TK spezial: Die Klinik für Kinderchirurgie der Universitätsmedizin Mainz ist Vorreiter in Sachen Online-Videosprechstunde für kinderchirurgische Krankheitsbilder. Wie sind Ihre bisherigen Erfahrungen?

Gödeke: Unsere Erfahrungen sind sehr zufriedenstellend, da eine telemedizinische Begutachtung von kinderchirurgischen Erkrankungsbildern in einer Vielzahl sicher und mit hoher Qualität durchführbar ist. Dabei besteht eine hohe Zufriedenheit von Ärzten und Teilnehmern, weil Zeit (Anfahrt, Verdienstausfall auf Seiten der Erziehungsberechtigten, Verpassen von Schulzeit/Kindergarten), Kosten und Stress vielfältig eingespart werden.

Die modernen Techniken schenken uns Möglichkeiten, über die wir vor zehn Jahren noch gar nicht nachdenken konnten, und machen damit Spitzenmedizin auch für Kinder telemedizinisch sicher und zuverlässig machbar. Und wichtig zu erwähnen ist, dass die technischen Voraussetzungen wie Internetanschluss, Computer, Kamera oder Handy bei den meisten Patienten und Eltern sowieso zu Hause vorliegen und nicht extra erworben werden müssen.

TK spezial: Wo sehen Sie noch Entwicklungspotenzial?

Gödeke: Das Entwicklungspotential ist riesig, denn aktuell stehen wir in der Kinderchirurgie in Deutschland bezüglich Telemedizin sicherlich erst am Anfang. Dass eine Nachsorge kinderchirurgisch behandelter Patienten für Patienten/Eltern und Ärzte sicher und zufriedenstellend durchführbar ist, haben wir nicht zuletzt erst in unserer aktuell publizierten Studie über telemedizinische Nachsorge kinderchirurgisch behandelter Patienten gezeigt. Die aktuelle telemedizinische Gesetzgebung wird uns sicherlich helfen, beispielsweise auch den primären Kontakt telemedizinisch herzustellen und neue Forschungsgebiete innerhalb der Telemedizin zum Wohle der Patienten zu erschließen. Natürlich werden alle Studien unserer Klinik im Vorfeld von der Ethikkommission der Landesärztekammer Rheinland-Pfalz und Datenschutzbeauftragten begutachtet. Das halten wir bei der Einführung von neuen Methoden auch aus ethischer Sicht für absolut notwendig.

Auch die Finanzierung von telemedizinischen Sprechstunden für Kinder ist bisher nicht ausreichend geregelt. Zudem müsste die Internetinfrastruktur in Deutschland sicherlich auch noch verbessert werden. Daran wird aktuell in der Politik ja mit Hochdruck gearbeitet und wir versprechen uns dort zeitnah Verbesserungen. Sprechstunden mit Patienten aus dem Ausland sind unsererseits bereits meist über Hochleistungsinternetverbindungen problemlos möglich. Wenn wir jedoch in unsere direkte Nachbarschaft und die Vororte von Mainz schauen, kann es hier jedoch schon einmal problematisch werden.

TK spezial: Was ließe sich aus Ihrer Sicht noch verbessern?

Gödeke: Eine weitere Verbesserung liegt mir besonders am Herzen. Wir haben studienbelegt gezeigt, dass eine telemedizinische Beratung und Untersuchung kinderchirurgisch mit hoher Qualität und Zufriedenheit möglich ist. Eltern haben den eigenen Befragungen nach bisher oft jedoch noch eine Art "Stellvertreterangst“, eine Angst, dass etwas bei ihrem Kind telemedizinisch übersehen werden könnte. Hier gilt es Vertrauen zu schaffen. In unserer jüngsten Studie mussten wir von 112 Patienten nur einen Patienten in die Klinik bitten, um einen Befund nach telemedizinischer Begutachtung noch genauer zu inspizieren. Und diese Vorstellung erfolgte prompt und zeitnah ohne jeglichen Nachteil für den Patienten und sein Outcome. Man kann also derzeit sagen, dass die telemedizinische Nachsorge, jedenfalls in der Kinderchirurgie, sicher und effizient ist.

