Die elektronische Patientenakte (ePA) ist ein Meilenstein im Gesundheitswesen. Sie sorgt dafür, dass die Menschen ihre Gesundheits- und Krankheitsdaten strukturiert und übersichtlich an einem Ort speichern und selbst managen können. Seit Anfang dieses Jahres müssen die Krankenkassen ihren Versicherten eine Akte zur Verfügung stellen - und die wiederum entscheiden, ob sie diese nutzen möchten. Was so eine Akte alles kann, welche Funktionen noch Zukunftsmusik sind und welche Vorteile sie bringt, erklärt Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein, im Interview.

TK: Alle Krankenkassen sind seit dem 1. Januar 2021 dazu verpflichtet, ihren Versicherten eine ePA anzubieten. Doch schaut man genauer hin, unterscheiden sich die verschiedenen Anwendungen. Was macht denn die elektronische Patientenakte der TK aus?

Sören Schmidt-Bodenstein: Tatsächlich haben wir als TK ja schon lange eine digitale Akte für unsere Versicherten. Seit 2018 können sie unsere Akte - TK-Safe - nutzen. Zu Beginn des Jahres haben wir die Funktionen der ePA in unsere bestehende Akte integriert. Das bedeutet für unsere Versicherten, dass sie über die gesetzlich festgelegten Basisfunktionen der ePA hinaus bereits auf viele weitere praktische Funktionen zugreifen können. So können unsere Versicherten mit einer gefüllten Akte starten, weil sie ihre Daten nicht selbst eingeben müssen, sondern ihre Medikamentenübersicht, Auflistungen ihrer Arztbesuche und Diagnosen oder Impfungen direkt auf Wunsch von der TK in die Akte laden können. Dazu kommen wertvolle Funktionen wie Impfempfehlungen oder Vorsorgeuntersuchungen.

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Sören Schmidt-Bodenstein

TK: Was sind denn Funktionen, die zwar noch Zukunftsmusik sind, aber dennoch in die ePA kommen könnten?

Schmidt-Bodenstein: Vorstellen könnte ich mir, dass man neben den Vorsorgeempfehlungen direkt zu einer Online-Terminbuchung geleitet wird. So könnte ich nach meiner Erinnerung an die Hautkrebs-Vorsorge direkt online aus der ePA heraus einen Termin bei meiner Dermatologin oder bei meinem Dermatologen ausmachen. Das Ergebnis der Untersuchung wird direkt in meine Akte überspielt und ist Basis für meine nächste Erinnerung und Untersuchung. Einfacher geht es gar nicht!

Beim Thema Datenschutz sind die Menschen in Deutschland sehr hellhörig - und das ist auch absolut richtig so.Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein

TK: Wenn es um digitale Anwendungen geht, ist natürlich der Datenschutz immer ein Thema. Wie sicher sind denn die Patientendaten in der Akte?

Schmidt-Bodenstein: Beim Thema Datenschutz sind die Menschen in Deutschland sehr hellhörig - und das ist auch absolut richtig so! Ganz besonders, wenn es um so sensible Informationen wie Gesundheitsdaten geht. Dennoch haben wir es hier auch immer wieder mit Missverständnissen und Halbwahrheiten zu tun. Klar ist: Gespeichert werden die Daten der ePA auf deutschen Servern. Dort liegen sie sicher Ende-zu-Ende-verschlüsselt. Der Nutzung liegt eine Zwei-Faktor-Authentifizierung zugrunde. Der eine Faktor ist die Registrierung des Endgerätes (Besitz), der andere Faktor ist die Anmeldung in der App mit meinem Benutzernamen und Passwort (Wissen). Kurz: Die Daten können nur von den Versicherten selbst anhand ihres einzigartigen und zufallsgenerieten "Schlüssels" gelesen werden. Einzig und allein sie haben also Zugriff. Nur, wenn sich die Nutzerinnen und Nutzer bewusst dazu entscheiden, Daten und Dokumente freizugeben, können diese auch von anderen - wie zum Beispiel  Ärztinnen und Ärzten - eingesehen werden. 

TK: Wo sehen Sie ganz persönlich den größten Nutzen der ePA für sich?

Schmidt-Bodenstein: Vor ein paar Jahren erst bin ich nach Schleswig-Holstein gezogen. Für mich war die Akte hier unglaublich praktisch. Denn mit mir und meiner Familie sind auch alle meine Gesundheitsdaten ganz einfach in der App in den Norden gekommen. Hier vor Ort musste ich mir dann natürlich neue Ärztinnen und Ärzte suchen. Auch die Erinnerung an Impftermine und Vorsorgeuntersuchungen ist für mich eine echte Bereicherung. Besonders wir Männer sind häufig eher Vorsorgemuffel. Daher ist ein regelmäßiger Hinweis eine sehr wertvolle Funktion in der ePA.

TK: Schleswig-Holstein gilt ja als ein besonders innovatives Bundesland. Warum sind die Menschen hier im Norden denn so offen für digitale Anwendungen?

Digitale Lösungen ergeben nur dort Sinn, wo sie für Betroffene eine wirkliche Verbesserung bringen. Die ePA ist dafür das beste Beispiel. Sören Schmidt-Bodenstein, Leiter der TK-Landesvertretung Schleswig-Holstein

Schmidt-Bodenstein: Ich glaube die Tatsache, dass wir ein ländlich geprägtes Bundesland sind, macht einen wesentlichen Teil aus. Digitale Lösungen - ob nun in der Bildung, Wirtschaft oder eben im Gesundheitswesen - sind in einem kleinen Ort in Dithmarschen oder auf einer der nordfriesischen Insel von noch größerer Bedeutung und Notwendigkeit, als vielleicht in einer Großstadt wie Hamburg oder Köln mit entsprechender Infrastruktur.

Ebenso sehe ich die Innovationsfreudigkeit bei den Menschen selbst. Vielleicht ist es die Nähe zu unseren skandinavischen Nachbarn, vielleicht auch einfach das schleswig-holsteinische Gemüt - so oder so: Die Menschen im Norden sind offen, was den digitalen Fortschritt angeht. Das merke ich, wenn es zum Beispiel darum geht, Projekte wie die virtuelle Physiotherapie und M@dita oder Anwendungen wie die Migräne-App und Invirto voranzubringen.

Aber auch der tägliche Austausch mit den Menschen im Land zeigt deutlich: Wir wollen Schleswig-Holstein gemeinsam zukunftsfähig aufstellen. Dabei muss aber eines ganz klar sein: Digitalisierung nur um der Digitalisierung selbst willen ist alles andere als innovativ. Digitale Lösungen ergeben nur dort Sinn, wo sie für Betroffene eine wirkliche Verbesserung bringen. Die ePA ist dafür das beste Beispiel.