Kennen Sie noch diese kindliche Freude vor Weihnachten? Die Aufregung, die einen über mehrere Wochen gepackt hat. Vorfreude auf das, was kommen mag, Erwartung, an das, was kommen soll und die Zweifel, ob es wirklich so kommen wird. Das Ausmalen der Möglichkeiten in der Fantasie. Bange Hoffnung, dass doch bitte der Teddy, das Fahrrad, das Spiel - was auch immer insgeheim oder ganz offen mittels einer Liste oder Briefes gewünscht wurde - dann auch unter dem Weihnachtsbaum liegen wird. 

Die Tage zogen ins Land, meine Eltern flüsterten verstohlen, verstummten, wenn ich kam. Hinter verschlossenen Türen knisterte Papier beim heimlichen Verpacken. Die Atmosphäre  wurde immer dichter und gespannter. Schließlich war es dann soweit. Der große Augenblick war da. Fein angezogen stand ich vor der Wohnzimmertür, ein kurzes Gedicht oder eine Liederstrophe im Gedächtnis rezitierend, die Tür ging auf und ein Duft nach Kaffee, Zimt und Gebäck umschmeichelte die Nase.

Hinten im Raum, der etwas dunkler als sonst gehalten war, leuchtete der geschmückte Weihnachtsbaum und darunter, im flackernden Kerzenlicht nicht eindeutig bestimmbar, lagen sie, die in Papier eingewickelten Erfüllungen meiner kindlichen Vorstellungen und Wünsche.

Endlich, nach Kaffee und Kuchen, für mich gab es Kakao, nach Singen und Gedicht aufsagen, durfte ich meine Geschenke auspacken.

Meine Neugier stieg, ist es vielleicht doch, kann es denn sein, sollte es wirklich wahr werden? Ist der heimliche Wunsch in Erfüllung gegangen? Die Eltern nickten und lächelten gütig, aufmunternd. Meine kleinen Finger nestelten immer aufgeregter am Knoten, das Papier wurde vom Klebeband befreit und …

So empfinde ich es auch mit der Reform der bundesweiten Notfallversorgung: Ein angekündigtes Ereignis, lauter Heimlichkeiten, die Spannung steigt und schließlich der Tag der Bescherung.

Zuerst ein Entwurf von Eckpunkten, der vor einem Jahr das Licht der Öffentlichkeit erblickte. Er war die Ankündigung, die allerseits hektische Betriebsamkeit auslöste, Sorgen weckte und Wünsche schürte. Wie damals zu Weihnachten wurde hinter vorgehaltener Hand getuschelt, es wurden Wünsche abgewogen und schließlich Entscheidungen getroffen. Verheißungsvoll wurde geschrieben, dass das Patientenwohl in den Mittelpunkt zu stellen sei, jedenfalls soweit notwendig. 

Schließlich, gute sieben Monate später, erschien ein nicht mit der Hausleitung abgestimmter Diskussionsentwurf zur Reform der Notfallversorgung. Immer noch heißt es, dass die bestmögliche Versorgung von Menschen in medizinischen Notfällen zu den zentralen Themen des Gesundheitswesens gehöre.

Das ist wie der Duft nach Kaffee und Gebäck, der Erwartungen weckt und Vorfreude schürt. Schon damals war alles noch im flackernden Kerzenlicht verborgen, nicht eindeutig bestimmbar. Heute weiß ich, dass vorher noch Aufgaben zu erledigen sind, bevor es Geschenke geben wird. Auch jetzt bin ich gespannt, ob es das werden wird, was ich mir in kindlicher Naivität gewünscht habe, oder ob es etwas werden wird, wovon der Schenkende überzeugt ist, dass es das Richtige ist: neue Socken oder eine dritte Säule der Versorgung zum Beispiel. Was mir bleibt, ist noch ein Gedicht zu finden, eine Liederstrophe oder eine Textpassage, die ich aufsagen könnte. 

Ich glaube, ich hab da was: Da steh ich nun, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.