60 Prozent der derzeitigen Hochschulabsolventen sind Frauen, das heißt, hochqualifizierte Frauen gibt es in Europa viele. Und doch sind sie in hochrangigen Positionen von Unternehmen unterrepräsentiert.

Die EU-Kommissarin für Gleichheitspolitik, Helena Dalli, äußert sich hierzu ganz klar: "Talent hat kein Geschlecht, und die Führungsqualitäten und Visionen von Frauen sind wichtig. Dennoch werden Frauen bei der Auswahl von Verwaltungsratsmitgliedern in Unternehmen nach wie vor weitgehend übersehen. Nur in Ländern, in denen Quoten gesetzlich oder politisch festgelegt sind, hat sich in diesem Bereich etwas getan. Es ist an der Zeit, dass Frauen und Männer in den Vorständen von Unternehmen EU-weit gleich stark vertreten sind."

Schätzungen des Europäischen Instituts für Gleichstellungsfragen haben ergeben, dass derzeit nur 30,6 Prozent der Aufsichtsratsmitglieder weiblich und nur 8,5 Prozent der Vorstände in der EU mit Frauen besetzt sind.

EU-Richtlinie legt Neuerungen fest

  • Mindestens 40 Prozent der Aufsichtsratsposten oder 33 Prozent der Vorstands- und Aufsichtsratsposten sollen an das jeweils unterrepräsentierte Geschlecht gehen.
  • Für die Auswahl von Aufsichtsratsmitgliedern gelten folgende verbindliche Vorgaben:
  1. Posten in Unternehmen, die das Ziel der ausgewogenen Geschlechtervertretung noch nicht erreicht haben, müssen mit einer Frau besetzt werden, sofern eine Frau und ein Mann gleichermaßen qualifiziert sind.
  2. Weitere Bewerber können eine Offenlegung der Eignungskriterien seitens des Unternehmens verlangen. Bei Verdacht auf Ungleichbehandlung der Geschlechter bei gleicher Qualifikation müssen Unternehmen nachweisen, dass gegen keine der geltenden Vorgaben verstoßen wurde.
  3. Die Unternehmen sind verpflichtet, eine ausgewogene Vertretung von Frauen und Männern in ihren Vorständen zu erreichen.
  4. Unternehmen, die das Ziel dieser Richtlinie nicht erfüllen, müssen die Gründe gegenüber der zuständigen Regierungsstelle angeben und mitteilen, mit welchen Maßnahmen sie Abhilfe schaffen.
  5. Die Sanktionen der Mitgliedstaaten gegen Unternehmen, die ihren Auswahl- und Berichterstattungspflichten nicht nachkommen, müssen wirksam, verhältnismäßig und abschreckend sein. Ansonsten drohen Geldbußen und im Zweifel die Aufhebung der Ernennung des umstrittenen Führungsposten.

Frankreich erfüllt als einziges EU-Land bereits neue Vorgaben

Der Regierungswechsel in Deutschland war maßgeblich für die Einigung auf eine Geschlechterquote in Vorstandsetagen.

Allerdings gibt es hierzulande schon seit 2015 eine Frauenquote mit 30 Prozent für Aufsichtsräte in besonders großen Unternehmen. Zudem einigte sich die frühere große Koalition aus Union und SPD 2021 auf eine Quote für Vorstände. Das reicht für die neue Richtlinie aber nicht aus.

In Frankreich gilt bereits eine Mindestquote von 40 Prozent Frauen unter denjenigen Mitgliedern der Verwaltungsräte, die keine operativen Aufgaben haben. Gegenüber Deutschland gehören dem Verwaltungsrat dort auch operative Führungskräfte an. Mit einer Quote von 45 Prozent erfüllt Frankreich als einziges der 27 EU-Mitgliedsländer bereits die neuen Vorgaben aus Brüssel.

Exkurs: EU-Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020-2025

In der EU-Strategie für die Gleichstellung der Geschlechter 2020-2025 sind die politischen Ziele und Maßnahmen festgelegt, um einem geschlechtergerechten Europa bis 2025 entscheidend näher zu kommen. Ziel ist es, dass alle Geschlechter in ihrer Vielfalt ihren Lebensweg frei wählen, die gleichen Chancen wahrnehmen und gleichberechtigt an der Gestaltung und Führung der europäischen Gesellschaft teilhaben können. Eines der Hauptziele: An Entscheidungsprozessen sollen alle Geschlechter ausgewogen beteiligt sein.