Bei Arne Hellmuth von der Personalberatung Lee Hecht Harrison  (LHH) steht aktuell das Telefon nicht still. "Wir werden überrannt", sagt der Hamburger. Die Tochterfirma des Personalverleihunternehmens Adecco hat die "Employment Bridge" aus der Taufe gehoben, ein Mitarbeitertauschprogramm für Unternehmen in der Corona-Krise. Derzeit haben Hellmuth und sein Team 6.000 Mitarbeiter in der Vermittlung, die zeitweise an andere Unternehmen abgegeben werden. 

"Firmen möchten Talente nicht verlieren"

"Viele Firmen gehen davon aus, dass ihr Business erst in sechs bis zwölf Monaten wieder auf ein Niveau kommt, das sie vor der Krise hatten. Sie möchten aber ihre Talente nicht verlieren. Denn die Gefahr ist groß, dass sie sie nicht zurückbekommen, wenn sie sie nun entlassen", nennt Hellmuth den wichtigsten Grund für die Teilnahme am Programm. Auf der anderen Seite stehen Firmen mit akutem Personalmangel. "In der Medizintechnik, in der Logistik und in einigen speziellen technischen Bereichen können wir den Bedarf zurzeit nicht decken", so Hellmuth. 

Dabei gehe es neben klassischen Liefer- und Kommissionierarbeiten um Tätigkeiten im E-Commerce oder im organisatorischen Bereich. "Viele Unternehmen müssen jetzt ihren digitalen Kundenservice hochfahren. Da werden Kompetenzen gefordert, die bei den Firmen oft nicht vorhanden sind", erklärt der Personalberater.

Tauschprogramme im Trend

Die gegenseitige Mitarbeiter-Aushilfe ist keine neue Erfindung, sondern wurde schon vor der Corona-Krise vereinzelt praktiziert. Durch die aktuelle Situation wurde sie zur Rettung in der Personalnot: So startete die Fast-Food-Kette McDonald‘s kurz nach der Einführung der Kontaktbeschränkungen den Verleih von Mitarbeitern an den Lebensmitteldiscounter Aldi. Das Karriere-Netzwerk Xing gründete eine Gruppe zum Mitarbeitertausch, in der sich mehr als 700 Geschäftsführer und Personalverantwortliche registriert haben. Einige Industrie- und Handelskammern bieten über die Plattform teamtausch.de die Möglichkeit, Angebot und Nachfrage im Personalbereich zusammenzubringen.

Zeitweise Arbeitnehmerüberlassung durch das AÜG erlaubt

Rein rechtlich sind die Rahmenbedingungen für eine derartige Form der Mitarbeiter-Ausleihe gegeben: Arbeitgeber dürfen sich in Ausnahmefällen untereinander aushelfen, ohne gleich als Personalverleiher eingestuft zu werden und sich sämtlichen Regeln des Arbeitnehmerüberlassungsgesetzes (AÜG) zu unterwerfen. 

Voraussetzung: Die Überlassung erfolgt nur gelegentlich, und der Arbeitnehmer wird nicht zum Zweck der Überlassung eingestellt oder beschäftigt (§ 1, 3 AÜG). Zudem müssen einige Bedingungen des AÜG erfüllt werden, wie der maximale Zeitraum von 18 Monaten und die Anmeldung einer Überlassungsanzeige. 

Mitbestimmung und Datenschutz wichtig

"Viele Personalabteilungen können sich im Moment gar nicht um die vertraglichen Dinge kümmern, weil sie oft selbst in Kurzarbeit sind", nennt Hellmuth ein Problem, das er auch in den ersten Wochen des Aufbaus der Employment Bridge festgestellt hat. Deshalb habe LHH den Prozess so umgestellt, dass sich der zeitliche Aufwand für HR-Abteilungen in Grenzen hält.

Inzwischen hätten sogar Gewerkschaften ihr Interesse an dem Programm bekundet. "Gerade in Sachen Datenschutz und Mitbestimmung gibt es hohe Anforderungen. Wir müssen außerdem sicherstellen, dass die Entleihe auf jeden Fall mit Einverständnis des Mitarbeiters erfolgt. Der Arbeitgeber ist zwar der Initiator. Der Großteil des Prozesses wird aber online ohne Einfluss des Arbeitgebers abgewickelt", betont Arne Hellmuth. Über ein Online-Tool buchen Mitarbeiter anonym einen Coaching-Termin, in dem Wünsche und Kompetenzen abgefragt und finanzielle Fragen geklärt werden. 

Vom Blick über den Tellerrand profitieren

Bereits vor der Corona-Krise hatte LHH den Mitarbeiter-Austausch als Freiwilligenprogramm initiiert. "Arbeitnehmer und Arbeitgeber profitieren davon, wenn Mitarbeiter über den Tellerrand blicken und einfach einmal komplett andere Bereiche kennenlernen können", berichtet Hellmuth von den Rückmeldungen seiner Kunden. Er ist deshalb zuversichtlich, dass der zeitweise Mitarbeitertausch in Zukunft eine höhere Bedeutung gewinnt - auch nach Corona: "Vielleicht gehört das nach der Krise zu den Erfahrungen, die mehr Arbeitgeber zu schätzen wissen."