Antikörper, CAR-T-Zellen, Gentherapien - neue Behandlungsansätze rufen zum Teil Preise auf, die noch vor einigen Jahren unvorstellbar waren. Sie stellen unser Gesundheitssystem vor große finanzielle Herausforderungen.

TK: Die Preise vieler neuer Arzneimittel gehen durch die Decke. Ist der Nutzen für die Patientinnen und Patienten entsprechend?

Andreas Vogt: Es gibt tatsächlich echte Fortschritte bei den Arzneimitteln. Ich denke an ein Präparat, mit dem erstmals eine medikamentöse Behandlung der erblich bedingten Muskelatrophie möglich wurde. Sehr wirksam, mit einem sechsstelligen Packungspreis aber auch sehr teuer. 

Fast alle neuen Arzneimittel sind viel teurer als ihre Vorgänger, längst nicht alle aber besser.
Andreas Vogt

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Leiter TK-Landesvertretung Baden-Württemberg

In unserem Innovationsreport, den die TK gemeinsam mit dem Arzneimittelexperten Prof. Gerd Glaeske von der Universität Bremen veröffentlicht hat, wurden 31 Arzneimittelinnovationen des Jahres 2017 unter die Lupe genommen. Das Fazit: mäßig innovativ, aber extrem kostenintensiv. 

Von den 31 Medikamenten bekamen zwar acht eine grüne Ampel in der Gesamtbewertung und damit echten Innovationscharakter bescheinigt. Sieben mal zeigt die Ampel jedoch gelb und 16 mal rot. Damit konnte mehr als die Hälfte der Arzneimittel nicht überzeugen, darunter zum Beispiel zwei Präparate zur Behandlung von Hepatitis C.

TK: Was läuft schief auf dem Arzneimittelmarkt?

Vogt: Bei den Arzneimitteln gibt es eben keinen Markt im herkömmlichen Sinn mit der Preisbildung durch Angebot und Nachfrage. Die neuen Arzneimittel des Jahres 2017 verursachten im Jahr 2018 allein bei der TK einen Ausgabenanstieg von sieben Prozent - obwohl die Menge der verordneten Packungen rund 55 Prozent unter der des Vorjahres lag. Der durchschnittliche Preis pro Packung stieg im Vergleich zum Vorjahr um knapp 140 Prozent auf 3.066 Euro.

Da stellt sich schon die Frage, was in der heutigen Zeit ein angemessener Preis für ein Medikament ist. Wir benötigen messbare und transparente Kriterien. Klar ist: Fortschritt kann nicht die Rechtfertigung sein, Preise unendlich in die Höhe zu treiben. Fortschritt gehört zu unserem Leben - ob bei Smartphones oder im Bereich der Mobilität. 

TK: Was wären denn aus Ihrer Sicht richtige Kriterien?

Vogt: Zu den objektivierbaren Kriterien gehört sicher eine Beurteilung des "medical need". Weitere Kriterien könnten die Versorgungssicherheit sowie europäische Forschungsstandorte sein. Ich halte es für notwendig, dass die Sozialversicherung auf Basis dieser Kriterien Preisobergrenzen festlegen kann. 

Wir müssen die bisherigen Verfahren der Preisgestaltung überdenken.
Andreas Vogt

Es ist unbestritten, dass jeder Patient die beste zur Verfügung stehende Therapie bekommen muss, die es gibt. Damit das aber möglich ist, die neuen Therapien also beim Patienten ankommen und gleichzeitig bezahlbar bleiben, müssen wir die bisherigen Verfahren der Preisgestaltung überdenken.

TK: Wie sieht die Situation in Baden-Württemberg aus?

Vogt: Baden-Württemberg gehört mit Bremen, Bayern und Hessen zu den Bundesländern, in denen neue Arzneimittel ohne Zusatznutzen relativ wenig verordnet werden - etwa einmal bei 2.000 Versicherten. Bundesweit liegt der Wert bei 1,2. 

Die Krankenkassen sind in einem guten Dialog mit der KV, um eine rationale Verordnung zu gewährleisten. Wir haben gemeinsam Therapieleitlinien für mehrere Indikationen entwickelt. Die KV bietet darüber hinaus eine telefonische Verordnungsberatung. Zudem erhalten alle Vertragsärzte die "Frühinformation Arzneimittel" zusammen mit dem Honorarbescheid, um nur einige Beispiele zu nennen.

Allerdings sind auch in Baden-Württemberg deutliche Ausgabensteigerungen bei den Arzneimitteln zu verzeichnen. Im ersten Halbjahr 2020 wurden im Südwesten Medikamente im Wert von rund 3,6 Milliarden Euro verordnet - knapp vier Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Pro Minute sind das Arzneimittel im Wert von rund 14.000 Euro.