Bewertet werden 31 Präparate, die im Jahr 2017 neu auf den deutschen Arzneimittelmarkt gekommen sind. Anhand der Kriterien "verfügbare Therapien", "Zusatznutzen" und "Kosten" werden die Medikamente nach einem Ampelschema bewertet, woraus sich ein Gesamtbild auf Qualität und Wirtschaftlichkeit der Arzneimittelversorgung ableiten lässt. Der Report erscheint in diesem Jahr zum achten Mal und wird in Kooperation mit der Universität Bremen veröffentlicht. Was in diesem Jahr auffällt und wie Hamburg bei der Verordnung neuer Medikamente dasteht, erläutert Maren Puttfarcken, Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg.

TK: Frau Puttfarcken, was sind die wichtigsten Ergebnisse des Innovationsreports 2020?

Maren Puttfarcken: Es gibt einige echte Innovationen unter den neuen Medikamenten. Acht der 31 neuen Arzneimittel wurden von den Wissenschaftlern mit einer "grünen Ampel" bewertet. Damit ist der 2017er Jahrgang der beste seit Einführung des Innovationsreports. Mit dem Arzneimittel Spinraza® (Wirkstoff: Nusinersen) können zum Beispiel erstmals Patienten mit einer Spinalen Muskelatrophie (SMA) medikamentös behandelt werden. 16 neue Arzneimittel erhielten dagegen einen roten Gesamtscore. Damit bleibt mehr als die Hälfte der bewerteten Medikamente ohne zusätzlichen therapeutischen Nutzen.

Maren Puttfarcken

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Leiterin der TK-Landesvertretung Hamburg

Die Preisbildung muss auf der Basis objektivierbarer Kriterien transparent gestaltet werden. Mit dem Dynamischen Evidenzpreis hat die TK bereits 2019 eine mögliche Lösung eingebracht. Maren Puttfarcken

TK: Was können Sie zur Preisentwicklung seit der letzten Auswertung sagen?

Puttfarcken: Die Preise für neue Medikamente gehen buchstäblich "durch die Decke". Die Verordnung neuer Medikamente des Jahres 2017 hat allein 2018 bei der TK einen Ausgabenanstieg von sieben Prozent bewirkt, obwohl im Vergleich zum Vorjahr weniger Packungen verordnet wurden. Der Durchschnittspreis pro Packung stieg um knapp 140 Prozent auf 3.066 Euro. Mit Spinraza® haben wir zum ersten Mal in der Geschichte des Innovationsreports ein Medikament mit einem sechsstelligen Packungspreis auf dem Markt. 

Das ist eine enorme finanzielle Herausforderung für die GKV, über die neu diskutiert werden muss. Wir brauchen hier neue Modelle.

Preis/­Pa­ckung der neuen Arznei­mittel 2012-2017

TK-Infografik zum Preis neuer Arzneimittel der Jahre 2012-2017. Repräsentative Umfrage der TK zum Innovationsreport 2020. Das Bild ist noch nicht vollständig geladen. Falls Sie dieses Bild drucken möchten, brechen Sie den Prozess ab und warten Sie, bis das Bild komplett geladen ist. Starten Sie dann den Druckprozess erneut.
2014 führte die "1.000-Dollar-Pille" Sovaldi® zu einem deutlichen Kostenanstieg. 2017 liegt der Preis bei sechs Arzneimitteln über 10.000 Euro pro Packung. 

TK: Wie kann eine angemessene Preisbildung aus Sicht der TK aussehen?

Puttfarcken: Die Frage der Preisbildung ist komplex. Hier stehen sich die Interessen von Patienten, Gesetzgeber, GKV und vor allem Pharmaunternehmen gegenüber. Innovative Arzneimittel sind wichtig und sollen dementsprechend vergütet werden. Das kann aber nicht heißen, dass Pharmaunternehmen astronomische Preise aufrufen können. Die Preisbildung muss auf der Basis objektivierbarer Kriterien transparent gestaltet werden. Mit dem Dynamischen Evidenzpreis hat die TK bereits 2019 eine mögliche Lösung eingebracht. Das Konzept sieht vor, dass die Therapieeffekte neuer Medikamente regelmäßig erhoben und als Verhandlungsgrundlage für Kassen und Hersteller genutzt werden. Dies ermöglicht eine evidenzbasierte und dynamische Anpassung des Preises.

TK: Gibt es Auffälligkeiten bei der Verordnungspraxis neuer Medikamente in Hamburg? 

Puttfarcken: Die Verordnungshäufigkeit von neu eingeführten Medikamenten fällt regional sehr unterschiedlich aus. In Hamburg werden neben Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen und Schleswig-Holstein mit am häufigsten neue Medikamente verordnet (zwischen 2,77 und 4,12 Promille). Das zeigt uns der Anteil der TK-Versicherten, die 2018 mindestens ein neues Arzneimittel des Jahres 2017 erhielten - in Relation zur Gesamtzahl der TK-Versicherten (je 1.000 Versicherte) des jeweiligen Bundeslandes. Den niedrigsten Anteil weist Bayern auf (1,88 Promille). Es ist nicht ganz klar, worauf diese Unterschiede letztlich beruhen. Wissenschaftler der Universität Bremen vermuten, dass die regionale Altersstruktur, aber auch der Informationsstand der verordnenden Ärzte eine Rolle spielen könnten.

Hintergrund

Der vollständige Studienband Innovationsreport 2020 (PDF, 4,4 MB) steht auf dem Presseportal der TK zur Verfügung. Im Sonderkapitel beschäftigen sich die Autoren in diesem Jahr mit der Spinalen Muskelatrophie (SMA). Im Report wurde das erste zugelassene Arzneimittel zur Behandlung dieser neurologischen Erkrankung - Spinraza® mit dem Wirkstoff Nusinersen - mit einer "grünen Ampel" bewertet. Das Sonderkapitel thematisiert auch die bisherigen Schritte um die Zulassung des zweiten Medikaments gegen SMA, der Gentherapie Zolgensma®.