Antibiotika zählen zu den weltweit am häufigsten verschriebenen Medikamenten. Allein in Hamburg werden jedes Jahr mehr als eine halbe Million Rezepte für Antibiotika ausgestellt. Gerade zu Beginn der Erkältungszeit werden die Arztpraxen voller, nicht selten geht es dabei auch um die Frage nach einem Antibiotikum.

Der aktuelle Gesundheitsreport der Techniker Krankenkasse zeigt aber, dass die Zahl der Verordnungen bei Erkältungen seit einigen Jahren kontinuierlich zurückgeht.

TK: Frau Puttfarcken, 2017 bekam jeder fünfte TK-Versicherte in Hamburg mit der Diagnose Erkältung Antibiotika verschrieben. Ist das ein guter Wert?

Puttfarcken:   Vor drei Jahren (2014) war es noch jeder Vierte (25,5 Prozent) - das ist natürlich ein gutes Zeichen. Und auch im bundesweiten Vergleich liegt Hamburg im unteren Bereich.

Allerdings verlassen immer noch zu viele Patienten die Arztpraxen mit einem Rezept für ein Antibiotikum. Insbesondere bei Erkältungen, die meistens durch Viren verursacht werden - hier kann ein Antibiotikum aber gar nichts ausrichten. Und dies müssen wir kritisch sehen, denn mit jeder unnötigen Verordnung steigt die Gefahr, dass Antibiotika im Ernstfall nicht mehr wirken, weil Bakterien gegen Antibiotika resistent werden.

TK: Welche Maßnahmen unternehmen Sie, um dieser Entwicklung entgegenzuwirken?

Puttfarcken: Das Wichtigste ist Aufklärung, sowohl bei Patienten als auch Ärzten. Antibiotika sollten nur dann verschrieben werden, wenn sie wirklich medizinisch notwendig und wirksam sind. Auch in Hamburg wurde das Problem erkannt. Im vergangenen Jahr machte die Landeskonferenz zur gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung Antibiotika zum Schwerpunktthema 2017. Es gab eine Arbeitsgruppe, die Behörde für Gesundheit und Verbraucherschutz erstellte eine Basisdokumentation, und der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) wertete die Hamburger Verordnungsdaten aus dem ambulanten Bereich zielgerichtet aus.

Basierend auf dieser Auswertung wurden gemeinsame Maßnahmen entwickelt, beschlossen und im April dieses Jahres vorgestellt. Die Aufklärungs- und Öffentlichkeitskampagne sowie das Maßnahmenpapier, in dem auch Aufgaben für Gesundheits- und Pflegeberufe beschrieben werden, stehen dabei im Mittelpunkt.

Rückblickend freue ich mich besonders über die gute Zusammenarbeit innerhalb der Arbeitsgruppe. Dort waren neben der Gesundheitsbehörde und den Krankenkassen auch die Ärzte-, Zahnärzte- und Psychotherapeutenkammer, die Krankenhausgesellschaft, Apotheker und Patientenvertreter beteiligt. Es ist uns gemeinsam gelungen, dringend erforderliche Maßnahmen auf den Weg zu bringen.

TK: Teil des erwähnten Maßnahmenpakets ist die Aufklärungskampagne "Antibiotika gezielt einsetzen". Worum handelt es sich dabei genau?

Puttfarcken:  Die Kampagne besteht aus mehreren Einzelaktionen, die wir unter einem gemeinsamen Logo und der Botschaft "Antibiotika gezielt einsetzen" bündeln. Sie hat das Ziel, den Hamburger Patienten zu vermitteln, wann ein Antibiotikum wirkt und wann nicht. So können Patienten das Für und Wider einer Antibiotikatherapie mit ihrem Arzt besprechen. Neben Plakaten in der Öffentlichkeit wurde auch das bestehende Angebot an Patienteninformationen erweitert. Hierfür wurden zum Beispiel eine Informationsplattform zum Thema Antibiotika und ein mehrsprachiges Merkblatt entwickelt. Zusätzlich gibt es einen Abreißblock, der zur Unterstützung des Arztes eingesetzt werden kann, und einen anderen für die Apotheke mit den wichtigsten Einnahmehinweisen. Auch diese Angebote sind neben Deutsch in sechs weiteren Sprachen verfügbar.

TK: Können Sie uns abschließend noch einen Ausblick in die Zukunft geben?

Puttfarcken: Mit der gemeinsamen Initiative des Hamburger Gesundheitswesens sind wir einen entscheidenden Schritt gegangen. Jetzt heißt es: Dranbleiben. Daher werden wir die eingeleiteten Maßnahmen fortlaufend evaluieren und unsere Aktionen entsprechend anpassen.

Auch den Verbrauch von Reserve-Antibiotika müssen wir künftig stärker eindämmen. Diese sind eigentlich nur für absolute Ausnahmefälle gedacht, machen derzeit aber rund 40 Prozent der verordneten Rezepte aus. Hier ist eine Sensibilisierung der Ärzteschaft dringend notwendig.