genutzt, um Überweisungen in Großbritannien zu tätigen und beim Besuch in der Heimat Gebühren und Wechselkursverluste zu vermeiden.

Kein Zugriff mehr aufs Passporting-System 

"Es kann durchaus sein, dass die EU-weiten Bankvorschriften nach dem Brexit für Großbritannien nicht mehr gelten werden. Britische Banken werden ohne die richtigen Banklizenzen keine Dienstleistungen für Kunden in der EU mehr anbieten dürfen", erklärt Sarah Hull vom Forschungsinstitut UK in a Changing Europe in London. 

Dass nicht alle Kunden britischer Banken die Kündigung erhalten, hänge mit dem jeweiligen internationalen Engagement der Banken zusammen. Der Zugang zum sogenannten Passporting System, das in der gesamten EU grenzüberschreitende Bankdienstleistungen erlaubt, erfordert beispielsweise die Gründung einer Niederlassung. "Einige britische Banken haben entschieden, dass die Größe und der Umfang des Kundenstamms zu klein und wenig profitabel ist, um den Aufbau einer Tochtergesellschaft in der EU zu rechtfertigen. Deshalb haben sie beschlossen, aus diesem Markt auszusteigen", so Hull.

"Wenden Sie sich an Ihren Anbieter"

Nach Einschätzung der britischen Regierung dürfte sich durch den Brexit "für die meisten in der EU lebenden Briten" nichts ändern. So zumindest ist es im offiziellen Online-Leitfaden "Living in Germany" nachzulesen. Allerdings heißt es dort auch: "Ihre Bank oder Ihr Finanzdienstleister sollte sich mit Ihnen in Verbindung setzen, wenn Änderungen an Ihrem Produkt oder der Art und Weise, wie es angeboten wird, vorgenommen werden müssen. 
Wenn Sie Bedenken haben, ob Sie betroffen sein könnten, wenden Sie sich an Ihren Anbieter oder suchen Sie unabhängigen finanziellen Rat."

Entscheidung muss im November fallen

Was in Sachen Binnenmarkt, Zollunion und damit auch auf den grenzüberschreitenden Zahlungsverkehr auf Unternehmen zukommt, ist indes noch völlig unklar. Die Zeit drängt: Spätestens im November müssen die Verhandlungen zwischen dem Vereinten Königreich und der EU abgeschlossen sein. Andernfalls kann ein rechtzeitiges Inkrafttreten von Verordnungen zum Jahreswechsel nicht garantiert werden. 

Informationen zur Entgeltzahlung

Arbeitgeber, die in Deutschland lebende britische Staatsbürger beschäftigen, dürften von der jüngsten Aufforderung zur Kontoschließung nicht betroffen sein. In der Regel haben britische Arbeitnehmer an ihrem Wohnsitz ein Konto, auf das Gehälter gezahlt werden. Die Entgeltauszahlung ist gemäß § 270 Abs. 1 BGB in der Regel an den Betriebssitz des Arbeitgebers bzw. den Wohnsitz des Mitarbeiters gebunden. 

Weitere Informationen zu den Arbeitgeberpflichten hinsichtlich der Gehaltszahlung haben wir für Sie in unserem Artikel zusammengestellt.