Hamburg, 24. Oktober 2018. Der Innovationsreport 2018, den die Techniker Krankenkasse (TK) heute vorgestellt hat, zeigt, dass 2015 seit langem wieder mehr Arzneimittel mit einem Zusatznutzen auf den Markt gekommen sind, die Preise aber weiterhin zu hoch bleiben. Außerdem widmet sich der Report in einem Sonderkapitel der Alzheimer-Demenz, die offensichtlich oft falsch oder gar nicht behandelt wird. „In einigen Therapiegebieten sehen wir seit langem die ersten echten Fortschritte. Aber das Beispiel Alzheimer-Demenz zeigt, dass die Forschung meist nicht dort stattfindet, wo sie am dringendsten gefragt ist“, so Dr. Jens Baas, Vorstandsvorsitzender der TK. "Ein neuer Pharmadialog sollte darauf drängen, dass die Pharmaindustrie ihre Forschungen auf Gebieten betreibt, wo sie benötigt werden - und nicht, wo die größten Profite winken."

Der Report bewertet 32 Wirkstoffe, die im Jahr 2015 auf den Markt gekommen sind. Maßgeblich waren die Fragen, ob eine bestehende Therapie verbessert wird, ob es einen Zusatznutzen für die Patienten gibt und ob die Kosten dem Grad der Innovation angemessen sind. Anhand der Verordnungsdaten lässt sich erkennen, welche Bedeutung die neuen Präparate im Markt haben.

Einige Präparate bringen wichtige Fortschritte

Zum ersten Mal konnten mit Hilfe des etablierten Bewertungsschemas in der Gesamtbewertung sieben „grüne Ampeln“ vergeben werden. Die Wissenschaftler der Universität Bremen vergaben zudem 15 Arzneimitteln eine gelbe und zehn eine rote Ampel.

„Fortschritte sehen wir im Bereich der Krebstherapie der akuten lymphatischen Leukämie und des multiplen Myeloms. Auch bei der Behandlung der Mukoviszidose zeigt ein Medikament einen deutlichen Zusatznutzen“, kommentiert Professor Dr. Gerd Glaeske von der Universität Bremen. „Bedenklich finde ich jedoch, dass erneut einige negativ bewertete Präparate schon jetzt ihren Weg in medizinische Leitlinien gefunden haben.“

Kosten nicht unter Kontrolle

Der geringste Teil der untersuchten Arzneimittel ist günstiger als die zweckmäßige Vergleichstherapie. Nur zwei der neuen Arzneimittel erhielten eine grüne „Kostenampel“, während sie bei 13 Wirkstoffen gelb und bei fünf Wirkstoffen rot zeigt.

„Besonders teuer sind, wie bereits seit einigen Jahren, die onkologischen Wirkstoffe“, so Professor Dr. Wolf-Dieter Ludwig, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft. „Wir wissen, dass diese hohen Preise weder die Kosten für Forschung und Entwicklung noch den Zusatznutzen widerspiegeln, sondern die Bereitschaft des Marktes (in den Industrienationen) derartig hohe Preise zu bezahlen. Besonders im Fokus der Pharmaindustrie stehen derzeit Immuntherapeutika, die insbesondere bei Krebserkrankungen inzwischen auch in Kombinationen eingesetzt werden und sehr hohe Kosten verursachen, ohne dass aussagekräftige Langzeitergebnisse zu ihrer Wirksamkeit und Sicherheit vorliegen.“

Im Vergleich zum Vorjahresreport kosten die neuen Arzneimittel insgesamt etwas weniger, was besonders auf ein Medikament zurückzuführen ist: Sovaldi, das zur Behandlung der chronischen Hepatitis-C eingesetzt wird, und im Innovationsreport 2017 auf dem Prüfstand stand. Bei Markteinführung kostete eine einzige Tablette 700 Euro. Baas: „An diesem Beispiel sehen wir, wie ein einziges Medikament das System beeinflussen kann. Ein Effekt, den wir in Zukunft wohl leider noch häufiger sehen werden." Auch wenn der Effekt dieses Jahr ausblieb und der Umsatz der untersuchten neuen Präparate zurückgegangen ist, werden 2018 die Gesamtausgaben für Arzneimittel dennoch erneut um fünf bis sechs Prozent steigen. Treiber dieser weiteren Kostenexplosion sind insbesondere die extrem teuren Kombinationstherapien gegen Krebs.

