"Momentan ist der internationale Mitarbeitereinsatz in Gänze zum Erliegen gekommen, weil es aufgrund der Grenzschließungen und anderer Maßnahmen schlicht und einfach nicht mehr möglich ist, eine Auslandsreise anzutreten", berichtet Omer Dotou, Leiter der Unternehmensberatung BDAE Consult. Die aktuelle Pandemie zeige, dass internationale Lieferketten und Projektverpflichtungen bei staatlichen Eingriffen wie Grenzschließungen und bei Produktionsausfällen im Ausland sehr anfällig sind. 

Nach der erzwungenen Beschränkung auf das nationale Geschäft werde es schnell wieder internationale Aktivitäten geben, lautet allerdings Dotous Vermutung: "Das ist eine Frage der wirtschaftlichen Notwendigkeit. Wenn die Produktion maßgeblich von Leistungen aus dem Ausland abhängt und diese nicht im Inland aufgefangen werden können, wird der grenzüberschreitende Austausch wieder an Fahrt gewinnen." Angesichts des steigenden Drucks könne dieser langfristig sogar ein rasantes Wachstum hinlegen - "sozusagen der Sprint nach dem Shut-Down", so der Experte.

Geschäftsreiseanbieter erwarten Durststrecke

Die Auswirkungen der weltweiten Grenzschließungen sind in der Businessreisebranche direkt zu spüren - von Fluggesellschaften bis hin zu Buchungsdienstleistern und Hotelbetrieben. Laut einer Umfrage des Geschäftsreiseverbandes VDR rechnen 84 Prozent der Reiseverantwortlichen damit, dass viele Dienstleister die Krise nicht überstehen. Zugleich erwarten aber 90 Prozent der Verbandsmitglieder, dass sie mittelfristig ihre Reisetätigkeiten wieder aufnehmen - wenn auch mit einem kritischeren Blick auf die Notwendigkeit.

Gerald Wissel von der Beratungsfirma Airborne Consulting  sieht noch eine lange Durststrecke bei Dienstreisen. "Der Geschäftsreiseverkehr wird erst dann wieder in stärkerem Umfang zurückkehren, wenn es einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt. Und das wird wohl noch Monate dauern", prophezeit Wissel. 

Dies erwartet auch Yvonne Zengler, Professorin für Luftverkehrsmanagement an der Frankfurt University of Applied Sciences, im Interview mit dem Hessischen Rundfunk. "Ich denke, eine gewisse Delle wird sicherlich entstehen, weil viele Firmen merken, dass sie mit Videokonferenzen viel Geld sparen können. Bestimmte Dienstreisen werden auf den Prüfstand gestellt. Und das wird vielleicht einen nachhaltig negativen Effekt auf Geschäftsreisen haben."

Nach Einschätzung des Visa-Service-Anbieters Newland Chase könnte die Ausbreitung des Coronavirus langfristig dazu führen, dass künftig bei der Einreise medizinische Untersuchungen und erhöhte Gesundheitsanforderungen obligatorisch werden. Darauf weist das Unternehmen in einem Whitepaper hin. 

Folgen für die Globalisierung

Wirtschaftswissenschaftler und Zukunftsforscher erwarten, dass die Corona-Krise langfristig insgesamt massive Folgen für die Globalisierung haben könnte. "Es gibt für unsere globalisierte Wirtschaft keine größere Gefahr als die Verhinderung von Vernetzung und Austausch - und das ausgerechnet durch ein unsichtbares Virus", sagt etwa Professor Henning Vöpel, Leiter des Hamburger Weltwirtschaftsinstituts (HWWI). 

Die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten sei in der Krise sichtbar geworden. Allein deshalb sei zu vermuten, dass die Pandemie in vielen Staaten zu einem Rückgang der internationalen Handelsbeziehungen führt. "Wir sehen schon seit einiger Zeit, dass Staaten wesentliche Bereiche der Wirtschaft schützen und renationalisieren, damit sie eine größere ökonomische Autarkie bekommen. Das kann insgesamt zu einer Deglobalisierung führen." 

Die Krise als Chance?

Einen mutigen Ansatz hat das Zukunftsinstitut im Zuge der Corona-Pandemie erarbeitet. In vier Szenarien spielen die Wissenschaftler die denkbaren Folgen der Krise durch. Zukunftsforscher Matthias Horx wagt für den optimalen Fall eine Regnose - also eine Rückschau aus dem Herbst 2020, wenn die Krise erfolgreich bewältigt wurde. Zu diesem Zeitpunkt - so die Vorstellung - blickt die westliche Welt zufrieden auf eine erstarkte, resilientere Gesellschaft, die einen neuen, achtsamen Umgang miteinander findet. 

Für das globalisierte Wirtschaftssystem in der bisherigen Form ist in diesem Szenario kein Platz mehr: "Heute, im Herbst 2020, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die globale Just-in-time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt." Verstärkt würden ortsnahe Produktionen errichtet und lokale Netzwerke genutzt. "Das Globalsystem driftet in Richtung Glokalisierung: der Lokalisierung des Globalen", so der Zukunftsforscher.