Hamburg, 29. Januar 2020. Als erste Krankenkasse in Deutschland bietet die Techniker Krankenkasse (TK) ab sofort eine digitale Therapie zur Behandlung von Angststörungen in den eigenen vier Wänden an. Die von der Hamburger Firma Sympatient entwickelte Therapie mit dem Namen "Invirto" ermöglicht mit Virtual Reality (VR) und einer App erstmalig eine leitliniengerechte Fernbehandlung von Angststörungen. Dabei können die Teilnehmer innerhalb von vier Wochen eine App-gestützte Therapie mit zahlreichen Schulungsvideos und digital angeleiteten Übungen absolvieren.

Hochwertige Therapie ohne Wartezeiten

Kernstück von Invirto ist die Konfrontation nach therapeutischen Prinzipien mit Angst auslösenden Situationen wie Aufzug- und U-Bahnfahrten oder Menschenansammlungen. "Unser Behandlungskonzept ermöglicht den Patienten einen schnellen Zugang ohne Wartezeiten zu einer hochwertigen Psychotherapie", so TK-Vorstandsvorsitzender Dr. Jens Baas. Studien zufolge leiden zehn Millionen Menschen in Deutschland im Verlauf eines Jahres an einer Angststörung. Sie ist damit eine der häufigsten psychischen Erkrankungen.

Patient entscheidet, wann und wie schnell er die Therapie absolviert

Bevor die Therapie mit der VR-Brille beginnen kann, untersucht das Zentrum für Integrative Psychiatrie (ZiP) des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein (UKSH) alle Teilnehmer im Rahmen einer umfassenden psychotherapeutischen Diagnostik. Danach bekommen die Teilnehmer die VR-Brille und einen App-Zugang nach Hause geschickt. TK-Chef Baas: "Anders als bei einer klassischen Psychotherapie mit einem in der Regel einstündigen Besuch beim Psychotherapeuten pro Woche kann bei dem neuen Angebot jeder Patient selbst entscheiden, wann, wo und wie oft er die verschiedenen Schulungsmodule und Übungen absolviert. Während der Therapie wird der Patient von einem Psychotherapeuten des UKSH per Telefon und Video begleitet. Gerade in Regionen mit wenigen spezialisierten Therapeuten und langen Anfahrtswegen ist das eine sehr attraktive Therapieoption."

App erfasst psychische Verfassung und bietet Hilfen

Im Behandlungsverlauf erfasst die App regelmäßig die psychische Situation der Teilnehmer anhand eines Fragenkatalogs. Julian Angern, einer der drei Gründer und psychologischer Leiter von Sympatient: "Wenn die Teilnehmer eine Verschlechterung ihres psychischen Zustands erfahren, haben sie direkten Zugang zu Notfallnummern und können sofort hilfreiche Übungen wiederholen." In Krisenfällen nehmen spezialisierte Mitarbeiter der Klinik mit den Teilnehmern direkt Kontakt auf. "Außerdem haben wir bei der Entwicklung von Invirto einen starken Fokus auf den Schutz der Patientendaten gelegt. Auch deshalb haben wir unsere Software von einer externen Stelle hinsichtlich der Sicherheit prüfen lassen."

Acht Stunden Schulungsmaterial und vier Stunden VR-Bildmaterial

Das vor zwei Jahren aus einer wissenschaftlichen Studie am UKSH heraus gegründete Unternehmen Sympatient hat für Invirto acht Stunden therapeutisches Schulungsmaterial und fast vier Stunden VR-Bildmaterial für sieben verschiedene Angstszenarien erstellt. Angern: "Damit bilden wir die häufigsten Angst auslösenden Situationen ab." Das neunköpfige Team wird finanziell von der Hansestadt Hamburg gefördert und wurde im September mit dem Hamburger Gründerpreis ausgezeichnet.

