Der Veranstaltungskalender sieht für das Unternehmen Baden-Württemberg International in diesem Herbst deutlich anders aus als sonst: Virtuelle Reisen nach Nigeria, Israel und Thailand sind in Planung, schon Mitte Oktober steht für die Wirtschaftsförderungsgesellschaft eine Hybridveranstaltung zum Thema künstliche Intelligenz in China auf dem Programm.

Hierzu werden neben Chipherstellern aus Fernost auch Experten aus Oxford mit Unternehmensvertretern aus Stuttgart zusammentreffen - per Videokonferenz, versteht sich. "Es ist für die Manager und Managerinnen eine Möglichkeit, ihr eigenes Unternehmen digital zu präsentieren, als Vorbereitung auf Vor-Ort-Besuche im kommenden Jahr", erklärt Cornelia Frank, Leiterin der Abteilung Außenwirtschaft und Standortmarketing. 

Das neue Format mit dem Titel "bw-interactive@world" wird vom Land gefördert, um die internationalen Kontakte auch in Corona-Zeiten aufrechtzuerhalten. Die virtuellen Veranstaltungen seien kein Ersatz, aber "eine spannende Ergänzung für die Delegationsreisen, die weiterhin die effektivste Form der Markterschließung bleiben", wie die Wirtschaftsförderer betonen.

"Vertrauen ist schwerer herzustellen"

Auch auf Bundesebene werden Kontakte derzeit fast ausschließlich online geknüpft. "Aktuell werden im Markterschließungsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums etwa 80 bis 90 Prozent der Projekte digital umgesetzt", sagt Christian Tippelt, Leiter der für das Programm zuständigen Geschäftsstelle bei Germany Trade & Invest. Firmen nehmen die Angebote dankbar an: "Insgesamt konnte die Reichweite der Teilnehmer deutlich erhöht werden - auch aufgrund der Senkung der Teilnahmeeigenbeiträge, durch entfallende Reisekosten und einen geringeren zeitlichen Aufwand", so Tippelt. 

Den positiven Effekten stünden allerdings auch Nachteile der digitalen Formate gegenüber. "Vertrauen, das im direkten Gespräch geschaffen wird, ist über virtuelle Tools und Videokonferenzen schwerer herzustellen. Für konkrete Projektabschlüsse können diese Aspekte jedoch fundamental sein", so Tippelt. Außerdem ließen sich die Eindrücke im Land nicht vollumfänglich digital vermitteln, wie etwa Besichtigungen von Produktionsanlagen, Maschinen sowie den Büroräumen der potenziellen Partner. Auch kulturelle Hürden oder Sprachbarrieren seien unter Umständen digital schwerer zu überwinden.

Je internationaler, desto ineffektiver

Nach Ansicht von Ute Dallmeier, Geschäftsführerin vom First Reisebüro Mönchengladbach, werden innerdeutsche Reisen auch in Zukunft verstärkt durch virtuelle Formate ersetzt werden. Bei grenzüberschreitenden Meetings ist die auf Geschäftsreisen spezialisierte Expertin skeptisch: "Je internationaler ein virtuelles Meeting ist, desto geringer ist die Effizienz. Videokonferenzen auf internationaler Ebene sind - je nach Zweck - nur 20 Prozent so effektiv wie persönliche Treffen." Neben organisatorischen Herausforderungen durch die unterschiedlichen Zeitzonen seien auch die Feinheiten in unterschiedlichen Kulturen - zum Beispiel zwischen Asiaten, Südamerikanern und Europäern - in einem virtuellen Umfeld nicht abbildbar. "Bei komplexen Verhandlungen stößt dieses Instrument an seine Grenzen, während es bei reinen Abstimmungen hilfreich ist und auch nach der Pandemie vermehrt genutzt werden wird", so Dallmeier.

Geschäftsreisen nur im Ausnahmefall

Wenn es nicht sein muss, wird nicht gereist - das ist nach einer Erhebung des Verbands Deutsches Reisemanagement (VDR) aktuell die Haltung in deutschen Firmen. 90 Prozent der befragten Unternehmen erlauben Geschäftsreisen nur in begründeten Ausnahmefällen, etwa bei geschäftskritischen Terminen. Allerdings nimmt der Anteil der Auslandsreisen nach Europa und China laut der regelmäßigen Befragung unter den VDR-Mitgliedern kontinuierlich zu.