Laut Austrittsabkommen gilt bis zum 31. Dezember 2020 die EU-Arbeitnehmerfreizügigkeit und damit auch die soziale Absicherung bei Auslandseinsätzen. Die britische Regierung hat die Option auf eine Verlängerung der Übergangsphase, die noch bis Ende Juni bestand, abgelehnt.

Was Global-Mobility-Verantwortliche in Unternehmen für die Zeit ab 2021 zu erwarten haben, ist unter Experten völlig offen: "Wir haben eine vollkommen unklare Situation, und es sieht nicht so aus, dass es in kurzer Zeit eine Lösung gibt", bewertet Sten Günsel, Rechtsanwalt, Steuerberater und Fachberater für internationales Steuerrecht, die aktuelle Lage für Arbeitgeber. "Das sorgt bei den Unternehmen aktuell für große Unsicherheit. Wir empfehlen, sich auf einen vertragslosen Zustand vorzubereiten." Je nach Aktivität sei die Gründung von Tochtergesellschaften oder Zweigniederlassungen im jeweils anderen Land empfehlenswert, so der Experte.

Seiner Ansicht nach gibt es beim grenzüberschreitenden Mitarbeiteraustausch von und nach Großbritannien  derzeit folgende mögliche Szenarien:

Szenario 1: Wiederaufleben des Sozialversicherungsabkommens von 1960

Sollte nach dem Brexit keine Weitergeltung der bisherigen EU-Regeln vereinbart werden, könnte das deutsch-britische Sozialversicherungsabkommen von 1960 wieder in Kraft treten. Dieses unterscheidet sich jedoch stark von dem aktuellen Abkommen, denn Arbeitslosen- und Pflegeversicherung sind dort nicht erfasst, und auch der Personenkreis ist enger. Formell wäre dann ab Januar nicht mehr eine A1-Bescheinigung, sondern ein D-UK-101-Zertifikat zum Nachweis des Sozialversicherungsschutzes zu beantragen. Ob das Abkommen von 1960 allerdings automatisch wieder gültig wird, ist unter Experten offen. "Die deutsche Lesart ist, dass das Abkommen nie aufgekündigt worden ist und man künftig darauf zugreifen kann. Die britische Lesart ist: Dieses Abkommen hat einen schlafenden Status und wird ohne einen entsprechenden Akt auf keinen Fall wieder so ins Leben gerufen", so Günsel. 

Szenario 2: Austritt aus der EU ohne gültiges Sozialversicherungsabkommen

Sollte Großbritannien zu einem vertragslosen Staat werden, dürfte dies bei Unternehmen mit entsandtem Personal auf Mehrkosten hinauslaufen: "In dieser Situation greift dann kein universelles Abkommen mehr, es kommt zu einer Doppelversicherung, also einer Versicherungs- und Beitragspflicht in beiden Ländern", erklärt Günsel. Bei einem Aufenthalt im jeweils anderen Land würden ansonsten weder eine Absicherung im Krankheitsfall noch eine Inanspruchnahme von Kranken- und Pflegeversicherungsleistungen oder die Anrechnung von Versichertenzeiten gelten.

Szenario 3: Verhandlung eines neuen Sozialversicherungsabkommens

Deutschland hat mit vielen Staaten Abkommen geschlossen, die den grenzüberschreitenden Personaleinsatz regeln. "Die EU hat ein System eingerichtet, um das uns viele beneiden. Es gibt Musterabkommen, die in Anlehnung an das EU-System sehr einfach gestaltet sind und mit Drittstaaten abgeschlossen werden. Es geht in der Regel darum, welcher Personenkreis berücksichtigt wird und welche Sozialversicherungszweige gelten", so Günsel. Diese seien allerdings nicht übertragbar auf Großbritannien, das in den Verhandlungen bewusst eine Anerkennung von EU-Regeln ablehnt. Dass das Vereinigte Königreich es schafft, bis Ende 2020 Abkommen mit sämtlichen EU-Staaten zu vereinbaren, ist nach Ansicht Günsels sehr unwahrscheinlich.

Szenario 4: Assoziierungsabkommen 

Eine weitere Lösung wäre ein Assoziierungsabkommen (auch Assoziationsabkommen genannt) zwischen der EU und Großbritannien als Drittstaat - ähnlich wie zwischen der EU und der Schweiz. Doch auch hier spräche laut Günsel eine lange Verhandlungsdauer gegen die Umsetzung. Denkbar ist nach Ansicht des Experten noch eine weitere Variante: Im Rahmen eines informellen Abkommens könne es durchaus sein, dass die zuständigen Behörden die im Zeitraum der Übergangsphase unterzeichneten A1-Bescheinigungen für die eigentliche Dauer von 24 Monaten fortgelten lassen, obschon diese Regelung eigentlich am 31. Dezember 2020 erlischt. 

Es bleibt nach Günsels Ansicht abzuwarten, ob es bis zum Jahresende neue Regelungen geben wird. "Die Signale für ein neues Sozialversicherungsabkommen stehen jedoch eher auf Rot angesichts der offenen Gespräche zwischen den Beteiligten. Grenzüberschreitende Einsätze sollten vorsorglich für einen Zustand ohne Abkommen geplant werden", empfiehlt Günsel abschließend.

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