Patienten haben enormen Leidensdruck

Der Psychiater Dr. Bartosz Zurowski vom UKSH verweist auf den enormen Leidensdruck der Patienten. "Anfangs sind es oft sehr diffuse und unspezifische Symptome wie Schweißausbrüche, Herzklopfen oder Übelkeit. Deshalb erkennen die Patienten zu Beginn häufig nicht, dass ihre Ängste diese Symptome hervorrufen", so der Oberarzt und Leiter des Bereichs Angst- und Zwangsstörungen am UKSH-Campus in Lübeck. Im weiteren Verlauf würden die Symptome häufig komplexer. Manchmal trauten sich die Betroffenen im weiteren Verlauf gar nicht mehr, ihre Wohnung zu verlassen. Eine Berufstätigkeit, Einkäufe oder eine Teilhabe am gesellschaftlichen Leben seien für diese Menschen häufig gar nicht mehr möglich. Dr. Zurowski: "Deshalb ist es wichtig, dass Angstpatienten möglichst frühzeitig und niederschwellig ihre Störung mit einem wirksamen Gesamtkonzept bearbeiten können."

Höchste Zeit für mehr digitale Technik

Die einzelnen Bausteine der Therapie seien wissenschaftlich sehr gut erprobt und haben sich in zahlreichen Studien bewährt, so Zurowski. "Es wird höchste Zeit, dass wir diese neuen digitalen Techniken endlich in der ambulanten Versorgung einsetzen. Ich bin mir sicher, dass wir damit die Behandlung entscheidend verbessern und das bisherige Angebot der ambulanten Psychotherapie ergänzen."

Für die Teilnahme an der neuen Therapie können TK-Versicherte bei der Invirto-Terminkoordination unter der Telefonnummer 040 - 30 92 47 13 einen Termin vereinbaren. Das UKSH untersucht das neue Behandlungskonzept auch mit einer wissenschaftlichen Studie. Dazu werden Behandlungserfolg, Akzeptanz aber auch der Behandlungsaufwand von mehr als 200 Teilnehmern systematisch erhoben. Weitere Infos unter www.invirto.de sowie unter www.tk.de (Suchnummer 2075184).

Hinweis für die Redaktion

Techniker Krankenkasse (TK)
Mit mehr als zehn Millionen Versicherten ist die Techniker Krankenkasse Deutschlands größte gesetzliche Krankenversicherung. 14.000 Mitarbeiter setzen sich dafür ein, den TK-Versicherten eine qualitativ hochwertige medizinische Versorgung zu gewährleisten. Mit zahlreichen Innovationen wie der elektronischen Gesundheitsakte TK-Safe ist es Ziel der TK, die Digitalisierung im Gesundheitswesen voranzutreiben und ein modernes Gesundheitssystem maßgeblich mitzugestalten.

Sympatient
Invirto ist die weltweit erste digitale Psychotherapie gegen Angststörungen für Zuhause. Die neue Versorgungsform ist ein Produkt der Firma Sympatient. Der Entwickler und Anbieter von digitaler Psychotherapie mit Sitz in Hamburg wurde 2017 von Christian Angern, Julian Angern und Benedikt Reinke gegründet und beschäftigt aktuell neun Mitarbeiter. Gefördert von der Hansestadt Hamburg, gewann das Start-up im September 2019 den Hamburger Gründerpreis.

Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH)
Das Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) ist mit den Standorten Kiel und Lübeck eines der größten medizinischen Zentren in Europa. Alleinstellungsmerkmal der Universitätsmedizin ist das Zusammenspiel von Krankenversorgung, Forschung und Lehre mit dem Effekt, dass wissenschaftliche Erkenntnisse direkt in die Krankenversorgung einfließen (Translation). Gemeinsam mit der medizinischen Fakultät der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel und dem Senatsausschuss Medizin der Universität zu Lübeck stellt sich das UKSH den Herausforderungen der Medizin des 21. Jahrhunderts.