Der Trend zeichnete sich bereits vor Ausbruch der weltweiten COVID-19-Pandemie ab: Klassische Entsendungsmodelle wurden sowohl für die Unternehmen als auch für die Mitarbeiter immer unattraktiver, weil sie zu teuer, zu unflexibel oder zu wenig an die Lebenswirklichkeiten von vielen Familien angepasst waren. Reisebeschränkungen und Gesundheitsrisiken verstärkten diesen Trend und führten bei vielen Betroffenen zum Umdenken. 

Wie eine Umfrage des Wirtschaftsprüfungs- und Beraterunternehmens Ernst & Young (EY) und des RES Forums zeigt, geht ein Großteil (86 Prozent) der befragten Experten davon aus, dass die Mitarbeiter ihres Unternehmens nicht mehr mit ihrer kompletten Familie umziehen möchten. Überhaupt werde sich die Zahl der klassischen Kurz- und Langzeitentsendungen um 52 beziehungsweise 58 Prozent reduzieren. Eine Rückkehr zum Status quo der Prä-Corona-Zeit bis zum Frühjahr 2020 scheine daher wenig realistisch und auch nicht sinnvoll - so lautet zumindest die Einschätzung von Jens Goldstein, Leiter Mobility im Bereich People Advisory Services bei Ernst & Young. Hybride und damit sehr viel flexiblere Modelle könnten eine Antwort auf den Wandel sein.

Bedürfnisse erfassen und berücksichtigen

"Während der Pandemie hat sich gezeigt, dass viele Tätigkeiten auch virtuell zu realisieren sind", gibt Goldstein zu bedenken und unterscheidet dabei zwischen verschiedenen Zwecken der Entsendung: etwa dem sehr praktischen Einsatz bei Inbetriebnahmen von Anlagen, einer strategischen Ausrichtung auf Führungsebene oder auch für die persönliche Entwicklung eines Mitarbeiters. 

Eine weitere Unterscheidung macht er zwischen Geschäftsreisen (bis zu drei Monaten), Short-Term-Entsendungen (bis zu einem Jahr) und Long-Term-Entsendungen (bis zu drei Jahren). Gerade bei den Langzeitentsendungen siedelten die Mitarbeiter mit der ganzen Familie um, was für diese zu großen Umwälzungen führte, etwa bezogen auf die Berufstätigkeit des Partners oder der Partnerin oder die schulische Ausbildung der Kinder. Dazu sind nicht mehr alle potenziellen Kandidaten bereit. "Sind die Entsendungen flexibler gestaltet, finden sich innerhalb der Unternehmen auch mehr Interessenten", sagt der Experte. 

Entscheidend dabei ist auch, die Bedürfnisse des Unternehmens und der Mitarbeiter genau zu erfassen, damit der richtige Arbeitnehmer zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort ist.

Um dem Wandel zu begegnen, sind hybride Modelle denkbar, bei denen ein Mitarbeiter zu Beginn eines Projekts für die Dauer von bis zu drei Monaten vor Ort ist, anschließend von der Home Base arbeitet und nur sporadisch im Gastland ist. 

Eine weitere Flexibilisierung ist bei den Vergütungssystemen möglich: Der Entsandte erhält im Gastland nur eine kleine möblierte Wohnung, dafür werden ihm aber häufigere Heimreisen finanziert. Und auch die Erweiterung der Kernfamilie ist eine mögliche Flexibilisierung: Wird zum Beispiel eine alleinerziehende Mutter entsandt, könnte das Unternehmen auch für ein mitreisendes Großelternteil aufkommen. "Die Entsendungsmodelle müssen sich veränderten Lebensrealitäten und -ansprüchen anpassen", so Goldstein.

Komplexere Anforderungen für Unternehmen

Zugleich räumt der Berater ein, dass die Umstellung gerade anfänglich für die Unternehmen sehr viel komplexer werden könnte. "Die Compliance-Anforderungen in den Bereichen Arbeits-, Sozialversicherungs-, Melde- und Entsendungsrecht werden bei weniger konfektionierten Modellen steigen", sagt Goldstein. Auch die Administrierung dürfte aufwendiger werden, will man den internationalen Austausch unter neuen Mobilitätsszenarien sichern. 

Ganz werden virtuelle Alternativen Präsenzaufenthalte nicht ersetzen, auch wenn sich in Zukunft durch Virtual und Augmented Reality viele weitere Möglichkeiten eröffnen. Persönliche Gespräche und Treffen werden im internationalen Business weiter von Bedeutung sein, können aber in hybriden Modellen für alle Beteiligten optimiert werden.