Hamburg, 2. November 2020. Seit 20 Jahren wurden nicht mehr so wenige Antibiotika verschrieben, wie während des Lockdowns im April und Mai 2020. Das zeigt eine aktuelle Auswertung der Arzneimittelverordnungen der bei der Techniker Krankenkasse (TK) versicherten Erwerbspersonen. Im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum gingen die Verordnungen im Frühjahr (April und Mai) um 43 Prozent zurück, von durchschnittlich 0,602 Tagesdosen pro versicherter Erwerbsperson in 2019 auf 0,344 Tagesdosen in 2020. Hochgerechnet auf die in Deutschland rund 34 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten sind das rund 11,7 Millionen Tagesdosen, statt 20,5 Millionen Tagesdosen in 2019.

Weniger Arztbesuche und Infekte durch den Lockdown

"Ein Teil des starken Rückgangs könnte daher kommen, dass in dieser Zeit weniger Menschen mit leichten Beschwerden zum Arzt gegangen sind", erklärt Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. "Gleichzeitig haben die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie aber auch dazu beigetragen, dass andere Infektionserkrankungen sich weniger verbreiten konnten."

Trend: 50 Prozent weniger Antibiotika bei leichten Erkältungen

Insgesamt bestätigen die sinkenden Verordnungszahlen aber auch einen Trend, den die TK bereits seit Jahren beobachtet. Laut der TK-Gesundheitsreporte ist die Verschreibungspraxis von Antibiotika bei leichten Erkältungen in den letzten neun Jahren um fünfzig Prozent gesunken. So erhielten im Jahr 2010 noch 30 Prozent der Patienten mit leichten Atemwegserkrankungen Antibiotika, 2019 waren es nur noch knapp 15 Prozent. "Bei schweren Infekten kann ein Antibiotikum das Mittel der Wahl sein. Bei viralen Infekten helfen Antibiotika nicht nur nicht, sie können sogar kontraproduktiv sein, weil sie langfristig zu Resistenzen führen können", so der TK-Chef. Der rückläufige Trend der Verschreibungspraxis sei daher sehr zu begrüßen, da er die Wirksamkeit von Antibiotika erhält.

Hinweis für die Redaktion

Für den Gesundheitsreport 2020 wurden die Fehltage und Arzneimittelverordnungen der mehr als fünf Millionen bei der TK-versicherten Erwerbspersonen ausgewertet. Dazu zählen neben den Erwerbstätigen auch die Empfänger von Arbeitslosengeld I. 

Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit waren in Deutschland zum Stichtag 31. März jeweils in den Jahren 2019 und 2020 rund 34 Millionen Menschen sozialversicherungspflichtig beschäftigt.

Die Verordnungszahlen aus dem ersten Halbjahr 2020 sind Vorabauswertungen zum Studienband "Corona 2020: Gesundheit, Belastungen, Möglichkeiten", der Mitte November von der TK veröffentlicht wird.

Informationen zu multiresistenten Erregern

Infografiken zu Arzneimittelverordnungen finden Sie in der Mediathek: