TK: Frau Dr. Klakow-Franck, derzeit vollzieht sich Ihren Worten zufolge eine "kleine Revolution" im Gesundheitswesen. Glauben Sie, dass die neuen Möglichkeiten der qualitätsorientierten Krankenhausplanung für die Bundesländer noch in diesem Jahrzehnt zu konkreten Veränderungen in der Krankenhauslandschaft führen werden?

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 Dr. Klakow-Franck:  Der Einstieg in die qualitätsorientierte Krankenhausplanung mithilfe von Qualitätsindikatoren war die Idee einer gemeinsamen Arbeitsgruppe von Bund und Ländern zu Beginn der letzten Legislaturperiode. Dass seitens der Politik der Wille demonstriert wurde, den notwendigen Strukturwandel in der Krankenhauslandschaft nicht länger aufzuschieben, kann man meines Erachtens tatsächlich als „kleine Revolution“ bezeichnen.

Allerdings stellt sich der Handlungsbedarf in den einzelnen Bundesländern verschieden dar. Der Gemeinsame Bundesausschuss hat den gesetzlichen Auftrag, den Ländern Qualitätsindikatoren zu empfehlen, die für die Krankenhausplanung von Relevanz sein können. Dazu sollten sie in der Gesamtschau die Beurteilung der Gesamtqualität einer Fachabteilung ermöglichen - dies ist mit dem ersten, im Dezember 2016 beschlossenen Indikatorenset zu Gynäkologie und Geburtshilfe, so noch nicht möglich.

Der Gemeinsame Bundesausschuss hat das Institut für Qualitätssicherung und Transparenz im Gesundheitswesen deshalb beauftragt, neue Indikatorensets zu entwickeln, die für Krankenhausplanungszwecke besser geeignet sind. Mit spürbaren Konsequenzen des neuen Planungsinstruments ist deshalb erst ab 2020 zu rechnen, die Übernahme der Qualitätsindikatoren in den Krankenhausplan vorausgesetzt.

TK: Der Gemeinsame Bundesausschuss ist ein wichtiges Gremium der Selbstverwaltung im Gesundheitswesen. Wenn Sie nun als G-BA den Bundesländern die Instrumente liefern, um Kliniken oder Fachabteilungen aus der Versorgung zu nehmen - kommt darin nicht auch ein gewisses Misstrauen gegen die Selbstverwaltung zum Ausdruck, Qualitätsprobleme selbst in den Griff zu bekommen? 

Dr. Klakow-Franck: Ich habe die Beauftragung des Gemeinsamen Bundesausschusses eher als Vertrauensbeweis empfunden. Mit der klassischen externen stationären Qualitätssicherung haben wir in den vergangenen Jahrzehnten viel erreicht. In fast allen stationären Leistungsbereichen, die in das gesetzlich verpflichtende Qualitätssicherungs-Verfahren einbezogen sind, konnte flächendeckend ein gleich hohes Qualitätsniveau etabliert werden.

Aber wir haben Grund zur Selbstkritik: Die Qualitätsverbesserungspotentiale vieler Qualitätssicherungs-Verfahren sind überwiegend ausgeschöpft. Trotzdem schreiben wir dieselben Verfahren mit einem Tunnelblick auf operative Prozeduren seit Jahren mehr oder weniger unverändert fort, mit erwartbar guten Ergebnissen. Möglicherweise wiegen wir uns damit in einer Schein-Sicherheit, weil wir Versorgungsaspekte, die immer wichtiger werden, nicht hinreichend betrachten.

Die Geriatrie und die Pflegequalität sind große neue Herausforderungen, ebenso die Verzahnung mit der ambulanten Versorgung. Auch sollten wir bei Qualitätsdefiziten zukünftig schneller reagieren. Der strukturierte Dialog mit den Krankenhäusern, der sich derzeit über zwei Jahre erstreckt, muss meines Erachtens treffsicherer, reaktionsschneller und konsequenter werden.

TK: Durch welche Faktoren sehen Sie die Qualität in der stationären Versorgung am meisten bedroht - personelle Engpässe in der Krankenhauspflege, politische Widerstände gegen effektive Versorgungsstrukturen oder ungenügende Fehlerkultur in den Kliniken?

Dr. Klakow-Franck: Wie immer in der Qualitätssicherung gibt es keine monokausalen Zusammenhänge. Der Fachpersonalmangel stellt meines Erachtens jedoch derzeit den größten Risikofaktor für die Patientensicherheit dar.

TK: Wie kann Ihrer Meinung nach die zunehmende Digitalisierung in den Krankenhäusern in der Qualitätssicherung abgebildet werden? Welche Chancen und Risiken sehen Sie hier für die Patientinnen und Patienten?

Dr. Klakow-Franck: Der Einsatz elektronischer Patientenakten und digitale Vernetzung sind überfällig. All dies lässt sich unter Beachtung des Rechts auf informationelle Selbstbestimmung auch datenschutzkonform umsetzen, wenn man will.

Der Datenschutz ist meines Erachtens viel zu lange als Verhinderungsgrund gegen die Einführung digitaler Informationstechnologien instrumentalisiert worden. Datenschutzkonzepte sind selbstverständlicher Bestandteil von Qualitätssicherungsmaßnahmen des G-BA: Alle Patientendaten werden nur in verschlüsselter Form verarbeitet, die über eine unabhängige Vertrauensstelle zur Verfügung gestellt wird.

TK: Wo steht Baden-Württemberg aus Ihrer Sicht im Vergleich mit anderen Bundesländern in Sachen Krankenhausqualität?

Dr. Klakow-Franck: In Baden-Württemberg gibt es verschiedenen Qualitätssicherungsmaßnahmen, die über die bundeseinheitlichen Anforderungen hinausgehen, zum Beispiel für den Bereich der Schlaganfallversorgung. Auch in Sachen Krankenhausqualität wird Baden-Württemberg seinem Ruf als „Musterländle“ gerecht. Trotzdem muss die gesetzlich verpflichtende Qualitätssicherung nach Richtlinien des G-BA dringend weiterentwickelt werden.

Zur Person

Dr. med. Regina Klakow-Franck ist am 26.09.1960 geboren, verheiratet und hat zwei Kinder. Die Fachärztin für Gynäkologie und Geburtshilfe war lange Jahre für die Bundesärztekammer tätig. Seit Juli 2012 ist Klakow-Franck unparteiisches Mitglied des Gemeinsamen Bundesausschusses und seit September 2013 auch Kuratoriumsmitglied des Aktionsbündnis Patientensicherheit.

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