Neue Medikamente sind oft teuer, aber nicht besser. Gefragt sind politische Reformen und der Wille, Einsparmöglichkeiten zu realisieren.

TK: Wie entwickeln sich die Arzneimittelausgaben in Baden-Württemberg?

Nadia Mussa: Im Jahr 2020 hat die TK für ihre Versicherten in Baden-Württemberg im Durchschnitt rund 470 Euro pro Kopf für Arzneimittel ausgegeben. Im Vergleich zu 2016 ist das ein Anstieg um knapp 20 Prozent.  

Nadia Mussa

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Leiterin der TK Landesvertretung Baden-Württemberg

Zwar liegt Baden-Württemberg damit noch deutlich unter dem Bundesdurchschnitt von 519 Euro je TK-Versicherten und erst recht hinter den "Spitzenreitern" Sachsen-Anhalt (683 Euro je Versicherten) und Sachsen (647 Euro je Versicherten). Die Zahlen zeigen jedoch die Dynamik und den ungebremsten Anstieg der Arzneimittelausgaben auch in Baden-Württemberg.

TK: Die Ausgaben gehen nach oben. Zahlt sich das in Form einer besseren Versorgung mit Medikamenten aus?   

Mussa: Nein, das ist leider nur sehr bedingt der Fall. Der Kostenanstieg ist vor allem auf die neu auf den Markt kommenden Medikamente zurückzuführen - die meisten davon werden in der Onkologie eingesetzt. Mengenmäßig sehen wir kaum Veränderungen. Die Kostensteigerungen werden fast ausschließlich durch die sich immer schneller drehende Preisspirale in diesem Segment verursacht.

Ein Großteil dieser neu eingeführten Arzneimittel stellen keine echten Innovationen dar, wie der jährlich publizierte Innovationsreport der TK verdeutlicht.

Neu ist also nicht gleich besser. Das Problem ist, dass die Hersteller im ersten Jahr nach Markteinführung den Preis selbst festlegen können. Erst danach gilt der Preis, der vom GKV-Spitzenverband und den Arzneimittelherstellen ausgehandelt wurde. 

TK: Was schlagen Sie vor, um diese Entwicklung zu stoppen?  

Mussa: Zunächst einmal muss sich die Preisbildung ändern. Ein erster Schritt ist die Reform des Arzneimittelneuordnungsgesetzes von 2011, die im Koalitionsvertrag verankert wurde. Statt nach einem Jahr soll der ausgehandelte Erstattungsbetrag für neue Arzneimittel dann bereits rückwirkend ab dem siebten Monat nach der Einführung gelten. Aber auch dies ermöglicht den Herstellern noch sechs Monate, in denen sie Mondpreise verlangen können.

Deshalb brauchen wir weitere Maßnahmen, die ein schnelles Handeln ermöglichen. Dazu gehören beispielsweise die Senkung des Mehrwertsteuersatzes für Arzneimittel auf sieben Prozent und eine zeitlich begrenzte Erhöhung des sogenannten Herstellerabschlags auf patentgeschützte Arzneimittel von sieben auf 25 Prozent. Alleine die Kombination dieser beiden Maßnahmen würde zu Einsparungen der GKV in Baden-Württemberg in Höhe von über einer Milliarde Euro führen.

TK: Wird damit nicht auch die Entwicklung von echten Innovationen erschwert? 

Mussa: Die Industrie soll Innovationen bei Arzneimitteln gut bezahlt bekommen - aber fair und nachvollziehbar. Ein fairer Preis muss sich am tatsächlichen Nutzen orientieren, der auch nachgewiesen werden kann.

In Deutschland sind Arzneimittel viel schneller nach der Zulassung verfügbar als in anderen europäischen Ländern. Das ist ein Verdienst der GKV und soll auch so bleiben. Die Versicherten haben aber einen Anspruch darauf, dass ihre Beiträge zielgenau in echte Innovationen fließen.

TK: Die zentrale Rolle nehmen der verordnende Arzt und die verordnende Ärztin ein. Was wird in Baden-Württemberg getan, um sie bzw. ihn bei der Arzneimitteltherapie zu unterstützen?  

Mussa: Die Krankenkassen treffen jährlich mit der KVBW eine Arzneimittelvereinbarung. Diese enthält sowohl Verordnungsziele als auch konkrete Empfehlungen für die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte. In der aktuellen Zielvereinbarung 2022 ist beispielsweise festgehalten, dass der Generikaanteil bei HIV-Präparaten von 50 auf 60 Prozent steigen soll. 

Darüber hinaus bietet die KV eine Verordnungsberatung sowie die einmal pro Quartal erscheinende Broschüre "Verordnungsforum" an.  

Als wichtigen Anhaltspunkt für die Ärztinnen und Ärzte vereinbaren die Kassen und die KV zudem einen Richtwert für einzelne Fachgruppen und Therapiebereiche. Dabei handelt es sich um einen Durchschnittswert in Euro pro Quartal und Patient. Wenn Praxisbesonderheiten vorliegen, kann der Richtwert allerdings auch deutlich überschritten werden. 

Die Tatsache, dass trotz dieser sinnvollen Maßnahmen in beträchtlichem Umfang neue Medikamente ohne Zusatznutzen verordnet werden zeigt allerdings klar: Ohne politische Reform geht es nicht. 

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