TK: Welche Medikamente im Rahmen der Gentherapie sind bereits auf dem Markt und was ist in naher Zukunft zu erwarten?

Steimle: Aktuell befinden sich in Deutschland fünf Gentherapeutika auf dem Markt. Drei von ihnen werden bei verschiedenen Krebserkrankungen angewendet. Die beiden anderen kommen bei einer Form der frühkindlichen Erblindung bzw. bei einer erblich bedingten tödlichen Immunschwäche zum Einsatz. 

Seit Mai ist in den USA eine Gentherapie zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie, einer schweren neurologischen Erkrankungen zugelassen. Diese führt unbehandelt in den ersten Lebensjahren zum Tod der betroffenen Kinder. In den kommenden Monaten wird die Zulassung auch für Europa erwartet. Dies gilt ebenfalls für eine Gentherapie zu Behandlung der beta-Thalassämie, einer Erkrankung, bei der die korrekte Bildung der roten Blutkörperchen gestört ist.

Für das Jahr 2023 wird die Zulassung einer Gentherapie gegen die Hämophilie, die sogenannte Bluterkrankheit erwartet. Insgesamt befinden sich derzeit ca. 50 Gentherapien gegen verschiedene Krankheiten in der klinischen Prüfung. 

TK: Welche Verbesserungen für Patientinnen und Patienten sind damit verbunden?

Steimle: Die Therapien stellen für die Patientinnen und Patienten häufig die einzige bzw. die letzte Behandlungsoption dar. Bislang werden z. B. die Gentherapien bei Krebs bei Patientinnen und Patienten eingesetzt, die mit den bisher verfügbaren Therapien nicht mehr behandelt werden können. Manchen dieser Patientinnen und Patienten kann damit mehr Lebenszeit geschenkt werden. 

Betrachtet man die Gentherapie zur Behandlung der spinalen Muskelatrophie, die kurz vor der Zulassung steht, gehen Experten davon aus, dass diese Therapie sogar das Potential zur Heilung einer bislang tödlichen Erkrankung mit sich bringt.

Insgesamt sind diese Therapien mit sehr großen Hoffnungen verbunden. Die Zulassungsstudien wurden jedoch nur an sehr wenigen Patienten durchgeführt, weshalb das Wissen über diese Präparate hinsichtlich ihrer Wirksamkeit, aber auch möglicher Risiken und Nebenwirkungen bislang sehr gering ist. Deshalb kann im Moment noch niemand sagen, ob die Therapien auf lange Sicht das halten, was sie derzeit versprechen. 

TK: Als Vorschlag zur Finanzierbarkeit der teuren Medikamente hat die TK das „Modell des dynamischen Evidenzpreises“ entwickelt. Wie funktioniert dieses Modell?

Steimle: Der dynamische Evidenzpreis ist ein Modell zur nachhaltigen Finanzierbarkeit neuartiger (Arzneimittel)Therapien. Wir sehen, dass das an sich gute AMNOG-System für diese neuen Therapien nur bedingt geeignet ist. Warum ist das so? Gentherapien werden im Gegensatz zu "klassischen" Arzneimitteln häufig nur einmalig gegeben. Die gesamten Therapiekosten verteilen sich also nicht mehr über einen längeren Zeitraum, sondern fallen punktuell in voller Höhe an. Damit verschiebt sich das finanzielle Risiko vollständig auf Seiten der Kostenträger.

Dies ist besonders bemerkenswert, da häufig beschleunigte Zulassungsverfahren zugrunde liegen und damit die Datengrundlage zum therapeutischen Stellenwert begrenzt ist. Zudem beobachten wir, dass die Therapien nicht von selbst ihren Weg in den Markt finden. Dies ist auf die besonderen Anforderungen an die behandelnden Ärzte, die hohen Kosten und die häufig erforderliche stationäre Verabreichung der Therapien zurückzuführen.

