TK: Frau Hoyer, die elektronische Patientenakte (ePA) ist zum Jahresanfang gestartet. Unseren TK-Safe nutzen schon mehrere 10.000 Nutzer. Wie ist die erste Resonanz?

Sandra Hoyer: Der Start der ePA war sehr erfreulich. Wir verzeichnen inzwischen mehr als 70.000 aktivierte Akten [Stand 25.02.2021] und aktuell kommen jeden Tag mehrere Hundert Nutzerinnen und Nutzer hinzu. Die Systeme und die Infrastruktur laufen stabil. Die Umstellung von unserer elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe zur ePA wurde in nur anderthalb Jahren durchgeführt, erhielt am 21.12.2020 die Zulassung und stand bereits am 28.12.2020 in den App-Stores bereit. Man darf also von einer Punktlandung sprechen.

Sandra Hoyer

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Teamleiterin Versorgungsmanagement Projekte

TK: Die TK setzt in diese Akte große Hoffnungen, warum genau?

Hoyer: Weil es der Beginn einer neuen Ära im deutschen Gesundheitswesen ist. Jetzt sprechen alle Systeme im Gesundheitswesen eine Sprache und sind miteinander vernetzt. Für unsere bestehende Akte TK-Safe ist es - bildlich gesprochen - der Autobahnanschluss. Die Behandlungsdaten liegen in der Hand des Versicherten. Er hat damit umfassende Kenntnis und kann selbst für einen schnellen und reibungslosen Informationsfluss während seiner Behandlung sorgen. Die Informationen liegen jederzeit vor und können perspektivisch für viele praktische Services genutzt werden, von der frühzeitigen Erinnerung zum Vorsorgetermin bis zur Online-Buchung eines entsprechenden Arzttermins.

TK: Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten Bausteine bis die Akte ihren vollen Nutzen entfalten kann?

Hoyer: Drei Bausteine stehen im Mittelpunkt: 1. Die Vernetzung und Standardisierung. Wie bereits gesagt ist das die Basis für jeglichen Austausch, wenn alle Akteure an die Telematikinfrastruktur angeschlossen sind.  2. Die Usability und die Convenience für den Versicherten. Die Akte muss intuitiv und bequem zu führen sein und einen Mehrwert bieten, ansonsten wird sie nicht genutzt. 3. Die Inhalte. So wie das Internet von den Inhalten lebt, lebt auch die Akte von den Inhalten, wie ärztliche Befunde, das Zahnbonusheft, Laborberichte oder den Impfpass, um nur einige zu nennen.

TK: Was ist beziehungsweise war die größte Herausforderung, die die TK in der Entwicklung der ePA zu bewältigen hat?

Hoyer: Das war eine Mischung aus vier Herausforderungen: 1. Die sportliche Zeitschiene in Verbindung mit der Komplexität des Themas: Wir haben TK-Safe in nur anderthalb Jahren zur ePA entwickelt. 2. Die Anzahl der Player: Die ePA ist keine isolierte kleine App, sondern es musste das Zusammenspiel vieler Player orchestriert werden, vom externen Schlüsselgenerierungsdienst bis zur KI-gestützten Identifizierung. 3. Nüchterne Standards in attraktive Usability verpacken: Die Akte lebt von intuitiver Führung und klar gegliederten Inhalten. 4. Die Migration mit unserer bestehenden Akte: Jeder, der schon einmal ein Haus umgebaut hat, kann es sicher nachvollziehen - Bestehendes gut zu integrieren ist manchmal schwerer als neu zu bauen. Aber wir haben es geschafft und gehören heute zu den wenigen, die gleich zum Start schon eine Akte mit Inhalten und Services anbieten können.

TK: Ab Mitte des Jahres muss auch die niedergelassene Ärzteschaft angeschlossen sein. Daran gibt es immer wieder Kritik. Müssen die Ärztinnen und Ärzte noch vom Nutzen der ePA überzeugt werden? Wenn ja, wie?

Hoyer: Ärztinnen und Ärzte verbringen heute noch sehr viel Zeit damit, hinter Unterlagen her zu telefonieren. Wenn sie feststellen, dass der Patient alles dabei hat und bestenfalls bereits alles vorab zum Zugriff freigegeben hat, wird auch der eigene Nutzen sichtbar. Eine mühsame Anamnese mit Erinnerungslücken und unvollständigen Informationen gehören dann der Vergangenheit an. Das wird auch die Bereitschaft fördern, selbst Dokumente für den Patienten einzustellen, sofern er dies wünscht. Wenn sich das Ganze erst einmal eingespielt hat, wird dem ePA-losen Patienten in der Praxis eher die Frage gestellt: "Ach, Sie haben noch keine ePA?"

TK: Corona hat Video-Sprechstunden enorm gepusht. Erwarten Sie für die ePA einen ähnlichen Effekt?

Hoyer: Das kann man nicht unmittelbar miteinander vergleichen. Die Video-Sprechstunde ist eine technische Unterstützung. Was man aber ohne Zweifel feststellen kann, ist die Tatsache, dass das Thema Digitalisierung im Gesundheitswesen dadurch einen richtigen Schub bekommen hat und viele digitale Innovationen jetzt als Selbstverständlichkeit hingenommen werden, über die man vor drei Jahren noch lange diskutiert hat. Die ePA ist der Start einer langen Reise und legt die Datenbasis für viele weitere Entwicklungen, die, wenn sie erst einmal umgesetzt sind, ganz selbstverständlich sein werden.

TK: Wenn Sie einen Werbespot für die ePA drehen dürften - wie würde der aussehen, um die Menschen emotional zu "packen"?

Hoyer: Ich würde eine junge Familie mit einem Neugeborenen zeigen. Das Kind hat die Chance, die die Eltern nie hatten. Die Eltern können für das Neugeborene von Anfang an alle Gesundheitsinformationen an einem Ort speichern und teilen. So hat diese neue Generation von Anfang die Chance, alle Informationen zu seiner Gesundheit an einem Ort zu sammeln. Diese Möglichkeit hat es bisher nicht gegeben.

Zur Person

Sandra Hoyer ist studierte Diplomkauffrau und verantwortet seit Anfang 2020 die Entwicklung und Bereitstellung der elektronischen Patientenakte "TK-Safe" der Techniker Krankenkasse. Zuvor war sie schon bei Philips und der Telekom für die Umsetzung digitaler Projekte verantwortlich.