Stuttgart, 27. November 2018. Nur jeder vierte Demenzkranke in Baden-Württemberg wird mit einem Antidementivum behandelt. Gut 42 Prozent der Patienten erhalten dagegen Beruhigungsmittel wie Neuroleptika und Benzodiazepine. Zu diesem Ergebnis kommt eine Auswertung der Techniker Krankenkasse (TK). "Das bedeutet, dass die große Mehrheit der rund 200.000 Demenzkranken im Land fehlversorgt ist.

Die derzeit verfügbaren Medikamente gegen Alzheimer Demenz können den Krankheitsprozess zwar nicht aufhalten, aber verlangsamen", erklärt Andreas Vogt, Leiter der TK-Landesvertretung Baden-Württemberg. Deshalb sei es wichtig, dass diese in einem frühen Stadium verordnet würden, um das Eintreten der Pflegebedürftigkeit zu verzögern.

"Man stellt Menschen einfach ruhig, damit sie nicht stören"

"Die gravierende Fehlversorgung mit Beruhigungsmitteln und die gleichzeitige Unterversorgung mit Antidementiva beklagen wir schon seit Jahren", bestätigt Sylvia Kern, Geschäftsführerin der Alzheimer Gesellschaft Baden-Württemberg e. V. "Viel zu häufig wird gar keine Diagnose gestellt und wenn doch, verwehrt man dem Demenzkranken oft eine angemessene Medikation, weil es das Budget belastet, der Hausarzt die Sinnhaftigkeit bezweifelt oder zu wenig Fachkenntnis besteht."

Beruhigungsmittel würden leichtfertig gegeben, um eine schwierige Situation kurzfristig zu entspannen und ohne zunächst zu prüfen, welche Faktoren ein unangemessenes Verhalten bewirkt haben könnten. "Man stellt hier Menschen einfach ruhig, damit sie nicht auffallen und stören. Das ist schlicht inhuman und würdelos", kritisiert die Expertin. TK-Chef Vogt ergänzt: „Die Zahlen zeigen, dass wir die Versorgung von Menschen mit Demenz dringend verbessern müssen. Die Patienten müssen Medikamente erhalten, die auch speziell zur Behandlung ihrer Erkrankung empfohlen werden."

"Die Forschung findet meist nicht dort statt, wo sie am meisten gefragt ist"

Kritik übt die Techniker mit ihrem aktuellen Innovationsreport 2018 auch an der pharmazeutischen Industrie: "Das Beispiel Alzheimer Demenz zeigt, dass die Forschung meist nicht dort stattfindet, wo sie am dringendsten gefragt ist“, so der TK-Leiter. Seit Jahren gebe es keine neuen Zulassungen auf diesem Gebiet und die meisten Pharmaunternehmen hätten ihre Forschung dazu vollständig eingestellt. "Ein neuer Pharmadialog sollte darauf drängen, dass die Pharmaindustrie ihre Forschungen auf Gebieten betreibt, wo sie benötigt werden - und nicht, wo die größten Profite winken", fordert Vogt.

Silberstreifen am Horizont

Sylvia Kern sieht aktuell einige Silberstreifen am Horizont, zumindest in Richtung auf eine sehr frühzeitige Erkennung bzw. Diagnose einer späteren Alzheimer Demenz: "Wenn die ersten deutlichen Anzeichen einer Alzheimer Demenz auftreten, ist ja bekanntlich der Krankheitsprozess schon sehr weit fortgeschritten – zwei Drittel der betroffenen Hirnregionen sind dann bereits unwiederbringlich zerstört. Wir müssen also alles daransetzen, so früh wie möglich in diesen Prozess einzugreifen. Nur dann gibt es realistische Chancen auf ein ernsthaftes Verlangsamen oder bestenfalls Aufhalten der Progression."