TK spezial: Verändert die Digitalisierung aus Ihrer Sicht das Arzt-Patienten-Verhältnis?

Gödeke: Digitalisierung wird meiner Meinung nach natürlich das Arzt-Patienten-Verhältnis irgendwie verändern, ob es dann jedoch zwangsläufig schlechter sein muss und wird wie bisher ist eine große Frage und vermutlich auch sehr individuell bedingt. Ich denke eher, dass die Beziehung durch die neuen Möglichkeiten erweitert wird. Dieses möchte ich Ihnen an einem Beispiel näher erläutern: Jeder kennt den Besuch beim Arzt. Das, worauf es immer besonders ankommt, ist ein vernünftig durchgeführtes Arzt-Patienten- bzw. Elterngespräch im direkten Augenkontakt. Dieses haben auch Studien bereits gezeigt. Die Telemedizin bietet genau diesen Augenkontakt, im Vergleich zum herkömmlichen Telefonanruf. Aufgrund der audiovisuellen Möglichkeiten der telemedizinischen Verbindung lassen sich viele Dinge bereits genauestens ermitteln. Durch zusätzliche Inspektion von Befunden kann weitere Sicherheit geschaffen werden. Oft ist eine direkte händische körperliche Untersuchung gar nicht zwingend erforderlich.

Videosprechstunden im Rahmen der Kinderchirurgie berücksichtigen genau die Erfordernisse. Eine Arzt-Patienten-Kommunikation mit Befundinspektion unter Einbindung der Eltern ist mit moderner Technik sehr gut möglich und zusätzlich lassen Eltern sich sehr gut für händische Untersuchungen unter Anleitung auch stellvertretend anleiten. Unseren Erfahrungen nach sind damit die allermeisten kinderchirurgischen Fragestellungen in Sprechstunden telemedizinisch ausreichend und sicher beantwortbar. Zusätzlicher Nebeneffekt ist, dass Kinder und Eltern sich zur Sprechstunde meist in häuslicher Umgebung oder sogar im Urlaub befinden können ohne notwendige Anreise zum Arzt. Dieses spart Stress, Zeit und Geld und Kinder sind außerhalb von Kliniken oder Arztpraxen in häuslicher Umgebung oft auch entspannter.

Bei entsprechender Datensicherheit und technischen Voraussetzungen ist damit eine kinderchirurgische telemedizinische Sprechstunde nach meiner Meinung sicher als Alternative der Zukunft zu sehen, die deutliches Wachstumspotential hat. Sie sollte jedoch als Angebot und nicht als Pflicht gelten, da natürlich nicht jeder Patient/Erziehungsberechtigter und auch nicht jedes Krankheitsbild geeignet ist.

TK spezial: Vielen Dank für das Gespräch.

Zur Person

Dr. med. Jan Gödeke studierte Medizin an der Universität Duisburg-Essen und an der University of Sheffield (UK). Nach Abschluss des Studiums und der Promotion begann er seine Weiterbildung zum Facharzt für Allgemeine Chirurgie im Jahr 2004 in der Kinderchirurgischen Klinik der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) München. Ab dem Jahr 2006 folgte eine zweite Ausbildung zum Facharzt für Kinderchirurgie an der Haunerschen Kinderklinik der LMU.

Im April 2013 wechselte Dr. Gödeke als "Clinical Instructor“ und Fellow an die Division of Pediatric General and Thoracic Surgery der Universität Pittsburgh (USA). Bereits hier war er telemedizinisch in die Evaluation und Betreuung kinderchirurgischer Patienten eingebunden. Im Juli 2014 kehrte er nach Deutschland zurück und ist seit diesem Zeitpunkt Oberarzt der kinderchirurgischen Klinik der Universitätsmedizin Mainz und Leiter des Schwerpunktes "Kinderchirurgische Telemedizin". Seitdem hat er als kinderchirurgischer Pionier in Deutschland die Telemedizin fest in die Diagnostik und Behandlung von Kindern innerhalb einer Universitätsklinik etabliert.