Am Anfang steht eine intensive Analyse. "Die Frage ist doch: Was ist eine Krisenregion und wie sind die Bedingungen dort?", sagt Omer Dotou, Leiter Global-Mobility-Services der BDAE-Gruppe. Die Ukraine habe wegen einer erhöhten Gefahrenlage schon seit der Krim-Annexion 2014 als Krisenregion gegolten. 

Entsprechende Notfallkonzepte seien damit bereits seit Jahren angezeigt gewesen und auch von vielen erstellt worden. Doch egal ob Kriegsregion, von Terror bedrohtes Gebiet oder weltumspannende Pandemie - die Sicherheitslage könne sich innerhalb weniger Tage grundlegend verändern.

Daher haben Arbeitgeber schon lange vor einer Entsendung nicht nur die moralische, sondern auch die rechtliche Pflicht, sich eingehend über die geopolitischen Gegebenheiten eines Landes zu informieren, die gesammelten Informationen den Mitarbeitern zur Verfügung zu stellen und sie zu schulen sowie ein detailliertes Krisenmanagement zu installieren.

Professionelle Sicherheitsdienstleister

Erste Anlaufstelle ist das Auswärtige Amt, das zu jedem Land der Welt umfangreiches Informationsmaterial bereithält. Auch international kooperierende Handelsverbände seien eine Anlaufstelle. Allerdings, so warnt der Experte, seien diese nicht dazu verpflichtet, ihre Angaben ständig zu aktualisieren. Dotou rät daher dazu, einen Sicherheitsdienstleister zu engagieren, der nicht einfach nur für ein Unternehmen die Notfallpläne erstellt, sondern gemeinsam mit dem Unternehmen daran arbeitet. Ein solches Dienstleistungsunternehmen sorgt dann im Krisenfall auch dafür, Rückholungen zu organisieren. Dabei spielt es keine Rolle, ob sich die Sicherheitslage verändert hat oder individuelle, gesundheitliche Gründe vorliegen. 

Passives Kriegsrisiko mitabsichern

"Bei der Auslandskrankenversicherung ist unbedingt darauf zu achten, dass das passive Kriegsrisiko abgedeckt ist", empfiehlt Dotou. Unter passivem Kriegsrisiko versteht man Verletzungen oder Erkrankungen, die ohne eigenes Zutun durch Kriegsereignisse entstanden sind. Aktives Kriegsrisiko liegt vor, wenn sich jemand aktiv am Kriegsgeschehen beteiligt. Dazu gehört beispielsweise auch, sich wissentlich in ein umkämpftes Gebiet zu begeben. Das aktive Kriegsrisiko ist in der Regel nicht mitversichert. 

Bei den Policen sollten Unternehmen außerdem darauf achten, dass nicht nur medizinische Leistungen abgedeckt sind, sondern auch sogenannte Assistance-Leistungen. Dazu gehören zum Beispiel die Organisation und Durchführung eines Krankentransports in eine Klinik mit angemessener Gesundheitsversorgung oder direkt ins Heimatland. Interessant zu wissen: Die Versicherer definieren zwar nicht das Krisengebiet, können aber durchaus entscheiden, ob und zu welchen Konditionen sie welche Aufenthaltsländer in ihren Leistungskatalog aufnehmen. 

Fürsorgepflicht ernst nehmen

Die Fürsorgepflicht ist dagegen in § 618 BGB gesetzlich geregelt. "Jeder Arbeitgeber muss seine Mitarbeitenden vor jeglichen Gefahren für Leib und Seele schützen, das gilt hier in Deutschland genauso wie in anderen Ländern, nur natürlich in anderen Ausprägungen", erklärt der Jurist Dotou. In Ländern wie Mexiko könnte ein gepanzertes Fahrzeug dazugehören, in anderen Ländern Sicherheitspersonal. "Genau das muss ein Unternehmen im Vorfeld dezidiert analysieren", so der Experte. Die Rückholung im Krisenfall ist übrigens Teil dieser Fürsorgepflicht: Wenn ein deutscher Mitarbeiter in Russland jetzt nicht mehr an das aus Deutschland gezahlte Gehalt kommt, weil der Zahlungsverkehr eingeschränkt ist, kann auch das ein Grund für die Rückholung sein.

Tipps nochmal zusammengefasst

Grundsätzlich gilt also: Bevor Mitarbeiter ins Ausland geschickt werden, müssen die geopolitischen Bedingungen und die daraus resultierende Sicherheitslage genau analysiert werden. Weiter sollten ein entsprechendes Notfallkonzept erstellt und ein verantwortliches Krisenmanagement geschaffen werden. Dabei können Sicherheitsdienstleister unterstützen. Zudem rät Dotou zu Sicherheits- und Kompetenztrainings: "Es kann hilfreich sein, zu wissen, wie man sich zum Beispiel bei einer Entführung verhält. Aber auch interkulturelles Wissen ist wichtig, wie zum Beispiel die Gepflogenheiten während des Ramadans in muslimischen Ländern." Denn: Wenn Mitarbeiter in bestimmten Situationen unsicher reagieren, können sie damit Gefahrensituationen ungewollt verstärken.