Pharmadialog: Lösungen für Preise und Forschungsanreize

In den vergangenen Jahren hat sich immer wieder gezeigt, dass sich das System, mit dem in Deutschland die Preise für neue Arzneimittel verhandelt werden, in den Grundzügen bewährt hat. Dennoch findet die Industrie Wege, um teilweise extrem hohe Preisforderungen zu realisieren. „Hier muss die Politik für die Zukunft praktikable Lösungen finden. Wir brauchen eine Regelung, um gute Preise für gute Medikamente zu bezahlen und nicht hohe Preise für schlechte Medikamente“, so Baas.

Außerdem findet ein großer Teil der Anstrengungen bei Forschung und Entwicklung in der Pharmaindustrie auf Anwendungsgebieten statt (z.B. Krebserkrankungen), auf denen es bereits zahlreiche neue Wirkstoffe gibt. Ludwig: „Wir brauchen künftig vor allem unabhängige klinische Forschung nach der Zulassung, da die für die Zulassung relevanten Studien meist nicht die Erkenntnisse generieren, die für eine qualitativ hochwertige, aber auch wirtschaftliche Versorgung unserer Patienten benötigt werden. Hierzu zählen bei Krebserkrankungen vor allem Fragen zur geeigneten Dosierung, zum Einsatz als Erstlinientherapie bzw. erst später nach Rückfall der Erkrankung oder als Mono- bzw. Kombinationstherapie.“

Alzheimer-Demenz - von der Industrie vergessen

Die Therapie der Alzheimer-Demenz ist nur ein Beispiel für eine Erkrankung, aus der sich die Industrie fast vollständig zurückgezogen hat. Seit Jahren gibt es keine neuen Zulassungen auf diesem Gebiet und die meisten Pharmaunternehmen haben ihre Forschung dazu vollständig eingestellt. Dabei ist die Alzheimer-Demenz nicht nur eine Herausforderung für jeden Betroffenen und seine Angehörigen, sondern auch für die gesamte Gesellschaft - gerade angesichts des demografischen Wandels. Denn mit steigendem Alter steigt auch die Wahrscheinlichkeit, an Demenz zu erkranken.

Die derzeit verfügbaren Medikamente gegen Alzheimer-Demenz verlangsamen nur das Fortschreiten der Erkrankung, können sie also weder aufhalten noch heilen. Vor diesem Hintergrund widmet sich das Sonderkapitel im Innovationsreport diesem Thema.

Viele demente Menschen werden nicht optimal behandelt

Eine Auswertung von Routinedaten der TK zeigt, dass die Menschen in Deutschland mit Alzheimer-Demenz vorrangig mit Beruhigungsmitteln wie Neuroleptika und Benzodiazepinen behandelt werden. Somit findet eine flächendeckende Fehlversorgung statt. Auch wenn die derzeit verfügbaren Medikamente gegen Alzheimer-Demenz das Fortschreiten der Erkrankung nur verlangsamen, sollten die Betroffenen damit versorgt werden.

Insgesamt erhalten nur 14 Prozent der an Alzheimer-Demenz erkrankten TK-Versicherten ausschließlich ein Antidementivum. Neun Prozent werden mit einem Antidementivum und zusätzlich mit einem Beruhigungsmittel behandelt. 26 Prozent der Patienten mit der Diagnose Demenz erhalten ausschließlich ein Antipsychotikum. Dabei geht jedes siebte Beruhigungsmittel, das zu Lasten der TK verschrieben wird, an einen Menschen mit Demenz.

Diese gravierende Fehlversorgung mit Beruhigungsmitteln und die gleichzeitige Unterversorgung mit Antidementiva lässt sich nicht mit den medizinischen Leitlinien erklären. Im Gegenteil: Hier liegt der Verdacht nahe, dass demente Menschen einfach ruhiggestellt werden, statt sie richtig zu behandeln“, so Glaeske. TK-Chef Baas ergänzt: „Die Zahlen zeigen, dass wir die Versorgung von Menschen mit Demenz dringend verbessern müssen. Die Therapie sollte überwiegend leitliniengerecht erfolgen und die Entwicklung neuer Wirkstoffe muss vorangebracht werden. Diese Menschen sollten daher auch beim Pharmadialog nicht vergessen werden.“

Hinweis für die Redaktionen

Die digitale Pressemappe mit dem vollständigen Report, der Präsentation, den Statements und Infografiken finden Sie unter www.presse.tk.de (Webcode 989856).

Im TK-Meinungspuls aus dem September 2018 wurden die Menschen in Deutschland bevölkerungsrepräsentativ unter anderem zu dem Thema Pflege und Demenz befragt. Weitere Informationen und Infografiken zum Meinungspuls sind unter www.presse.tk.de (Webcode 987704) verfügbar.