Hannover, 8. August 2018. Seit mehr als einem Jahr können Ärzte bei schwerwiegenden Erkrankungen Cannabis verschreiben. Der Cannabis-Report der Techniker Krankenkasse (TK) zeigt: Medizinisches Cannabis ist nur selten eine Alternative zu den bewährten Therapien, kann Patienten aber im Einzelfall helfen. Die TK hat eine erste Bilanz der Verordnungszahlen gezogen. Dabei zeigt sich, dass Niedersachsen mit 114 Rezepten je 100.000 Versicherten knapp unter dem Bundesdurchschnitt liegt, der sich auf 118 Verordnungen beläuft. Spitzenreiter ist das Saarland mit 209 Verordnungen. Mit 52 Rezepten bildet Mecklenburg-Vorpommern das Schlusslicht.

Studienlage zur Wirksamkeit noch lückenhaft

Inken Holldorf, TK-Landeschefin in Niedersachsen: "Wir befürworten die neue Regelung, mit der schwerkranken Menschen - insbesondere Schmerzpatienten - nunmehr eine weitere Therapiealternative angeboten werden kann. Auch die Akzeptanz in der Gesellschaft dafür ist groß. So befürworten beispielsweise 90 Prozent der Norddeutschen die Regelung, dass Ärzte bei schweren Erkrankungen Cannabis verschreiben dürfen. Allerdings ist die Studienlage zur Wirksamkeit und Sicherheit dieser Therapieform bislang noch lückenhaft. Hier bedarf es einer aussagekräftigen Begleitstudie, damit wir gesicherte Erkenntnisse über den Einsatz von Cannabis bekommen.

Norddeutsche stehen zu Cannabis als Medikament

Mit dem Cannabis-Report, der in Kooperation mit der Universität Bremen entstanden ist, möchte die TK die Vor- und Nachteile dieser Therapie beleuchten sowie Ärzten und Patienten eine Orientierung bieten. Im Vorfeld des Reports wurden bundesweit Menschen befragt, wie sie zu Cannabis als Medikament stehen: 61 Prozent der Befragten in Norddeutschland stimmen dem voll und ganz zu.

Eine mögliche Erklärung für den starken Rückhalt in der Bevölkerung ist der, dass vielfach Cannabis aufgrund seines pflanzlichen Ursprungs, für ein gutes Medikament gehalten wird. Dabei sind gerade die Cannabisblüten sehr anfällig und der Wirkstoffgehalt unterliegt hohen Schwankungen. Dies erschwert die Dosierung und kann den Therapieerfolg beeinträchtigen.

Dronabinol besser als Cannabisblüten

Cannabis kann auf unterschiedliche Weise verabreicht werden. Seit 2011 gibt es das Fertigarzneimittel Sativex, das als Spray in den Rachen gesprüht wird. Die gängigsten Formen sind nach dem Gesetz von 2017 jedoch die Cannabisblüten und Dronabinol - ein Öl, das teilsynthetisches Cannabis enthält. Tropfen oder Kapseln sind einfacher einzunehmen als Cannabisblüten, die umständlich verdampft und über eine Maske eingeatmet werden müssen. Die Wirkung von Dronabinol ist zudem nicht so starken Schwankungen unterlegen wie der Wirkstoffgehalt der Cannabisblüten. Fazit: Dronabinol ist in vielen Fällen nicht nur besser, sondern auch wesentlich günstiger als die Blüten der Cannabispflanze.

Besondere Behandlung von Seiten des Gesetzgebers

"Die Kostenübernahme von medizinischem Cannabis ist im Sozialgesetzbuch geregelt. Interessanter Aspekt: Bisher hat es namentlich kein anderer Wirkstoff ins Gesetz geschafft. Bei näherer Betrachtung ist daher die Frage berechtigt, warum das in diesem Einzelfall so ist", so das Resümee von Inken Holldorf. "Denn das System aus Zulassung, früher Nutzenbewertung und Preisverhandlung - wie es normalerweise für neue Arzneimittel gilt - wird komplett umgangen. Stattdessen erhalten die Krankenkassen einen Genehmigungsvorbehalt, der unklar definiert ist. Mit der frühen Nutzenbewertung neuer Arzneimittel, dem sogenannten AMNOG-Prozess, müssen Pharmafirmen nachweisen, dass ihre Produkte einen Zusatznutzen für den Patienten haben. Trotz der unbefriedigenden Studienlage und der geringen Evidenz, gilt das bei Cannabis nicht".

Die Begleiterhebung, die durch die Bundesopiumstelle im Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) durchgeführt wird, ist unzureichend. Sie soll weitere Erkenntnisse über die Wirkung von Cannabis als Medizin hervorbringen, betrachtet aber zum Beispiel keine Vergleichsgruppe von Patienten, die keine Cannabistherapie erhalten. Fazit der TK-Landeschefin: "Wünschenswert wäre daher eine richtige Begleitstudie, damit wir gesicherte Erkenntnisse über den Einsatz von Cannabis bekommen".
 

Hinweis an die Redaktion


Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat im Auftrag der TK im April 2018 bevölkerungsrepräsentativ 1.007 Erwachsene in Deutschland zum Thema Cannabis als Medizin befragt. Unter dem Begriff Norddeutschland werden die Bundesländer Niedersachsen, Bremen, Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern erfasst.

Die digitale Pressemappe mit dem vollständigen Report, Präsentationen, Statements, Infografiken und Pressefotos finden Interessierte unter 
www.tk.de/lv-Niedersachsen, Webcode 982398 .