Berlin, 19. August 2020. Immer mehr Migränepatienten bekommen neue Arzneimittel zur Vorbeugung von Migräne verordnet, sogenannte CGRP-Antikörper. Das ist ein Ergebnis des Kopfschmerzreports der Techniker Krankenkasse (TK). Die Auswertungen machen auch deutlich: Die Medikamente werden nicht nur bei den Patienten angewendet, für die sie gedacht sind.

Die Verordnungen sind nach der Zulassung der erste CGRP-Antikörper kam Ende 2018 auf den Markt kontinuierlich stark gestiegen. So bekamen gesetzlich Versicherte im Januar 2019 rund 200.000 Tagesdosen verschrieben, im Oktober waren es mit etwas mehr als 500.000 Tagesdosen mehr als doppelt so viele. Die Zahlen entsprechen in etwa einer Verordnung von 7.500 Spritzen Anfang 2019 und knapp 13.000 im Oktober 2019. Die CGRP-Antikörper kommen bei Frauen deutlich häufiger zum Einsatz als bei Männern: 90 Prozent der Versicherten mit einer Verordnung waren weiblich. Die monatlichen Kosten sind stetig gestiegen und lagen im Oktober 2019 hochgerechnet auf die gesamte gesetzliche Krankenversicherung bei etwa 9,4 Millionen Euro. 

CGRP-Antikörper gezielter einsetzen

Der Gemeinsame Bundesausschuss sah in der frühen Nutzenbewertung der Arzneimittel nur dann einen Zusatznutzen der CGRP-Antikörper, wenn keine der sechs verfügbaren Vortherapien wirkt. "Wir sehen in unseren Daten jedoch, dass diese neuen Medikamente nicht immer zielgerichtet eingesetzt werden und die Patienten deutlich weniger Vortherapien erhalten haben. Hier sehen wir Handlungs- und Aufklärungsbedarf", sagt Dr. Jens Baas, Vorsitzender des Vorstands der TK. Der Auswertung nach hatten knapp 52 Prozent der Versicherten, die CGRP-Antikörper verordnet bekommen haben, gar keine Vortherapie erhalten, weitere 25 Prozent nur eine.*

Prof. Dr. Hartmut Göbel, Facharzt für Neurologie und Spezielle Schmerztherapie, behandelt täglich Migränepatienten: "Die CGRP-Antikörper sind für Patienten mit monatlich mindestens vier Migränetagen gedacht, die auf bisherige zugelassene Medikamente zur Prophylaxe nicht ansprechen, sie nicht vertragen oder aufgrund anderer Krankheiten nicht einnehmen können. Diese Voraussetzungen müssen vor der Verordnung geklärt sein, da im Durchschnitt die Immuntherapie nicht wirksamer ist als bisherige Therapieverfahren. Nach meiner klinischen Erfahrung und wissenschaftlichen Studien wirken sie unter diesen Voraussetzungen bei etwa einem Drittel dieser Patientengruppe." Der Experte macht auch klar, dass mit der Anwendung der neuen Präparate die Migräne nicht vollständig verschwindet: "Die Behandlungen helfen, einen Teil der Attacken zu reduzieren. Für Betroffene ist es darüber hinaus essenziell, ihr Verhalten und ihren Lebensstil an die genetisch verankerten Grundlagen der Migräne anzupassen."

Frauen dreimal so häufig von Migräne betroffen

Der TK-Auswertung zufolge leiden insgesamt sieben Prozent der Frauen und 2,2 Prozent der Männer unter Migräne. Die Häufigkeit liegt unter den Zahlen, die sich zum Beispiel bei bevölkerungsrepräsentativen Umfragen ergeben, weil die Versichertendaten lediglich ärztlich dokumentierte Diagnosen und damit in der Regel besonders schwere Fälle aufzeigen. Mit Blick auf das Alter sind in der Gruppe der 45- bis 54-Jährigen die meisten Migränediagnosen zu verzeichnen. Hier sind insgesamt 6,6 Prozent der Versicherten betroffen, rund 10 Prozent der Frauen und 2,7 Prozent der Männer. 

Hinweise für die Redaktion

Mit Erenumab kam im November 2018 in Deutschland der erste CGRP-Antikörper auf den Markt, es folgten Galcanezumab im April 2019 und Fremanezumab im Mai 2019. Alle Antikörper werden als Spritze verabreicht. Der vollständige Kopfschmerzreport steht im Portal "Presse & Politik" der TK zur Verfügung. Hier finden Sie auch weitere Informationen zum Report wie Infografiken und Interviews. 

* Bezüglich der methodischen Vorgehensweise muss darauf hingewiesen werden, dass es möglich ist, dass nicht alle erfolgten Vortherapien korrekt zugeordnet wurden. Doch selbst, wenn man davon ausgeht, dass ein bis zwei Vortherapien zur Migräneprophylaxe pro Versicherten nicht erfasst werden konnten, ergibt sich, dass der überwiegende Anteil der Verordnungen in Patientengruppen erfolgt, für die kein Zusatznutzen besteht.