Echte Innovationen fanden sich unter den neuen Arzneimitteln also kaum - dafür hat sich der durchschnittliche Preis pro Packung im Jahr nach der Markteinführung mehr als verdoppelt. So kosteten die Neuheiten des Jahres 2012 durchschnittlich 670 Euro pro Packung, die neuen Arzneimittel des Jahres 2013 bereits 1.418 Euro.

Im Vergleich zum Bundesdurchschnitt verschreiben die Bremer Ärzte deutlich weniger Arzneimittel, die für den Patienten keinen Zusatznutzen gegenüber bereits vorhandenen Präparaten haben. Im kleinsten Bundesland bekamen rein rechnerisch 0,86 von 1.000 Versicherten im Jahr 2014 ein solches Präparat verschrieben. Der Bundesdurchschnitt liegt bei 1,2 von 1.000 Versicherten. Das geht aus dem Innovationsreport 2016 der Techniker Krankenkasse hervor.

TK fordert mehr Transparenz

Um die Qualität und Wirtschaftlichkeit der Versorgung zu steigern, ist Transparenz wichtig. Trotz der zahlreichen "roten" Bewertungen ist schon mehr als die Hälfte aller neuen Präparate in die medizinischen Leitlinien aufgenommen worden. Diese dienen den Ärzten als Informationsquelle. Die TK plädiert dafür, den Ärzten die Ampelbewertungen zur Verfügung zu stellen. Dies wäre ein großer Fortschritt, wenn der verordnende Arzt in seiner Praxissoftware sofort sieht, ob das Medikament, das er verordnen will, überhaupt einen Zusatznutzen für seinen Patienten hat.

Lipidsenker: Jeder Vierte Bremer über 60 Jahre nimmt Medikamente gegen hohe Blutfettwerte

Ein weiteres Sonderkapitel behandelt das Thema "medikamentöse Lipidsenker". Dies ist relevant, da viele Bremer Versicherte - bei der TK jeder vierte über 60 Jahre - im Jahr 2015 mindestens einmal ein Medikament aus diesem Bereich erhalten haben. Zudem kommen die internationalen Fachgesellschaften zu unterschiedlichen Empfehlungen, was den Einsatz dieser Lipidsenker betrifft.

Medikamente zur Behandlung von hohen Blutfettwerten wie Cholesterin gehören zu den umsatzstärksten und am häufigsten verordneten Arzneimitteln. Lipidsenker sollen Herz-Kreislauf-Krankheiten vorbeugen und das Risiko von Herzinfarkten senken. Ein Blick auf die Verordnungsdaten aller gesetzlich Versicherten im Land Bremen zeigt, dass die Zahl der verordneten Tagesdosen an Lipidsenkern stark gestiegen ist. Wurden im Jahr 2010 noch rund 13,5 Millionen Tagesdosen verordnet, waren es 2015 bereits rund 17,5 Millionen - ein Anstieg um knapp 30 Prozent.

Arzneimittel zur Senkung von Blutfetten haben in der Medizin einen festen und sinnvollen Platz. Allerdings liegen wie so oft in der Medizin Unter-, Über-und Fehlversorgung nah beieinander. Bei Patienten mit einem geringem Risiko von Herz-Kreislauf-Erkrankungen sollte kritisch hinterfragt werden, ob die medikamentöse Therapie einer Ernährungsumstellung, intensiverer Bewegung oder Gewichtsreduktion vorzuziehen ist. Patienten mit leicht bis mäßig erhöhten Blutfettwerten, die ansonsten gesund sind und bewusst leben, brauchen nicht in jedem Fall Lipidsenker.

Kritisch hinterfragt werden müsse auch, ob bei gegebener Verträglichkeit immer der teuerste Lipidsenker verordnet werden müsse. Laut des TK-Innovationsreports biete der Arzneistoff Ezetimib therapeutisch keinen Vorteil, sei aber deutlich teurer als etwa Statine. So erhielten nur fünf Prozent der Patienten mit Lipidsenker-Verordnungen den sehr teuren Wirkstoff Ezetimib. Allerdings machte dieser Arzneistoff mehr als 30 Prozent der Gesamtkosten in dieser Arzneimittelgruppe aus.  

Hinweis an die Redaktion

Der Innovationsreport 2016 hat das Ziel, einen Überblick über die Bewertung der neuen Präparate zu geben. Mit Hilfe von Routinedaten der TK kann der Report zudem interessante Erkenntnisse zur Versorgungsrealität mit neuen Arzneistoffen liefern. Diese wollen wir für Patienten, vor allem aber auch für Ärzte aller Fachgruppen, nutzbar machen. Mit dieser Transparenz wollen wir die Versorgungsqualität verbessen und die Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung steigern.

Auch der diesjährige Report wurde unter der Leitung der Herausgeber Professor Dr. Gerd Glaeske vom SOCIUM - Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik an der Universität Bremen, Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender des Vorstands der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft sowie Professor Dr. Petra Thürmann, Direktorin des Philipp-Klee-Instituts für klinische Pharmakologie am HELIOS Klinikum Wuppertal, erstellt.

Bei der Ampelbewertung werden drei Kategorien gewichtet: Gibt es bereits eine verfügbare Therapie? Gibt es einen Zusatznutzen? Verursacht das neue Medikament geringere Kosten? Aus den jeweiligen Kategorien ergibt sich eine Gesamtampel.

Als Tagesdosis (Daily Defined Doses = DDD) bezeichnet man die empfohlene Menge eines Medikaments zur Behandlung an einem Tag. Unabhängig davon, wie oft und in welcher Darreichungsform (Kapsel, Tropfen, Salbe) Medikamente angewendet werden, lassen sich die Arzneimittelvolumina so miteinander vergleichen.