"Die Integration verschiebt sich derzeit durch den Lockdown und auch durch die Quarantänezeiten für neueingereiste Personen", erklärt Steffen Henkel, Experte für interkulturelle Trainings und Geschäftsführer der crossculture academy GmbH. Für entsendete internationale Arbeitnehmer, Migranten und Menschen mit Fluchthistorie bedeute die aktuelle Situation insgesamt eine besondere Belastung.

Herausforderung Homeoffice

Durch die digitale Zusammenarbeit ändert sich die Kommunikation grundlegend - vieles findet nun schriftlich statt. Für Arbeitnehmer, die Deutsch als Fremdsprache erlernt haben, eine Herausforderung. In einer Befragung des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) gaben Geflüchtete an, dass sie Angst haben, aufgrund von Fehlern in der schriftlichen Kommunikation abgewertet zu werden. "Um sich verständlich zu machen, hängen Geflüchtete deutlich von der direkten Interaktion ab", resümieren die Studienautoren.

Empfehlung: Kamera einschalten

Aus den Erfahrungen bei interkulturellen Trainings berichtet Steffen Henkel, dass dies auch auf Impats zutrifft - also nach Deutschland entsandte Arbeitnehmer, die nun im Homeoffice arbeiten. "Besonders die kulturellen Unterschiede bei der virtuellen Zusammenarbeit stellen eine Herausforderung dar", so der Experte.

Ein Leitfaden zum Verhalten in Videokonferenzen könnte an dieser Stelle für mehr Handlungssicherheit sorgen. "Generell ist es in der interkulturellen Zusammenarbeit sinnvoll, die Kameras bei Videokonferenzen einzuschalten. Dadurch, dass Mimik und Gestik sichtbar sind, wird Missverständnissen vorgebeugt." 

Impats zwischen den Welten

Entsandte Arbeitnehmer, die kurz vor oder während der Pandemie nach Deutschland gekommen sind, befinden sich laut Henkel kulturell in einer Art Limbo: "Aufgrund der Situation hatten sie noch keine richtige Gelegenheit, ein soziales Netz aufzubauen und Deutschland unter normalen Bedingungen kennenzulernen. Allerdings leben sie auch in einem anderen Land als ihre alten Kontakte." Viele Impats fühlen sich deswegen allein beziehungsweise isoliert - auch wenn sie digital mit ihren Kollegen zusammenarbeiten. 

Grund dafür sei, dass in der virtuellen Zusammenarbeit häufig die menschliche Komponente zu kurz kommt - Gespräche am Schreibtisch des Kollegen oder in der Küche fallen weg. Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt der Experte Vorgesetzten, aktiv informelle Treffen für ihre Teams zu planen. "Vom gemeinsamen Essen bis zur Remote-Weinprobe ist vieles möglich", so Henkel.

Zweiter Kulturschock für Impats?

Mit einer möglichen Lockerung der Corona-Schutzmaßnahmen könnte für Impats, die im oder nach dem März 2020 nach Deutschland gekommen sind, eine weitere Herausforderung anstehen. "Dadurch, dass sie schon längere Zeit in Deutschland sind, kann das Gefühl entstehen, das Land zu kennen", gibt Henkel zu bedenken. Mit einer Normalisierung des Alltags stehe jedoch ein zweiter Neustart für die Impats an, da sie den Büroalltag sowie das gesellschaftliche Leben kennenlernen. "Dadurch kommt es eventuell zu einem zeitverzögerten, erneuten Kulturschock. Um ihre Mitarbeiter in diesem Fall aufzufangen, sollten Teamleiter Zeit für eine Unternehmensführung sowie weitere Einarbeitung einplanen", rät Henkel.

Mehr Diskriminierung auch am Arbeitsplatz

Eine deutliche Zunahme registrieren Experten seit Beginn der Pandemie beim Thema Diskriminierung. Im Vergleich zum Vorjahr habe die rassistische Diskriminierung im Jahr 2020 um 70 Prozent zugenommen, berichtet Bernhard Franke, Leiter der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, in einem Interview. Zunächst seien vor allem Menschen mit asiatischem Aussehen diskriminiert worden, später dann auch Sinti und Roma sowie Menschen mit türkischen und arabischen Wurzeln. 

Dies betrifft auch den Arbeitsplatz, wie ein Bericht der Antidiskriminierungsstelle zeigt. Arbeitgeber sind dazu verpflichtet, ihre Mitarbeiter vor Diskriminierung zu schützen (§ 12 AGG - Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz). Zur Vorbeugung eignen sich zum Beispiel spezielle Schulungen und Fortbildungen. Zudem sollten Mitarbeiter wissen, an wen sie sich im Betrieb wenden können, wenn sie Diskriminierung erleben oder beobachten. Erfährt der Arbeitgeber von der Diskriminierung eines Mitarbeiters durch Kollegen oder außenstehende Personen, muss er sich um geeignete und angemessene Maßnahmen kümmern, um den Mitarbeiter zu schützen. Hilfe und Beratung bietet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes. 

Informationen rund um das Diversity Management im Betrieb finden Arbeitgeber bei der Charta der Vielfalt.

Höhere Risiken für Migranten und Geflüchtete

Für Migranten und Geflüchtete kommen höhere wirtschaftliche und gesundheitliche Risiken dazu. Das zeigt ein Bericht der Europäischen Kommission. 

Die Autoren nennen dafür drei Hauptgründe: Erstens haben ausländische Beschäftigte tendenziell mehr befristete Arbeitsverträge als inländische Arbeitnehmer. In der Pandemie werden diese häufig nicht verlängert, wenn es dem Unternehmen wirtschaftlich schlecht geht. 

Zweitens gehört die Mehrheit zu den unteren 40 Prozent auf der Einkommensskala. Weniger Lohn bedeutet auch weniger Rücklagen, auf die die Betroffenen in wirtschaftlichen Krisen zurückgreifen können. 

Drittens sind viele Migranten in systemrelevanten Berufen tätig - von der Pflege bis zum Einzelhandel. Entsprechend sind sie einem größeren Infektionsrisiko ausgesetzt.

Eine kurze Betriebszugehörigkeit stellt für Geflüchtete, die in den Jahren 2015 und 2016 nach Deutschland kamen und inzwischen eine Berufstätigkeit begonnen haben, ein zusätzliches Risiko dar (Ergebnis der Befragung des IAB).