Die Ergebnisse einer Studie des Branchenverbandes Bitkom zum Arbeitsmarkt für IT-Fachkräfte sind alarmierend: Die Zahl freier Stellen für IT-Fachkräfte lag in Deutschland branchenübergreifend im vergangenen Jahr bei 96.000. Das entspricht einem Anstieg von 12 Prozent im Vergleich zum Vorjahr: Da blieben noch 86.000 IT-Jobs unbesetzt. "Digitalisierung ist die Antwort auf Pandemie, Standortwettbewerb und Klimakrise, aber es fehlt an Expertinnen und Experten, um die Digitalisierung zu gestalten und zu treiben", sagt Bitkom-Präsident Achim Berg. Und die Situation dürfte sich noch verschärfen. Für das Jahr 2030 prognostiziert die Personalberatung SThree in ihrer Studie "MINT-Fakten 2022" rund zwei Millionen fehlende MINT-Fachkräfte in Deutschland, bis 2040 könnten es fünf Millionen sein. Deswegen gilt es jetzt zu handeln. Vor allem, so raten die Experten, muss ein Umdenken bei den Unternehmen einsetzen.

Quereinsteiger berücksichtigen

Ausländische Abschlüsse sind nicht immer mit den deutschen eins zu eins gleichzusetzen. Überhaupt zählt Erfahrung gerade im IT-Bereich häufig mehr. So kann sich ein Elektroingenieur im Laufe seines Berufslebens zu einem exzellenten Programmierer entwickelt haben. "Nicht überall ist ein offiziell zertifizierter Bildungsabschluss wirklich nötig. Es gibt Branchen, da ist Berufserfahrung mitunter viel wichtiger als eine nach deutschen Standards anerkannte Ausbildung. Dem sollten wir Rechnung tragen, damit wir im internationalen Wettbewerb um Arbeitskräfte bestehen können", fordert beispielsweise Prof. Petra Bendel, Politologin an der Universität Erlangen-Nürnberg und Vorsitzende des Sachverständigenrats für Integration und Migration (SVR) in einem Medienbericht

Erfahrung schlägt perfekten Lebenslauf

Deswegen sollten Recruiter auch nicht ausschließlich auf einen perfekten Lebenslauf achten, sondern die Erfahrung und die Karriereschritte mit in die Entscheidung einfließen lassen. Gerade in den vergangenen Jahren haben sich immer mehr Anwendungsbereiche entwickelt, die individuelle Fähigkeiten gefördert haben.

Freelancer und Frauen bedenken

Noch immer sind IT- und auch MINT-Berufe männerdominiert, doch die Frauen rücken nach - oftmals ebenfalls mit sehr spezieller Expertise. Unternehmen sollten auch diesen Personenkreis mit einbeziehen. Das Gleiche gilt für freiberufliche IT-Experten. Gerade jüngere Menschen schätzen Flexibilität, Abwechslungsreichtum und eine gewisse Unabhängigkeit. Dadurch greifen sie in der Regel auf ein sehr großes Wissensspektrum zurück, bringen neue Ideen in bestehende Strukturen ein und sind mutiger in ihren Entscheidungen - Qualitäten, von denen auch etablierte Unternehmen enorm profitieren können.

Flexibilität und Entbürokratisierung

Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung vorangetrieben und die Vorteile von flexiblen Arbeitsmodellen (Stichwort: Homeoffice) aufgezeigt. Diese neuen Arbeitsstrukturen sollten beibehalten werden, um weiterhin attraktiv zu wirken. Zugleich müssen bürokratische Prozesse verbessert werden - und zwar nicht nur in den Unternehmen, auch die Politik ist gefragt.

Seit März 2020 besagt das Fachkräfteeinwanderungsgesetz (FEG ) unter anderem, dass ausländische Fachkräfte meist eine gleichwertige Qualifikation nachweisen müssen, was eben oftmals nicht möglich oder auch gar nicht sinnvoll ist. Vor allem sind die Anerkennungsverfahren häufig kompliziert und langwierig. 

Deswegen hat der SVR ein "Nimm 2+"-Verfahren für nicht reglementierte Berufe vorgestellt, um die Hürde des Gleichwertigkeitsnachweises etwas abzusenken. Dieses würde Fachkräfte mit einer im Ausland abgeschlossenen beruflichen Ausbildung zulassen, sobald ein Arbeitsvertrag vorliegt. Dafür müsste das fehlende Gleichwertigkeitskriterium durch ein oder mehrere Alternativkriterien ersetzt werden, zum Beispiel durch sehr gute Sprachkenntnisse oder Berufserfahrung. 

Alle wichtigen rechtlichen Fakten hat der SVR zusammengestellt.