Wir stehen nun vor der großen Herausforderung, dass wir einerseits bahnbrechende therapeutische Innovationen erwarten, die unseren Versicherten schnell zur Verfügung stehen sollen, wir andererseits aber eine hohe Versorgungsqualität gewährleisten und entsprechend des tatsächlichen Nutzens angemessene Preise vereinbaren wollen. Das Modell des dynamischen Evidenzpreises dient als Brücke zwischen den wirtschaftlichen Interessen der forschenden Industrie, den Bedürfnissen der Patienten nach schneller und dabei evidenzbasierter Versorgung und unser aller Bestreben nach Systemstabilität.

Das Modell sieht vor, dass der G-BA sechs Monate vor der Zulassung darüber entscheidet, ob der Preis für ein Arzneimittel nach dem AMNOG-Verfahren oder nach dem Modell des dynamischen Evidenzpreises ermittelt wird.

Grundlage des dynamischen Evidenzpreises ist die systematische Generierung von Phase-IV-"Real-World"-Daten, um Evidenzlücken zu schließen. Dafür werden Patienten, die mit dem entsprechenden Arzneimittel behandelt werden, verpflichtend in Register aufgenommen. Es ist zwingend erforderlich, dass diese Register von einer unabhängigen Stelle verwaltet werden, um Neutralität zu gewährleisten. So können die bei Markteintritt bestehenden Evidenzlücken sukzessive geschlossen werden, was zu einer größtmöglichen Patientensicherheit beiträgt. 

Die erste Phase der Datenerhebung dauert 24 Monate. Auf Grundlage dieser Daten erfolgt dann die erste Erstattungsbetragsverhandlung. Dieser Prozess wird alle zwölf Monate wiederholt. Das heißt, dass der Erstattungsbetrag alle zwölf Monate aufgrund der aktuellsten Datenbasis neu verhandelt, also dynamisch angepasst wird.

Diese Anpassung kann bei positiven Daten zur Langzeitwirksamkeit und -sicherheit nach oben, aber bei negativen auch nach unten erfolgen. So entspricht der Preis des Arzneimittels jederzeit seinem therapeutischen Wert und das Risiko der Kostenträger wird minimiert. Nicht nur die Versichertengemeinschaft profitiert an dieser Stelle von fairen Preisen, sondern auch die pharmazeutische Industrie. Denn hochwirksame Präparate werden stärker honoriert als weniger wirksame Präparate. 

Der Preis des Arzneimittels in den ersten 24 Monaten kann durch den pharmazeutischen Unternehmer bis zu einer durch EU-Preise definierten Obergrenze frei gewählt werden. Möchte der Hersteller die in den Registern erhobenen Daten nutzen, muss er einen Abschlag auf seinen Preis hinnehmen. Um die Forschung und Entwicklung von Arzneimitteln in Deutschland und Europa zu fördern, soll es möglich sein, dass Unternehmer, die in Deutschland und Europa forschen und entwickeln einen Aufschlag auf ihren Preis nehmen dürften. 

TK: Werden die Hersteller eine Obergrenze in den ersten 24 Monaten akzeptieren? 

Steimle: Die Regelung einer Preisobergrenze für Arzneimittel kommt bereits in vielen anderen europäischen Ländern seit Jahren zur Anwendung. Auch in Deutschland gibt es ein ähnliches Konzept bereits im Rahmen der Impfstoffversorgung. Daher sehen wir hier keine Akzeptanzprobleme bei den Herstellern, zumal diese ein Interesse daran haben werden, ihr Produkt auf dem deutschen Markt zu platzieren. Die Rückmeldungen der pharmazeutischen Industrie zu unserem Modell waren bislang durchweg sehr positiv. 

TK: Gibt es genügend Patienten für Registerstudien?  

Die Zahl der Patienten, die mit den Gentherapien behandelt werden, ist bislang sehr gering. Dies wird sich in den nächsten Jahren auch nicht so schnell ändern. Daher sieht unser Modell eine verpflichtende Aufnahme in die Register vor. Denn jeder Patient trägt dazu bei, ein bisschen mehr Evidenz zu generieren. Wir werden in diesen Therapiebereichen aber niemals die Zahlen klassischer Zulassungsstudien erreichen, daher ist es umso wichtiger jede mögliche Information zu sammeln. Wünschenswert wäre es, europaweite Register einzurichten, um so das Wissen bündeln zu können und damit schneller Informationen über Langzeitwirksamkeit und -sicherheit zu generieren.