Seit Beginn des Angriffskriegs Russlands auf die Ukraine ist die private wie auch die politische und institutionelle Hilfswelle enorm. Neben der allgemeinen Unterstützung richten sich die Angebote auch an sehr spezielle Zielgruppen, um diesen individuell so schnell wie möglich einen einigermaßen normalen Alltag inklusive angemessener Arbeit zu ermöglichen. 

Forschungsmittel für ukrainische Wissenschaftler

Dafür hat die Europäische Kommission unter anderem Wissenschaftler in den Blick genommen und das Portal "Europäischer Forschungsraum für die Ukraine" eingerichtet. Dort bekommen ukrainische Forscher nicht nur umfangreiche Informationen, sondern können auch Mittel aus Forschungs- und Innovationsprogrammen erhalten. "Ukrainische Wissenschaftler und Forscher haben maßgeblich zu Forschung und Innovation in der EU beigetragen", begründete Mariya Gabriel, EU-Kommissarin für Innovation, Forschung, Kultur, Bildung und Jugend die Initiative.

Hintergrund ist, dass die Ukraine im Oktober 2021 ihr Abkommen über die Assoziierung mit dem Programm Horizont Europa und dem Euratom-Programm für Forschung und Ausbildung zwar unterschrieben hatte, der ukrainische Ratifizierungsprozess sich aber verzögerte. Die Kommission hat derweil administrative Schritte unternommen, um sicherzustellen, dass erfolgreiche ukrainische Forscher Mittel aus den Forschungs- und Innovationsprogrammen der EU erhalten können.

Nutzung teilweise gar nicht möglich

Bei Experten stoßen diese und ähnliche Unterstützungsangebote für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler allerdings auf ein verhaltenes Echo. Sie berichten, dass der erwartete Andrang bisher ausbliebe, und zwar aus mehrfachen Gründen. Dazu gehörten etwa die geringe Sichtbarkeit der Ukraine im deutschen Wissenschaftsapparat, aber auch die Lage der Geflüchteten oder der in der Ukraine verharrenden Menschen, die mit ganz anderen Sorgen zu kämpfen hätten. Auch die Tatsache, dass Männer zwischen 18 und 60 Jahren das Land gar nicht verlassen dürften, trage dazu bei, schreiben Prof. Arnold Bartetzky, Leiter der Abteilung Kultur und Imagination am Leibniz-Institut für Geschichte und Kultur des östlichen Europa in Leipzig, und dessen wissenschaftliche Mitarbeiterin Karin Reichenbach in einem Medienbeitrag. Zugleich würden viele Frauen mit ihren Kindern und Müttern fliehen und müssten sich dann ebenfalls zunächst um den Alltag kümmern. 

Unternehmen sollten auf die individuellen Umstände eingehen

Für forschende und entwickelnde Unternehmen bedeutet das für die Rekrutierung ukrainischer Wissenschaftler, stärker und vor allem individuell auf die besonderen Umstände zu reagieren. 

Dazu zählt etwa, 

  • für Wohnraum und Kinderbetreuung zu sorgen, 
  • Quereinsteiger zu berücksichtigen 
  • sowie Bewerbungsverfahren zu vereinfachen und zu beschleunigen

Ebenso sei die Sichtbarkeit von Hilfsangeboten entscheidend, schreiben die beiden Wissenschaftler Bartetzky und Reichenbach.