Frankfurt am Main, 15. Juni 2021. Antibiotika-Verordnungen für Patientinnen und Patienten, die erkältungsbedingt krankgeschrieben waren, haben in Hessen ein Rekordtief erreicht. Im vergangenen Jahr erhielt nur noch knapp jede und jeder siebte Berufstätige (14,7 Prozent) mit dieser Diagnose ein Rezept für ein Antibiotikum. 2014 war es noch jeder Dritte (32 Prozent). Das teilt die Techniker Krankenkasse (TK) in Hessen mit und bezieht sich auf eine aktuelle Auswertung von Verordnungsdaten der bei der TK versicherten Erwerbspersonen.

Der Trend geht aus Sicht der TK in Hessen in die richtige Richtung. Denn bei akuten Atemwegsinfektionen ist die Einnahme eines Antibiotikums meist nicht angezeigt. Erkältungen und grippale Infekte werden in der Regel durch Viren ausgelöst, gegen die Antibiotika wirkungslos sind. 

Antibiotika richtig anwenden

Antibiotika sind, wenn sie richtig angewendet werden, eines der wichtigsten Mittel gegen bakterielle Infektionen. Bakterien können aber in kürzester Zeit Anpassungsprozesse entwickeln und unempfindlich gegen die Wirkstoffe der Antibiotika werden. Die richtige Anwendung dieser Medikamente ist besonders wichtig, um die Zeitspanne zu verlängern, in der sie wirken. "Um Resistenzentwicklungen zu minimieren, unterstützen wir daher die Ziele der bundesweiten "Antibiotic Stewardship"-Initiative. Antibiotika sollten in der Medizin rational und möglichst verantwortungsvoll eingesetzt und gleichzeitig Patienten, wenn nötig, bestmöglich mit diesen Arzneimitteln behandelt werden", sagt Dr. Barbara Voß, Leiterin der TK-Landesvertretung in Hessen.

Die "Antibiotic Stewardship"-Kampagne sensibilisiert Ärztinnen und Ärzte aus Kliniken und Arztpraxen sowie Klinikhygieneexperten für Antibiotika-Resistenzen und will damit die gezielte Auswahl, Dosierung und Anwendung von Antibiotika qualitativ verbessern. Damit dies erreicht wird, fördert die TK in Hessen die Personal- und Weiterbildungskosten von Hygienefachkräften an Krankenhäusern, die ihr Personal in diesem Bereich in den vergangenen Jahren aufgestockt haben, mit einem finanziellen Zuschuss. 

So wenig wie möglich - so viel wie unbedingt nötig

"Wenn Ärzte und Patienten umsichtig mit Antibiotika umgehen, können sie erheblich dazu beitragen, Unwirksamkeiten zu vermeiden. Unser Ziel muss es daher sein, Antibiotika so gezielt wie möglich einzusetzen, das heißt, so wenig wie möglich und nur so viel wie unbedingt nötig", sagt Dr. Andreas Kneifel, Krankenhaushygieniker und Leitender Oberarzt am Klinikum Hanau. Das Klinikum zählt zu den Krankenhäusern im Land, die im Rahmen der ABS-Initiative die rationale Verordnungspraxis von Antibiotika verbessert und sicherstellt.

Hessische Initiative gegen multiresistente Erreger

Die TK in Hessen begrüßt zudem die hohe Akzeptanz einer Initiative gegen multiresistente Erreger (MRE) unter den Krankenhäusern in Hessen, die das Hessische Ministerium für Soziales und Integration gemeinsam mit der Hessischen Krankenhausgesellschaft und den Krankenkassen im Land ins Leben gerufen hat. In dem Qualitätssicherungsprojekt wird unter anderem erfasst, wie häufig es zu Krankenhausinfektionen kommt und auf welchem Weg die Keime in die Klinik gelangt sind. Zudem werden Maßnahmen erarbeitet, die Infektionen verhindern sollen. So trägt das MRE-Projekt dazu bei, den Antibiotika-Verbrauch zu verringern und Unwirksamkeiten zu reduzieren. Es wird von den Krankenkassen und dem Land Hessen bis zum Jahr 2026 gemeinsam getragen und gefördert.

Hintergrund

Die TK bezieht sich bei den Antibiotika-Verordnungen ihrer Versicherten auf ihren Gesundheitsreport 2021, der am 23. Juni veröffentlicht wird. Für den Report wurden unter anderem die Arzneimittelverordnungen der mehr als fünf Millionen bei der TK-versicherten Erwerbspersonen ausgewertet, darunter mehr als 494.000 aus Hessen. Dazu zählen neben den Erwerbstätigen auch die Empfängerinnen und Empfänger von Arbeitslosengeld I. 

Ziel der Antibiotic Stewardship (antibiotic = Antibiotikum; stewardship = Verantwortung) Initiative ist ein nachhaltiges Bemühen eines Krankenhauses oder einer Arztpraxis um die Verbesserung und Sicherstellung einer rationalen Verordnungspraxis von Antiinfektiva. Zu den Maßnahmen der Initiative zählen unter anderem Schulungen und Fortbildungen, die konsiliarärztliche Beratung, Messung der Verordnungsmengen und -qualität, elektronische Verordnungs- und Dokumentationshilfen.