Bremen, 18. September 2020. Bremer Ärzte sind Vorreiter im Verschreibungsverhalten von innovativen Medikamenten: Sie verordnen bundesweit die wenigsten neuen Arzneimittel, die keinen Zusatznutzen gegenüber bereits vorhandenen Präparaten haben. Das ist ein Ergebnis des diesjährigen Innovationsreports, den die Techniker Krankenkasse (TK) gemeinsam mit der Universität Bremen herausgebracht hat. So wurde im kleinsten Bundesland im Jahr 2018 rein rechnerisch je 1.000 Versicherte 0,46 Mal ein solches Präparat verschrieben. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 0,61.

Der Report bewertet 31 neue Arzneimittel des Jahres 2017 in Form eines Ampelschemas. Für die Bewertung entscheidend sind der therapeutische Nutzen für die Patienten, die Verfügbarkeit von Therapiealternativen und die Angemessenheit der Kosten. Der Report zeigt: Es gibt zwar einige echte Innovationen unter den neuen Medikamenten - immerhin acht bekamen eine "grüne Ampel" - insgesamt gesehen ist der Innovationsgrad jedoch mäßig. Die Wissenschaftler vergaben 16 "rote Ampeln", damit weist mehr als die Hälfte der bewerteten Medikamente insgesamt keinen zusätzlichen therapeutischen Nutzen auf.

Dafür hat sich im Preis eine Menge getan: So stieg der durchschnittliche Packungspreis dieser Medikamente um fast 140 Prozent von rund 1.300 Euro auf rund 3.100 Euro. "Wenn der Preisanstieg so ungebremst weitergeht wie bisher, wird uns das unweigerlich zu der Frage führen, wie wir uns als Gesellschaft in Zukunft neue Medikamente leisten können", so Dr. Susanne Klein, Leiterin der TK-Landesvertretung Bremen.

Extremer Preisanstieg

Der extreme Preisanstieg ist auf einige besonders teure Medikamente zurückzuführen. Sechs der Arzneimittel kosten jeweils mehr als 10.000 Euro pro Packung. Mit Spinraza® (Wirkstoff: Nusinersen) zur Behandlung der Spinalen Muskelatrophie (SMA) bei Kindern ist im mittlerweile achten Innovationsreport erstmals ein Präparat mit einem sechsstelligen Packungspreis dabei. "Es ist überhaupt keine Frage, dass innovative Arzneimittel wichtig sind und dass diese auch ihren Preis haben dürfen. Fortschritt kann jedoch nicht die Rechtfertigung sein, Preise unendlich in die Höhe zu treiben. Wir brauchen dringend objektivierbare Kriterien, um faire Preis bestimmen zu können", sagt Klein.

Transparenz ist überfällig

Ein Beispiel für so eine Einmaltherapie ist die neue Gentherapie Zolgensma® zur Behandlung von SMA, die in den vergangenen Monaten als teuerstes Medikament der Welt Schlagzeilen machte. "Medikamente wie Zolgensma® sind natürlich mit vielen Hoffnungen verbunden, völlig zu Recht bei einer so schweren Krankheit. Aber es gibt auch sehr viele Fragen", sagt Professor Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen, Herausgeber des Reports. "Anhand der Daten, die Unternehmen veröffentlichen, ist nicht nachzuvollziehen, wie sechsstellige oder nun sogar Millionenbeträge für einzelne Medikamente zustande kommen - Transparenz ist in diesem Bereich längst überfällig. Zudem brauchen wir dringend neue Preismodelle und mehr begleitende Versorgungsforschung, um den Wert einer Therapie zu erkennen und nach den Gesichtspunkten Patientennutzen und Wirtschaftlichkeit bewerten zu können."

Hinweis für die Redaktion

Den vollständigen Report inklusive weiterem Material gibt es unter Innovationsreport 2020 . Im Sonderkapitel beschäftigen sich die Autoren in diesem Jahr mit der Spinalen Muskelatrophie (SMA). Im Report wurde das erste zugelassene Arzneimittel zur Behandlung dieser neurologischen Erkrankung - Spinraza® mit dem Wirkstoff Nusinersen - mit einer "grünen Ampel" bewertet. Das Sonderkapitel thematisiert auch die bisherigen Schritte um die Zulassung des zweiten Medikaments gegen SMA, der Gentherapie Zolgensma®.