Hamburg, 1. August 2019. Zur Behandlung von Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörungen (ADHS) bekommen immer mehr Erwachsene Medikamente mit dem umstrittenen Wirkstoff Methylphenidat verordnet, der unter anderem im Arzneimittel Ritalin verwendet wird. Von 2015 bis 2018 sind die Verordnungen bundesweit bei TK-Versicherten um 25 Prozent gestiegen. Ein anderer Trend zeigt sich bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren: Die Verordnungen gehen im gleichen Zeitraum um rund neun Prozent zurück. Das ergab eine Auswertung von Routinedaten der Techniker Krankenkasse (TK).

Mittel für Erwachsene weniger gut untersucht

"Arzneimittel sollten generell immer sehr sorgsam eingesetzt werden. Das gilt bei dem Wirkstoff Methylphenidat ganz besonders, weil er zur Gruppe der Amphetamine gehört", sagt Tim Steimle, Apotheker und Leiter des Fachbereichs Arzneimittel bei der TK. "Medikamente können gegen Symptome wie Hyperaktivität und Unaufmerksamkeit helfen. Für einen langanhaltenden Therapierfolg sollten die Mittel jedoch mit anderen Therapieformen kombiniert werden, zum Beispiel mit einer begleitenden Psycho- und Verhaltenstherapie." Im Hinblick auf die Arzneimittelverordnungen für Erwachsene kommt hinzu: Die Wirkung von Medikamenten mit Methylphenidat zur Behandlung von ADHS ist für Erwachsene nicht so gut untersucht wie für Kinder.

Wenig Betroffene in Thüringen und Sachsen-Anhalt

Bei den Verordnungen zeigen sich deutliche regionale Unterschiede. 2018 haben in Rheinland-Pfalz rund drei von 1000 erwachsenen TK-Versicherten Medikamente mit Methylphenidat bekommen, in Thüringen hingegen durchschnittlich nur 0,8 und in Sachsen-Anhalt nur 0,7. Unterschiede zeigen sich auch bei männlichen und weiblichen Versicherten: Jungs und Männer bekommen häufiger Medikamente mit Methylphenidat gegen ADHS verschrieben als Mädchen und Frauen. Das zeigt sich besonders bei Kindern und Jugendlichen unter 18 Jahren: 2018 war die Zahl der Jungen, denen Methylphenidat verschrieben wurde, mehr als drei Mal so hoch wie die der Mädchen.

ADHS äußert sich bei Mädchen anders

Insgesamt bekommen Kinder und Jugendliche im Vergleich zu Erwachsenen noch deutlich häufiger Medikamente gegen ADHS, da die Erkrankung vermehrt in jungen Jahren auftritt. Jungen sind dabei nicht nur öfter betroffen, die Krankheit äußert sich bei ihnen in der Regel auch anders. "Während Jungen vor allem sehr aktiv sind, zeigen Mädchen ganz andere Symptome wie Tagträume, vermehrtes Reden oder Vergesslichkeit. Darauf sollten Eltern achten. Im Erwachsenenalter werden diese Unterschiede geringer und die Hauptsymptome sind Hyperaktivität und Probleme mit der Aufmerksamkeit", erklärt Steimle. 

Hinweis für die Redaktionen

Für die Analyse wurden Routinedaten der TK-Versicherten von Anfang 2015 bis Ende 2018 ausgewertet. Weitere Informationen zum Thema ADHS bei Erwachsenen gibt es auf der Website der TK (Suchnummer 2017896).